Sturzflut in Nepal verwüstet Dörfer und fordert zahlreiche Opfer
Quick Look
- Eine verheerende Sturzflut hat am Mittwoch in Nepal ganze Dörfer zerstört, über 600 Todesopfer gefordert und Tausende obdachlos gemacht.
- Überlebende wie Gaurav Joshi und Ngawan Dorje Tamang berichten von plötzlich hereinbrechenden Schlammlawinen, die Häuser, Brücken und Märkte weggespült haben.
- Rettungsarbeiten werden durch anhaltenden Regen und Schlamm erschwert, ausländische Hilfsteams werden nun zugelassen.
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Why It Matters
Die Sturzflut wurde durch starken Regen ausgelöst, der zu einer Schlammlawine führte, die Flussufer überflutete und Siedlungen im Grenzgebiet zwischen Nepal und China zerstörte. Die Region ist bekannt als Startpunkt für Trekking- und Pilgertouren.
Es war etwa neun Uhr, als Gaurav Joshi zum letzten Mal sein Café aufschloss. Ein paar Schulkinder rannten an ihm vorbei. „Die Flut kommt!“, riefen sie ihm zu. Joshi dachte, sie wollten sich einen Scherz erlauben. Dann hörte er das Tosen, das vom Berg herunterkam. Der Boden unter seinen Füßen wackelte. Nun begann auch er den Abhang hinauf zu rennen. Er sah, wie die Sturzflut durch das Flussbett brach. Ein Strom aus Schlamm, riesigen Gesteinsbrocken und sogar Brückenteilen. „Ich glaube, es hat nur zehn bis 15 Minuten gedauert, bis alles weggespült war“, sagt der Nepalese.
Die folgenden drei Nächte verbrachte er in seinem Haus weiter oben am Hang. Das Flussufer hat er erst am Samstag zum ersten Mal wieder besucht. Ein Video, das er aufgenommen hat, zeigt eine verwüstete Landschaft aus Betonruinen, Geröll und verbogenen Möbelstücken. Ein paar Anwohner kämpfen sich durch den knietiefen Schlamm. „Ich habe dort so viel investiert, nicht nur in die Kaffeemaschine“, sagt der 33 Jahre alte Mann der F.A.Z. aus dem Ort Trishuli Bazar. Vor sechs Jahren hat er das Café „Chiya Papa“ eröffnet. Mehrere tausend Euro habe er dort reingesteckt. „Jetzt ist alles weg.“
Wie Gaurav Joshi stehen nach der verheerenden Sturzflut vom Mittwoch Tausende Nepalesen vor den Trümmern ihrer Existenz. Einige hat es sogar noch schwerer getroffen. „Viele haben ihre Angehörigen, ihre Häuser und auch ihren Besitz verloren, einfach alles“, sagt Joshi. Offiziellen Angaben von Samstag zufolge liegt die Zahl der Toten in China und Nepal mittlerweile bei 623. Mehr als 2400 Menschen werden vermisst. Es gebe viele Verletzte, die mit Hubschraubern in die Hauptstadt Kathmandu gebracht werden, sagt Joshi. Davon abgesehen habe er in Trishuli Bazar keine Rettungskräfte gesehen.
Er konnte sich an einem Ast oder Kabel aus der Sturzflut retten
Einem Armeesprecher zufolge erschweren die enormen Schlammmassen und Regenfälle die Bergungsarbeiten. „Der schwierigste Teil ist der abgelagerte Schlamm als Folge der Flutwelle“, sagte Armeesprecher Raja Ram Basnet der Deutschen Presse-Agentur. In den betroffenen Gebieten wie Temure, Syabrubesi und Mailung sei es dadurch schwierig, zu landen und zu starten. Anders als ursprünglich angekündigt, will die Regierung nun doch eine begrenzte Zahl von ausländischen Rettungsteams zulassen. Dazu befindet sie sich offenbar mit China, Indien und weiteren Ländern in Kontakt, deren Staatsbürger in Nepal vermisst werden.
Unter den Vermissten sind viele Ausländer, weil die betroffenen Orte Startpunkte für beliebte Trekking- und Pilgertouren im Grenzgebiet zwischen Nepal und China sind.
