
Das Iwan-Franko-Theater inszeniert gemeinsam mit dem Asow-Regiment eine Neuinterpretation von Homers Epos, die das besetzte Mariupol in den Mittelpunkt rückt.
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Das Stück 'Odyssee. Meotida' ist eine Koproduktion des Kiewer Iwan-Franko-Theaters und des Asow-Regiments. Es thematisiert die Zerstörung und Besetzung von Mariupol durch russische Truppen.
Es ist der dritte Versuch, die „Odyssee“ zu zeigen. Zweimal wurde die Vorstellung abgesagt. Auch diesmal beginnt der Abend mit Luftalarm. Anderthalb Stunden lang steht das Publikum vor dem Kiewer Iwan-Franko-Theater vor verschlossener Tür, während über der Stadt Drohnen kreisen und irgendwo etwas abgefangen wird. Doch diesmal fällt die Vorstellung nicht aus. Als der Einlass endlich beginnt, tritt der Direktor vor den Vorhang und schlägt dem Saal einen Pakt vor: Man werde nicht bei jedem neuen Alarm unterbrechen; wer wolle, könne in den Schutzraum gehen, das Stück laufe weiter, die Verantwortung trage jeder selbst. So beginnt die „Odyssee“ schließlich unter beinahe ununterbrochenem Luftalarm.
Ein Nationaltheater und ein Militärkorps bringen gemeinsam die „Odyssee“ auf die Bühne – und verschieben mit einem einzigen Wort den ganzen Mythos. „Odyssee. Meotida“ heißt das Stück hier, das Mariupol zum Ithaka dieses Abends macht. Denn „Meotida“ ist der altgriechische Name des Asowschen Meeres. Auf der Bühne ist es kein Punkt auf der Landkarte, sondern das Bild eines langen Heimwegs: dorthin, wo für das Asow-Regiment alles begann, an die Küste der Stadt, die es einst verteidigte und die seit 2022 russisch besetzt ist. Das Stück eröffnet die Saison des Franko-Theaters, am 170. Geburtstag seines Namensgebers Iwan Franko. Es ist die erste Arbeit des Regisseurs Iwan Urywskyj über den Krieg – und seine erste mit Militärangehörigen; eine gemeinsame Produktion der Spielstätte und des 1. Korps der Nationalgarde „Asow“, nach einer Idee, die aus dem Korps selbst kam.
Was so entsteht, ist ausdrücklich kein Dokumentartheater. Der Text beruht auf realen Zeugnissen – der Dramatiker Olexij Dorytschewskyj hat für das Stück zahlreiche Verteidiger von Mariupol interviewt, schon vor der großen Invasion –, aber er bildet sie nicht ab. Von Homer, in der klassischen Übersetzung von Borys Ten, ist nur etwa ein Drittel geblieben: die Rückkehr, Penelope, der engere Kreis um Odysseus. Uniformen sind auf der Bühne kaum zu sehen. Für Dorytschewskyj ist dieser Umweg die eigentliche Bedingung. „Das Trauma ist zu frisch. Man kann nicht direkt über das sprechen, was gerade mit uns geschieht.“ Der fast dreitausend Jahre alte Text schafft den Abstand, der ein Sprechen erst ermöglicht.
Als sich der Vorhang hebt, sitzt Odysseus im Strickpullover auf einem Sofa, die Brüder um ihn, dann rufen ihn die Freunde, es geht auf die Reise, in den Krieg, fort von der Frau und dem eben geborenen Sohn. Er verabschiedet sich nicht von Penelope; er gleitet ihr gleich zu Beginn aus den Händen. Von da an sieht man zwei Welten nebeneinander, die einander nie erreichen: hier die Brüder auf ihrem Weg, dort Penelope, umworben, umsorgt, sich entziehend. Sie sprechen nur in Gedanken miteinander, so nah und so unerreichbar wie eine Soldatenfrau und der Mann, der irgendwo kämpft. Penelope, auf zwei Darstellerinnen verteilt, steht dabei für die ukrainischen Frauen, deren Angehörige an der Front, in Gefangenschaft oder verschollen sind. Die Meotida, das Asowsche Meer, hält beide Welten zusammen: der Ort, von dem alles ausging, und derjenige, auf den alles zuläuft.
Doch liegt die eigentliche Zumutung dieser Heimkehr darin, dass sie keine Wiederkehr des Alten sein kann. „Wir alle leben ein bisschen in der Vergangenheit“, sagt Dorytschewskyj, „in der Sehnsucht nach der Stabilität von früher. Aber die wird es nicht mehr geben. Die Ukraine hat sich verändert, die Welt verändert sich, und Odysseus hat sich verändert.“ Sein Stück handle von der Nichtumkehrbarkeit dieser Veränderung, die für Dorytschewskyj vor allem am Verhältnis zwischen Odysseus und Penelope sichtbar werde. Selbst eine Heimkehr, sagt er, könnte keine Rückkehr in das frühere gemeinsame Leben sein. Beide müssten erst anerkennen, dass sie nie wieder ihr früheres Selbst sein werden, bevor eine gemeinsame Zukunft möglich würde. Heimkehr bedeutet hier also nicht Wiederherstellung, sondern die Anerkennung dessen, was unwiederbringlich verloren ist.
