
Wie der kleinste Standort der Bundesliga-Geschichte den Aufstieg der SV Elversberg erlebt
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Die SV Elversberg ist erstmals in die Bundesliga aufgestiegen. Der Ort Spiesen-Elversberg hat 13.000 Einwohner und verfügt über ein Stadion, das derzeit für den Erstligabetrieb angepasst wird.
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Wissen Sie schon, was Sie am 29. August um 15.30 Uhr machen?«
Anwohnerinnen und Anwohner:
»Das weiß ich schon seit einem halben Jahr.«
»Fußball schauen.«
»Da gehen wir Bundesliga gucken und den Fans helfe ich Bier trinken.«
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Das hier ist der kleinste Standort in der Geschichte der Fußball-Bundesliga. Der Ort heißt Spiesen-Elversberg, 13.000 Einwohner, kein eigener Bahnhof, aber beim Fußball eben in einer Liga mit dem FC Bayern. Wir wollen den Ort heute ein wenig kennenlernen und treffen als erstes Toni Forster, der kennt den Verein schon sehr, sehr lange.«
Forster ist ein Urgestein bei der Sportvereinigung Elversberg. 2011 hat er als Platzwart angefangen, da war der Verein noch in der vierten Liga. Jetzt spielt die SVE erstmals in der Bundesliga – und Forster organisiert viel rund um den Stadionausbau.
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Was denken Sie, wenn Sie hier über das Stadion eines Erstligisten gucken?«
Toni Forster, SV Elversberg:
»Du, erst mal ist es sensationell. Zweites Heimspiel ist Bayern München.«
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Wenn Ihnen das so durch den Kopf geht: Hier unten läuft Harry Kane rum, Manuel Neuer. Das muss doch wahnsinnig sein.«
Toni Forster, SV Elversberg:
»Ja. Und vor allem müssen die sich hier im Containerdorf umziehen. Hier vorn sind die Gäste. Und das ist der Heimtrakt.«
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Also in ein paar Wochen sitzt Harry Kane in so einem Container und schnürt sich die Fußballschuhe.«
Toni Forster, SV Elversberg:
»Ja. Das ist kein Riesenkomfort, aber wichtig ist, dass das alles sauber ist. Wir sind ein Familienverein, ein Dorfverein. Und das wollen wir eigentlich auch bleiben.«
15.000 Plätze – das sind die Vorgaben für ein Erstligastadion. In Spiesen-Elversberg würde damit die ganze Gemeinde in die Arena passen. Und sie wäre trotzdem nicht ausverkauft. Zum Saisonstart fehlt eine Tribüne noch komplett, erst im Winter soll sie stehen.
So, das Stadion haben wir kennengelernt. Aber was ist im Ort los?
In Spiesen-Elversberg ist es… etwas verschlafen.
Womit könnte man bloß Menschen hierherlocken?
Anwohner:
»Nur mit Fußball.«
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Wofür steht denn Elversberg außerhalb des Fußballs?«
Anwohnerinnen und Anwohner:
»Ja.«
»Ähm.«
»Hm.«
»Das ist eine sehr, sehr gute Frage. Und Sie merken auch schon, dass bei mir die Rädchen laufen.«
Gut, das war nicht so ergiebig. Wir schauen uns selbst noch mal um.
Andere Sportarten werden hier offenbar vernachlässigt. Das Rathaus hat keinen Balkon – Meister sollte die SVE nicht werden. Ein großer Empfang wird hier schwer.
Gibt es hier denn gar nichts Aufregendes zu erleben?
Anwohner:
»Den Elversberger Turm, den Galgenbergturm. Das ist eine Sehenswürdigkeit. Sonst gibt es hier nicht viel.«
Okay! Nehmen wir! Auf zum Turm!
Den zeigt uns Daniel Körner. Der arbeitet bei der Gemeinde und ist – natürlich – großer SVE-Fan.
Aber nach wenigen Metern treffen wir erst mal Elversberger Prominenz.
Daniel Körner, Gemeindemitarbeiter:
»Das ist ein Elversberger, den könnt ihr mal auch noch fragen. Der war früher Masseur bei der ersten Mannschaft.«
Klaus Weber, früherer Physiotherapeut SV Elversberg:
»Und die Saarauswahl. Und die Damennationalmannschaft.«
Daniel Körner, Gemeindemitarbeiter:
»Den könnt ihr auch was fragen.«
Ihn freut, dass rund um Heimspiele was los ist.
Klaus Weber, früherer Physiotherapeut SV Elversberg:
»Die Kneipen sind voll. Der Bäcker macht Brötchen. Der Metzger macht Würstchen. Das ist doch super.«
Elversberg lebte in den Sechzigerjahren vom Bergbau – und war so dicht besiedelt wie kein anderer Ort in Westeuropa. Davon ist heute nichts mehr zu sehen.