Auch das River View Hotel im Ort Syabrubesi wurde komplett zerstört. Der Betreiber Ngawan Dorje Tamang berichtet, dass sich zum Zeitpunkt der Sturzflut keine Gäste im Hotel befunden hätten. Die Schlammlawine sei „wie ein Tsunami“ über sie gekommen, sagt der Hotelbetreiber der F.A.Z. Auch er hatte zunächst das Geräusch gehört. „Als ich rausging, um nachzuschauen, war die Flutwelle schon ganz nah.“
Mit seiner Frau rannte Tamang auf die Straße hinaus. Binnen weniger Sekunden wurde sie von der Flut erwischt. „Ich habe sie aus den Augen verloren, weil ich wegen der Wolken und dem Schlamm nichts sehen konnte“, sagt er. Er ist sich sicher, dass sie nicht überlebt hat. Wie andere Augenzeugen berichtet er von einer Art Staubwolke, von der die Schlammlawine begleitet wurde. Tamang stürzte und wurde selbst vom Strom ein Stück mitgerissen. Es gelang ihm jedoch, mit einer Hand „einen Ast, ein Kabel oder ähnliches“ zu greifen und sich aus dem reißenden Strom zu ziehen.
Die Welle habe „alle Brücken, alle Märkte und alle Häuser“ zerstört
Der Hotelbetreiber schickt der F.A.Z. ein Tiktok-Video der New York Times, das ihn einen Tag später beim Einstieg in einen Rettungshubschrauber zeigt. Darauf humpelt er und wird von Soldaten gestützt. In der Welle hatte er sich mehrere Schnitte an den Beinen und Knien zugezogen. Der Hubschrauber brachte ihn nach Kathmandu, wo er bis zum Samstag im Krankenhaus behandelt wurde. In der Hauptstadt leben auch die 16 und 19 Jahre alten Kinder des Paars. „Meine Familie, meine Nachbarn und die Dorfbewohner – die meisten von ihnen sind tot“, sagt er.
Schicksale wie dieses werden erst nach und nach bekannt, weil in den betroffenen Gebieten nur langsam der Strom und das Handynetz zurückkehren. Es könnte noch Tage dauern, bis der Zugang in alle betroffenen Regionen wieder hergestellt ist.
Die 33 Jahre alte Dolma Tsering Tamang stammt aus dem Dorf Lingling, das etwa zehn Kilometer südlich des nepalesisch-chinesischen Grenzübergangs Gyirong liegt. Auch sie hörte zunächst das Geräusch. „Ich dachte, es sei ein Hubschrauber“, sagt sie, „als ich hinaufschaute, sah ich nur den leeren Himmel“. Dann fing auch ihr Haus an, zu wackeln.
Der Fluss im Tal unter ihr war zu dem Zeitpunkt schon so angeschwollen, dass er auch die größten Bäume am Ufer mit sich riss. In Timure, einem Ort nördlich ihres Dorfes, seien „alle Brücken, alle Märkte und alle Häuser zerstört“, sagt sie. Tamang überlebte, weil ihr Haus und die von ihr betriebene Pension vom Flussufer weit genug entfernt sind. Trotzdem übernachtet sie mit ihrer Familie derzeit weiter oben in den Bergen. „Wir haben große Angst, weil wir hören, dass die Flut wiederkommen wird“, sagt sie. Sie seien nur einmal kurz ins Dorf zurückgekehrt, um sich etwas zu essen zu besorgen. Denn ihr größtes Problem ist derzeit der Mangel an Nahrungsmitteln.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die Bergungsarbeiten werden aufgrund von weiterem Regen und Schlamm noch mehrere Tage dauern.
Likely · Within days
Ausländische Rettungsteams werden in den kommenden Tagen in Nepal eintreffen, um bei den Such- und Rettungsarbeiten zu unterstützen.
Very likely · Within days
Die Zahl der bestätigten Todesopfer wird in den nächsten Tagen weiter steigen, da derzeit viele Menschen als vermisst gelten.
Likely · Within days
Open Questions
- Wie hoch ist die genaue Zahl der Vermissten und Toten nach Abschluss der Bergungsarbeiten?
- Wann werden die Strom- und Kommunikationsnetze in allen betroffenen Gebieten vollständig wiederhergestellt?
- Welche langfristigen Wiederaufbaupläne hat die nepalesische Regierung für die zerstörten Dörfer?
- Wie wird die internationale Hilfe koordiniert und verteilt?



