
Dennis Froese reinigt Teiche in Brandenburg und kämpft im Internet gegen Rechtsextreme. Dafür erntet er Hass und Morddrohungen – aber auch viel Zuspruch.
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Dennis Froese ist Teichpfleger in Oranienburg und postet auf Social Media gegen die AfD und rassistische Vorfälle in seinem Alltag.
Dennis Froese war ein ganz normaler Teichpfleger aus Brandenburg. Seit Kurzem legt er sich im Internet täglich mit AfD-Wählern an – und riskiert dafür mehr als schlechte Google-Bewertungen.
Oranienburg. Jeden Morgen greift ein Teichpfleger aus einer brandenburgischen Kleinstadt als Erstes nach seinem Smartphone, um zu erfahren, wer ihn heute schon im Internet beleidigt hat. Als „Stück Scheiße“, „hirnloses Ungeziefer“, „menschlicher Abfall“ oder auch so: „Im Wald bist du ja schon. Jetzt fehlt dir nur noch ein Seil.“ Dann holt er zum Gegenschlag aus. Hunderttausende sehen das. Auf Instagram, Tiktok und Facebook.
Dennis Froese ist, soweit sich das beurteilen lässt, ein ganz normaler Teichreiniger. Einer, der mal Maler war, Wirtschaftsinformatiker, der mit einer Aquarienvermietung nicht das ganz große Geld gemacht hat. Ein 44-jähriger, dünner Mann im Kapuzenpulli, der draußen ständig Sonnenbrille trägt, weil er Migräne hat. Jemand, den Privatpersonen und Kommunen beauftragen, wenn Teiche und größere Gewässer zu sehr von Pflanzen bedeckt sind.
Aber so ein ganz normaler Teichreiniger ist Froese doch nicht. Denn er positioniert sich klar gegen die AfD. Er will zeigen: „Wenn ein verdammter Teichreiniger sich gegen eine Partei stellen kann, dann kann das jeder machen.“ Für ihn ist klar: Das muss auf Social Media passieren. Dort, wo die Leute sind.
„Die Teich-Profis“ heißt Froeses Unternehmen mit Büro in Oranienburg. Bis vor drei Jahren war es noch eine GmbH mit knapp 20 Mitarbeitern und mehr als einer Million Euro Jahresumsatz. Dann kam einiges zusammen, nicht bezahlte Rechnungen, hohe Lohnkosten, Umstellung der Besteuerung. Die GmbH ging in die Insolvenz. Froese fing neu an mit nur einer Angestellten und engagierte seine Teicharbeiter fortan für Tageseinsätze über eine Online-Stellenbörse. Warum auch immer melden sich vor allem kamerunische Studenten. Außerdem machte er aus seiner Idee ein kleines Franchise. Nach eigenen Aussagen liegen seine Umsätze bei 300.000 Euro im Jahr. Er schreibe wieder schwarze Zahlen.
Dennis Froese: Selfie mit Hund. Foto: PRIVAT
Das erste politische Posting
Dann veröffentlichte er am 4. Mai 2025 ein Video auf Instagram mit dem Hinweis: „Auch wenn ich mir geschworen habe, niemals einen politischen Post zu machen, muss ich an dieser Stelle einmal Stellung beziehen.“
Einige Tage zuvor war er mit zwei Kamerunern in Mecklenburg-Vorpommern gewesen, gute Gegend, gleich an der Ostsee. „So eine richtig schöne Einfamilienhausgegend mit gepflegten Gärten, Elektro-Autos vor der Tür.“
Der Kunde war an dem Tag schon einige Male auffällig geworden. Hatte verlangt, dass Froeses Mitarbeiter sein sehr gebraucht aussehendes Auto vom Grundstück fuhr. Was sollten denn die Nachbarn denken? Als sie Stunden am Teich gearbeitet hatten, fragte der Kameruner den Mann, ob er mal die Toilette benutzen dürfe. Der Besitzer verneinte. Froese fragte noch mal nach. Seiner Erinnerung nach sagte der Mann: „Ich möchte nicht, dass der mit seinem schwarzen Arsch auf mein Klo kommt.“
Auf Instagram und Facebook war Froese mit seinem Unternehmen schon vorher aktiv gewesen, recht erfolgreich für einen Teichpfleger-Account. Er wusste schon damals, wie er die Leute bekam mit Überschriften wie „20.000 Liter Wasser für ein Halleluja“ oder „Der hässlichste Bachlauf der Welt“. Die Beiträge waren unpolitisch.
Der Clip, in dem er von dem rassistischen Kunden erzählte, machte in den sozialen Netzwerken seine Runde, er bekam viele Rückmeldungen, auch viele positive.
Er drehte noch ein paar weitere Reels in den nächsten Monaten, zur Mehrsprachigkeit in seinem Team zum Beispiel. Aber es brauchte noch einen sehr kalten Winter, bis der Instagram-Account zu dem wurde, der er jetzt ist.
Froese hatte damals selbst mitbekommen, wie etwas gekippt war, in Deutschland, in Brandenburg, vor allem durch Corona. Nazis hatte er schon immer herumrennen sehen, er kannte die Häuser mit den Reichskriegsflaggen. Aber durch Corona, so sagt er, ging es stärker in Richtung „Die da oben“. Auch in seinem Betrieb beschäftigte er vor der Insolvenz, so wurde ihm später klar, nicht nur AfD-Wähler, sondern auch Menschen, die er Nazis nennen würde.
Einmal hat er AfD gewählt
Aber Politik hatte ihn vorher nicht groß interessiert. „Ich wollte immer bloß in Ruhe gelassen werden.“ Tendenz SPD-Wähler. Einmal hatte er die AfD gewählt, ganz am Anfang, dann nie wieder.