Wie nah ihm der Stoff ist, verrät seine eigene Geschichte. Dorytschewskyj war Schauspieler am Kiewer Theater am linken Ufer, als er zu Beginn der Invasion eingezogen wurde; wie sein Held ist er bis heute nicht heimgekehrt, sein Dienst dauert an. Als der Auftrag für die „Odyssee“ kam, musste er wenige Tage später an die Front. Es sind diese zwei Leben, die man in der Besetzung des Odysseus wiederfindet, den sich zwei Männer teilen: Der eine ist Akmal Hurjesow, ein gefeierter Darsteller des Franko-Theaters und langjähriger Weggefährte Urywskyjs. Der andere ist Danylo Mireschkin, seit 2022 Soldat bei Asow. So spielt den heimkehrenden Krieger einmal ein Berufsschauspieler und einmal ein Mann, der selbst im Krieg war.
Der Name „Asow“ spielt dabei eine zentrale Rolle: Das Bataillon ging 2014 auch aus einem rechtsextremen Milieu hervor, wurde später in die Nationalgarde eingegliedert und mit der Verteidigung Mariupols zu einem der bekanntesten Symbole des ukrainischen Widerstands. Der Abend verschweigt das nicht, sondern macht die Geschichte des Bataillons im Gegenteil zum Ausgangspunkt des Stücks – eine Idee, die aus dem Korps selbst kam. Mireschkin formuliert einen Anspruch, der über Kiew hinausreicht: Die Ukraine sammle gerade eine Erfahrung, die die Welt brauche – nicht nur die des Krieges, sondern auch die der Reflexion darüber.
Keiner der Kameraden ergibt sich auf der Bühne. Sie werden vielmehr fortgerissen, aus den Händen des Odysseus, der sie nicht loslassen will. Ein metallener, krabbenartiger Roboter läuft über die Szene; ferngesteuerte Wagen sind zu sehen, die Odysseus anfangs selbst lenkt und die am Ende zu ihm zurückkehren; eine Drohne; Projektionen auf transparentem Stoff, die wie Geister über den Boden ziehen. Der Widersacher ist das Meer selbst. Poseidon, eine glitzernd blaue Gestalt mit Fischleib, steigt aus einer Röhre und kehrt in immer neuen Kostümen wieder – das Wasser, das den Heimweg trägt, ist zugleich das, was ihn verwehrt. Und in der Unterwelt begegnet Odysseus seiner toten Mutter, die ihn mit dem Löffel füttert wie ein Kind, während über beiden riesige, projizierte Gesichter hängen.
Ein Wiedersehen gibt es nicht. Penelope fleht, man möge ihr endlich sagen, ihr Mann sei tot, damit das Warten ein Ende habe – doch niemand kann es, weil niemand seinen Tod gesehen hat. Auch der Sohn, um dessen willen alles begann, wird am Ende nicht gesucht; die Inszenierung verweigert die Rührung der Vaterheimkehr. Nach anderthalb Stunden ohne Pause bleibt Odysseus weder heimgekehrt noch vermisst. Er ist noch unterwegs. Keine Auflösung, keine Ankunft: Der Weg geht weiter.
Immer wieder taucht dabei eine Tür auf, auf der in roter Schrift steht: „Wir sind alle hier.“ In der Ukraine ist das kein neutraler Satz: Mit ihm hatte sich der ukrainische Präsident Selenskyj in der Nacht zum 26. Februar 2022 aus dem Regierungsviertel gefilmt, um dem Gerücht entgegenzutreten, er sei geflohen – die Behauptung von Anwesenheit gegen das Verschwinden, damals gegen die Flucht, hier gegen den Tod, das Vergessen, die Gefangenschaft. Was bleibt, ist der Titel und seine Verschiebung. Homers Odysseus kehrte heim – ein Mann, allein, an einen Ort, der ihn erwartete. Dieses Stück sagt es anders. Nicht nur: Wir kehren zurück. Sondern auch: Wir holen es uns zurück. Das Meer, den Namen, die Erinnerung. Doch ankommen darf Odysseus an diesem Abend nicht. Mariupol ist noch besetzt.
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George Clooney erhielt den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk bei den Filmfestspielen in Venedig. In seiner Laudatio betonte Laura Dern seine Bodenständigkeit und Teamfähigkeit. Auf der Pressekonferenz äußerte sich Clooney optimistisch zu Politik, Klima und Familie, warnte jedoch vor Medienbesitz und Journalismus in den USA. Der Eröffnungsfilm „Ink“ von Danny Boyle thematisiert den Aufstieg Rupert Murdochs und die Boulevardisierung von „The Sun“. Jurypräsidentin Maggie Gyllenhaal sprach strukturelle Probleme der Filmbranche an, kritisierte die geringe Zahl von Regisseurinnen und verteidigte das Kino als Ort der Empathie.
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