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Marc Pitzke lebt seit 1993 in New York und arbeitet seit 2003 als SPIEGEL-Korrespondent dort. Er berichtet über seine persönlichen Erfahrungen mit politischen Wendepunkten wie 9/11, der Wahl Obamas und der Wahl Trumps, die seine Wahrnehmung der USA grundlegend verändert haben.
Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent:
»Persönlich für mich kann nur sagen, dass ich mich nicht mehr wohlfühle in diesem Land. Und das liegt auch an Trump, der hat wirklich alles umgekrempelt, das ganze Gewebe dieses Landes umgedreht.«
Marc Pitzke lebt seit 1993 in New York, seit 2003 arbeitet er als SPIEGEL-Korrespondent.
Jetzt geht er mit seinem Ehemann zurück nach Deutschland, um näher bei seiner Familie zu sein.
Das Land, in das er einst ausgewandert ist, erkennt er heute kaum wieder.
Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent:
»Meine Zeit in den USA hatte mehrere klare Einschnitte, wo sich mein Leben und das Leben in den USA selber stark verändert hat. Das war 9/11 2001. Das war die Wahl von Barack Obama zum ersten schwarzen Präsidenten 2008.«
John Roberts, oberster Richter der USA:
»Herzlichen Glückwunsch, Mr. President.«
Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent:
»Und das war die Wahl von Donald Trump 2016 zum ersten offen rassistischen Präsident.«
Donald Trump, damaliger Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner:
»Donald J. Trump fordert einen kompletten Einreisestopp für Muslime in die USA.«
Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent:
»Meine erste eigene Wohnung in New York. Hier oben im dritten Stock, nach hinten raus. In der zweiten Woche wurde es sofort eingebrochen. Durch die Feuerleiter hinten, alle Elektronikgeräte waren weg.«
Kapitel 1: Ankunft
»Die Neunzigerjahre in New York, das war damals viel schmutziger. Es war viel gefährlicher. Es war einfach viel rauer. Irgendwie war es noch das Gefühl, man konnte machen, was man wollte. Es war als schwuler Mann anders. Man traf halt hier auf so eine große Community, die es hier gab, was ich wirklich noch nie erlebt hatte. Die Stadt war halt einfach ein richtig tolles Abenteuer. Ich glaube, man war wesentlich unbeschwerter damals. Zumindest fühlte ich mich so. Man hat wirklich noch nicht so wahnsinnig viel über Politik nachgedacht. Es war egal, ob jemand ein Republikaner war oder ein Demokrat. Sie waren wirklich alle gleich freundlich. Politik spielte auf der Ebene überhaupt keine Rolle. Und das war für mich etwas, einfach wo ich mich wohlfühlte, wo ich mich sofort zu Hause fühlten.«
Kapitel 2: Terror und Krieg
Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent:
»Der 11. September war so eine richtige Zäsur. Ich glaube schon, dass sich in der Zeit nach 9/11 einfach die Politik vergiftet hat.«
»Jedes Mal, wenn so ein Wetter hier ist, denkt man da dran. Es war exakt wie heute. Glasklarer Himmel, selbe Temperatur, wunderschöner Tag und dann war es zu Ende. Ich war mit meinem Hund unterwegs morgens nach dem Frühstück und da sah ich auf einmal, wie die Leute alle in die eine Richtung guckten, nach Süden. Und ich guckte hinterher und dann sah man den einen Turm schon brennen. Und dann bin ich nach Hause gegangen, hab den Fernseher angemacht und hab gesehen, wie der zweite Flieger in den zweiten Turm gerast ist. Da wusste man natürlich, das ist kein Unfall. Es ist jetzt 25 Jahre her und trotzdem haben sich so ein paar Sachen halt eingefressen als Erinnerung. Der Geruch und der Gestank, der beißende Geruch in der Nase von Tod. Ich habe gesehen, wie Menschen aus den Türmen gefallen sind oder gestürzt sind. Ich habe gesehen, wie Leute panisch über die Straße rannten mit Koffern hinterher, mit Rollkoffern, die aus irgendwelchen Hotels kamen. Am nächsten Tag hatte ich einen weißen Schnee auf meinen Blumenkästen. Das war der Staub von den Türmen, von den Sachen in den Türmen und von den Leuten in den Türen. Und der ging auch überhaupt nicht richtig weg.«
