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Eine gewaltige Flutwelle aus dem tibetischen Hochland traf Nepal am 26. August.
Gleichzeitig setzen die Rettungskräfte die Suche nach Überlebenden fort, um den Kindern vielleicht doch noch ihre Eltern und Geschwister zurückbringen zu können. Denn zum Aufgeben ist es zu früh.
1355 Todesopfer hat die Behörde für Katastrophenmanagement in Kathmandu mittlerweile registriert, zumindest war das der Stand am Montag. 4996 Menschen werden weiterhin vermisst. Die Hoffnung ihrer Familien schwindet. Aber es gibt auch wundersame Rettungen wie die der 64-jährigen Chandika Shrestha. Deren Angehörige glaubten am achten Tag nach der Flut nicht mehr an ein gutes Ende. Die Söhne fertigten nach hinduistischer Sitte eine Figur aus Kush-Gras an, die den Körper der Mutter darstellen sollte. Sie verbrannten die Figur beim feierlichen Bestattungsritual und begannen mit der Trauerperiode. Drei Tage später, am Samstag, zogen Helfer Chandika Shrestha lebend aus ihrem verschütteten Haus im Dorf Betrawati.
Und der australische Geologe Arnold Dix mahnt, die Hoffnung nicht zu früh aufzugeben. Dix ist ein Tunnel-Experte. Er ist vor allem in Indien bekannt, weil er 2023 an einer Rettungsaktion im Bundesstaat Uttarakhand beteiligt war. Damals stürzte bei Bauarbeiten der Silkyara-Tunnel ein. Die Rettungsaktion dauerte 17 Tage. Alle 41 Verschütteten wurden gerettet. Jetzt ist Dix in Nepal, um zu helfen, Menschen aus den verschütteten Tunneln der vielen Wasserkraftwerke im Katastrophengebiet zu holen.
Auch dort hat es schon Erfolgsmeldungen gegeben. Am Freitag wurden zwei Mitarbeiter des Trishuli-3A-Wasserkraftwerks im Distrikt Rasuwa nach neun Tagen in den finsteren Tiefen des Berges ans Licht geholt. Am Samstag bargen nepalesische Soldaten und südkoreanische Spezialisten einen chinesischen Mitarbeiter des Wasserkraftprojekts Upper Trishuli-I. Aber insgesamt vermuten die Behörden noch 1000 Menschen in den Tunneln der verschiedenen Wasserkraftwerke. Selbst der Australier Dix hat eine Rettungsaktion von diesem Ausmaß noch nicht erlebt. „Das ist wie 23 Silkyaras zur gleichen Zeit“, schreibt er in dem sozialen Netzwerk Linkedin. Es handle sich „um mehrere potenzielle Rettungsaktionen, die sich gleichzeitig an verschiedenen Orten abspielen“. Jede habe ihre eigenen Gefahren und Ungewissheiten.
Der Kampf um die Überlebenden in den Tunneln zeigt, wie gewaltig die Welle war, die am 26. August aus dem tibetischen Hochland durch Nepal rauschte. Außenminister Shisir Khanal erklärte das in einem Interview mit dem Sender Kantipur TV. „Äußerst komplex“ nannte er die Katastrophe. Die gesamte Landschaft habe sich verändert durch die Flut. Die oberirdischen Gebäude der Kraftwerke gebe es nicht mehr. Schon die Tunneleingänge unter den Massen aus Geröll und Schlamm zu finden, sei schwierig gewesen. Und in den Tunneln müssen sich die Rettungskräfte auch erst mal zu den Höhlen vorarbeiten, in denen Menschen ausharren könnten.
„Im Inneren ist alles unter Schlamm und Erde begraben“, zitiert die Nachrichtenagentur Kantipur den Polizisten Ambar Mahat, der an der Rettung der beiden Mitarbeiter im unterirdischen Maschinengebäude des Trishuli-3A-Wasserkraftwerks beteiligt war. Die beiden Überlebenden wurden wohl nur deshalb an einer Seite des Maschinenhauses gefunden, weil einer von ihnen um Hilfe gerufen hatte. Die Rettungskräfte fanden außerdem eine Leiche bei dem Einsatz. Sonst nichts.
Weitersuchen – das ist der Rat des Experten Dix. „Menschen können unter der Erde deutlich länger überleben, als man an der Oberfläche vermuten würde“, schreibt er. Ein Tunnel sei eine künstliche Umgebung, in der man nicht dem Wetter ausgesetzt sei und Hohlräume mit Wasser und Sauerstoff finden könne. Er verweist auf erfolgreiche Rettungsgeschichten aus der Vergangenheit. Und den Rettungskräften empfiehlt er, die Stille der Tunnel nicht zu ernst zu nehmen. „Stille ist kein Beweis für Tod“, erklärt er, „sie ist nur die Abwesenheit eines Signals. Jede Rettung hat in Stille begonnen.“

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