Aber ein Highlight ist geblieben.
Daniel Körner, Gemeindemitarbeiter:
»So, und jetzt geht es halt Treppen hoch.«
Ganze 17 Meter, um genau zu sein. Bei seiner Eröffnung 1939 hieß das Wahrzeichen Adolf-Hitler-Turm, das gefiel den Elversbergern später verständlicherweise nicht mehr so gut.
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Das ist er.«
Daniel Körner, Gemeindemitarbeiter:
»Das ist der Turm. Und das ist Aussicht, die Weltklasse ist.«
Spiesen und Elversberg waren mal zwei Gemeinden.
Daniel Körner, Gemeindemitarbeiter:
»Das ist jetzt Spiesen.«
Erst 1974 wurden sie zusammengelegt.
Daniel Körner, Gemeindemitarbeiter:
»Und hier rüber ist Elversberg. Und da oben, da ist das Stadion. Man sieht so einen Flutlichtmast, den sieht man rausgucken. Eigentlich.«
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Was bedeutet Ihnen der Ort?«
Daniel Körner, Gemeinde Spiesen-Elversberg:
»Das ist mein Leben. Man wohnt hier, ist hier aufgewachsen. Die ganzen Freunde wohnen hier. Die Familie wohnt hier. Fußballverein, was auch Familie geworden ist über die Jahre.«
Am Fuß des Galgenbergturms wartet Körners Onkel Jörg Pitzius. Der hat ihn zum ersten Mal mit zur SVE genommen, als Körner gerade acht Jahre alt war.
Jörg Pitzius, SVE-Fan:
»Das war…«
Daniel Körner, Gemeindemitarbeiter:
»'98.«
Jörg Pitzius, SVE-Fan:
»War das '98 bei dir?«
Daniel Körner, Gemeindemitarbeiter:
»Mein erstes Spiel war 22. August 1998. 1:0 gegen Wuppertaler SV.«
Pitzius hat Fotos aus der Zeit dabei, als die ersten Trikots aus dem Kofferraum verkauft wurden. Und auch das Stadion sah noch etwas anders aus.
Jörg Pitzius, SVE-Fan:
»Man sieht, da kommt Kohle raus und dann haben sich die Leute dort Kohle genommen.«
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Und man hat von da das Spiel geguckt?«
Jörg Pitzius, SVE-Fan:
»Ja. Klar. Das ist die Haupttribüne.«
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Das ist ja Dorfverein. Wie viel kann man davon bewahren, wenn man in die Bundesliga aufsteigt?«
Daniel Körner, Gemeindemitarbeiter:
»Ich sag' mal so: Im Profi-Fußball, wo man jetzt ist, zwar wenig. Aber die Leute, das Drumherum, der harte Kern, der ist ja trotzdem noch da. Die sind ja schon immer da. Die bekommt man auch nicht weg. Und das macht den Dorfverein auch aus.«
Aber: Es wird eben alles größer. Und manchmal komplizierter.
Zurück zu Toni Forster. Der trifft zum Mittagessen Klaus-Dieter Woll.
Zusammen mit anderen Freunden haben die beiden vor einigen Jahren einen Fanclub gegründet. Der ist heute der größte der SVE – mit gut 300 Mitgliedern.
Klaus-Dieter Woll, Fanclub StammELV Schiffweiler:
»Gegen Dortmund fahren wir schon mit zwei Bussen. Das wird uns bei anderen Spielen auch passieren, die in der Nähe sind. In dem kleinen Saarland – wo kriegen wir dann die Busse her?
Der Imbiss ist direkt um die Ecke vom Stadion, bei Heimspielen ist es ein Fantreff.
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Und was ist hier beim Curry Schörry los, wenn Spieltag ist?«
Klaus-Dieter Woll, Fanclub StammELV Schiffweiler:
»Hier ist die Hölle los.«
Aber eben auch nur dann. Diese Gaststätte nebenan macht nur noch an Spieltagen auf.
Klaus-Dieter Woll, Fanclub StammELV Schiffweiler:
»Also an uns zweien lag es nicht, dass die Kneipen zugemacht haben. Also wir gehen gerne noch ein Bier trinken.«
Erst mal geht es für Toni Forster aber zurück auf die Baustelle. Viel Zeit ist nicht mehr bis zum Elversberger Bundesliga-Debüt.
Andreas Landberg, SPIEGEL:
»Eine Prognose noch zum Saisonauftakt? Wie läufts?«
Toni Forster, SV Elversberg:
»Gegen Bayer 04 werden wir, glaube ich, gewinnen. Dann gewinnen wir in Gladbach. Und dann dürfen die Bayern kommen. Dann haben die schon ein bisschen Respekt.«
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