»Bush kam ein paar Tage später hierhin, stellte sich dann auf den Trümmerhaufen mit dem Megafon, hat Rache geschworen.«
George W. Bush, damaliger US-Präsident:
»Und die Menschen, die diese Türme niedergerissen haben, werden bald von uns allen hören.«
Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent:
»Er hat halt die USA in einen Krieg gestürzt oder eine Reihe von Kriegen gestürzt, die 20 Jahre gedauert haben. Die ganze Gesellschaft wurde umgekrempelt. Es ging alles auf einmal um Patriotismus, um Nationalismus, um die Zerstörung der ideologischen Feinde. Die ganze Gesellschaft ist wirklich zu so einer Kriegsgesellschaft geworden, auch politisch. Auf einmal war das alles bierernst, weil ich glaube auch gerade in New York: Jeder kannte jemanden oder kannte jemanden, der jemanden kannte, der in diesen Türmen war. Da wird jede vernünftige Entscheidung von beeinflusst. Und es hat wirklich die Saat gelegt für viele der Entwicklungen, die später kamen in Amerika.«
Kapitel 3: Hoffnung
Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent:
»Ich glaube, wir haben alle einen großen Fehler gemacht, als Obama gewählt wurde. Alle haben gedacht, jetzt ist es eine neue Ära für Amerika, der Rassismus ist zu Ende.«
Barack Obama, damaliger Wahlsieger:
»Wandel ist in Amerika angekommen.«
Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent:
»Amerika hat einen schwarzen Präsidenten gewählt. Das Land ist jetzt versöhnt und genau das Gegenteil ist eingetroffen.«
»Obama im Weißen Haus, das ist natürlich etwas, was es noch nie gegeben hatte und es war das erste Mal, dass die schwarze Community hier in Harlem, aber nicht nur hier, sondern im ganzen Land, sich anerkannt fühlte, sich gesehen fühlten, dass man endlich tatsächlich mit an die Macht kam und nicht immer nur zusehen musste, wie andere die Macht hatten.«
»Die Obama-Jahre waren so eine falsche Idylle. Wir haben alle gedacht, dass wir diese ganze Zeit nach 9/11, diese Zeit der Verbissenheit und dieses falschen Patriotismus hinter uns lassen können. Und Obama hat aber genau das Gegenteil bewirkt. Nicht durch seine Taten und seine Aktionen, sondern einfach durch seine Präsenz und seine Existenz. Denn mit Obama hat sich der rassistische Unterbau von Amerika erst recht vereint. Und dahinter versteckte sich nicht nur politisches, sondern auch soziales und gesellschaftliches Denken. Dass sie sagen, es kann nicht sein, dass dieses Land von einem Schwarzen begeht wird. Und so entwickelt sich dann die Tea Party. Aus der Tea Party entwickelt sich Trump und die MAGA-Bewegung und dann kippt das alles in die andere Richtung zurück und den Salat haben wir heute noch.«
Kapitel 4: Enttäuschung
»Meine erste Erinnerung an Donald Trump ist der Tag mit der Rolltreppe. 2015, im Juni, ist er hier die Rolltreppe runtergekommen und hat seine Präsidentschaftskandidatur erklärt. Und damit hat halt alles angefangen. Die einen sagen: das große, goldene, neue Amerika. Die anderen sagen: der Untergang Amerikas. Er hat dann diese Rede gehalten, die man heute noch hört.«
Donald Trump, damaliger Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner:
»Wenn Mexiko seine Leute schickt, schicken sie nicht ihre besten. Sie bringen uns Drogen, sie bringen Verbrechen. Sie sind Vergewaltiger. Und ich nehme an, manche sind gute Menschen.«
Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent:
»Und das war damals ein Skandal schon, aber ein Skandal, wo man dachte: Naja, der kommt nicht weit. Wenn er so redet, wird er das nicht weit bringen. Und genau das Gegenteil war der Fall. Genau das musste er sagen, um es so weit zu bringen. Und das haben wir einfach damals nicht geahnt.«
»Die Wahlnacht 2016 war eine lange Nacht. Ich habe es nicht geglaubt, bis zum Schluss. Und dann saß ich irgendwann um fünf Uhr morgens in der U-Bahn nach Hause. Und mit mir saßen halt um diese Uhrzeit, das war ein Mittwochmorgen, hauptsächlich Bauarbeiter und Latinos. Einfache Leute. Aber kaum Weiße. Und ich saß da und hab gedacht: Mensch, das ist jetzt echt scheiße. Das waren die Leute, die er schon in seiner ersten Wahlkampfrede so angegriffen hatte. Und da wurde mir das so richtig klar, dass das Amerika, das ich gedacht hatte, wo ich drin lebe, jetzt vorbei ist. Wie schlimm das werden würde, war keinem klar.«
»Alles was ihm so mal mitten in der Nacht in den Kopf kommt und alles was ihm die rechtsextremen Berater vorlegen, alles wird tatsächlich Wahrheit. Er hat wirklich alles umgekrempelt in diesem Land, das ganze Gewebe dieses Landes umgedreht. Die ganze Moral, die Ethik, die Begrifflichkeit von Recht und Ordnung, Gut und Böse, von Richtig und Falsch. Ich hab gedacht, dass der 6. Januar 2021 sein Ende ist. Aber dass dieser 6. Januar 2021 keine Konsequenzen gehabt hat für Trump und für die Leute, die daran teilgenommen haben, die er alle begnadigt hat, 1500 Menschen – das war der Moment, wo du merktest, hier liegt so viel schief, dass es schwierig sein wird für das Land, da wieder rauszukommen. Ich glaube, dass es eher schlechter wird, bevor es besser wird und das ist für mich natürlich auch eine Sache, die ich eigentlich nicht mehr abwarten möchte. Das ist mir jetzt zu spät.«
Kapitel 5: Abschied
Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent:
»In meinem persönlichen Alltag merke ich, dass ich die Rolle des Journalisten immer weniger trennen kann von meiner Rolle als Privatperson, weil mich die Trump-Politik natürlich auch privat betrifft. Ich bin mit einem schwarzen Mann verheiratet.«
Darren Anthony, Ehemann von Marc Pitzke:
»Schwarze und People of Color haben immer in einem faschistischen Regime gelebt. Gerade fallen wir zurück in diese Zeit. Ich glaube deshalb, dass ich gerade nicht hier sein sollte. New York ist eine Bubble, ich bin hier sicher. Aber mein Leben findet nicht nur in New York statt, sondern auch außerhalb. Ich möchte nicht in einer Bubble leben, ich möchte das Leben erleben. Das Leben hat mehr zu bieten als New York. Aktuell glaube ich, dass alles den Bach runtergeht. Und ich würde mir das lieber aus der Ferne ansehen und nicht hier sein.«
Marc Pitzke, SPIEGEL-Korrespondent:
»Hier ist unsere Hochzeit während Corona zu Hause im Wohnzimmer. Und die meisten Leute waren über Zoom dabei, über Computer.«
»Ich bin mit einem Mann verheiratet, allein das wird auf einmal zum Problem. Jetzt in der zweiten Amtszeit merken wir natürlich, dass es Kräfte in der republikanischen Partei gibt und sehr starke Kräfte, die diese Entscheidung des Supreme Court, die gleichgeschlechtliche Ehe, wie das so schön steif heißt, wieder rückgängig machen wollen. Ich persönlich, für mich kann nur sagen, dass ich mich nicht mehr wohlfühle in diesem Land. Und das liegt auch an Trump, größtenteils an Trump. Aber auch an den Amerikanern. Man kann ja auch nicht alles Trump zuschieben. Der ist ja gewählt worden von 77 Millionen Menschen. Also, die Amerikaner haben ihr Los selber gewählt. Und die Frage ist: Will man daran noch teilnehmen? Oder gibt es was Besseres, wie man sein Leben noch verbringen kann und was man tun kann in seinem Leben? Und ich glaube für mich, und für uns beide, – das ist eine Entscheidung, die wir gemeinsam gefällt haben – ist das Bessere auf der anderen Seite.«
AI outlook — possibilities, not facts
Marc Pitzke wird seine Tätigkeit als SPIEGEL-Korrespondent aus Deutschland fortsetzen.
Very likely · Within months
Die Kritik an der gesellschaftlichen Entwicklung in den USA wird unter Demokraten und internationalen Beobachtern weiter zunehmen.
Likely · Within months

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