„Ich bin einfach gegen Rechtsextreme“, sagt er. „Ich bin wirklich für Integration.“ Er ist in Westberlin aufgewachsen. „Wir hatten schon damals Türken in der Klasse. Die haben auch nicht wirklich gut Deutsch gesprochen. Da haben wir ihnen Deutsch beigebracht.“
Der Winter 2025/26 in Brandenburg war lang und kalt. Keine Aufträge für Teichpflege, also auch wenig Material für Teichvideos. Die Follower wollten beschäftigt werden. Die AfD wurde immer stärker in den Umfragen. Froese folgte dem Youtuber Marcant, der Nazis auf Demos konfrontierte. Froese sah aber auch, wie präsent die AfD in den sozialen Netzwerken war, dass die Partei Marketing verstanden hatte, „um diese Vollidioten da draußen abzuholen“. Er habe damals gedacht: „Ich muss im Rahmen meiner begrenzten Möglichkeiten als Teichreiniger etwas dagegen machen. Ich will weiter Ausländer beschäftigen. Im Alter soll mir jemand den Hintern abwischen.“
Er postete weitere Videos, in denen er sich klar positionierte. Aber dann fing er mit dem an, was in den vergangenen Monaten zu einer Art Markenzeichen geworden ist: Er machte Screenshots von den Beleidigungen, Gewaltandrohungen und Morddrohungen, die ihm Menschen aufgrund seiner Videos schickten, genauer: vor allem unter seine öffentlichen Facebook-Postings schrieben. Die meisten kamen von weißen Männern. Darüber setzt er durchaus offensive Überschriften wie „Meinungsfreiheit der AfDeppen“ oder „Ich kann dumme Menschen sehen“. „Ich hab auch einfach Social Media verstanden. Du musst die Leute dahin bewegen, dass sie sich das Video angucken.“
Im juristischen Graubereich
Fast von Anfang an postete er die Screenshots, ohne Name oder Profilfoto zu schwärzen, außerdem griff er auf ihre Facebook-Foto-Ordner zu. Ziel: den Leuten draußen zu zeigen, wer die AfD wählt. Damit man es selbst im Idealfall nicht macht. Dass die Menschen deshalb klar erkennbar sind, stört ihn nicht: „Wer solche Kommentare öffentlich postet, sollte auch erkannt werden. Damit andere vielleicht ihre Nachbarn oder Bekannten erkennen. Abgesehen davon posten sie diese Beleidigungen ja auch schon unter ihrem Klarnamen, und unter unseren Videos kann sie so oder so jeder sehen.“
Für Privatsache hält er das nicht: „Am Ende sind wir alle davon betroffen.“
Was menschlich nachvollziehbar ist, bleibt trotzdem ein juristischer Graubereich. Nicht nur, weil er nicht einfach Fotos von anderen verwenden darf. Die Rechtslage ist etwas komplizierter, auch bei öffentlichen Postings. „Naheliegend ist es, sich bei Veröffentlichungen im Internet auf eine Verletzung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts zu berufen“, sagt Rechtsanwalt Christian Löffelmacher. Aufseiten des sich Äußernden stünde immer das Grundrecht auf freie Meinungsäußerung. „Diese beiden Rechtspositionen sind gegeneinander abzuwägen. Das Ergebnis ist immer eine Frage des konkreten Einzelfalls.“ Löffelmacher berät die Macher des reichweitenstarken Instagram-Accounts Hogesatzbau, die ähnlich arbeiten wie Froese.
Rechtsanwältin Katrin Giere, spezialisiert auf Presse- und Äußerungsrecht, unterscheidet zwischen dem Teilen des Kommentars und des Fotos. Problematischer ist für sie die Bildveröffentlichung, die grundsätzlich nicht ohne Einwilligung der abgebildeten Person geschehen darf. Eine Ausnahme ist möglich, wenn das Foto aus dem Bereich der Zeitgeschichte stammt, es also einen zeitgeschichtlichen Informationswert hat. Das ist eine Abwägung.
Auch das Teilen eines bereits öffentlichen Kommentars ist nicht in jedem Fall erlaubt. Berücksichtigt werden müsse, in welchem Umfang ein berechtigtes Informationsinteresse bestehe „und wie stark dadurch die betroffene Person in ihrem Persönlichkeitsrecht beeinträchtigt wird“, sagt Giere. Aber ein bereits öffentlicher Kommentar ist für sie ein Argument, dass der Persönlichkeitsschutz deutlich geringer ist. Zudem dürfte der Inhaber des Profils, Froese also, „ein sogenanntes Recht auf Gegenschlag haben. Das heißt, er hat das Recht, sich mit den Äußerungen auseinander- und sich gegen diese auch zur Wehr zu setzen.“
Mit Anzeigen gedroht hätten ihm schon einige, sagt Froese, angezeigt habe ihn bisher niemand.
Ein Video, 6000 Beleidigungen
Auch dass täglich viel Zeit für die Account-Pflege draufgeht, nimmt er in Kauf. „Zwei Stunden auf jeden Fall.“ Das Sichten, das Video drehen, das Zusammenstellen. Und jedes Video führt zu weiteren Beschimpfungen. Er sagt, es gebe Videos, da kämen in den ersten drei Stunden 6000 Beleidigungen.
Froese sieht nicht unbedingt aus wie einer, der nach dem ersten Schlag noch steht, aber Angst hat er nicht, sagt er. Er wird häufiger erkannt, auch wegen seines Firmenwagens. Jemand, der zwei Dörfer weiter wohnt, habe ihm mal mit Gewalt gedroht. An einer Tankstelle habe sich jemand vor ihm hingestellt und gesagt, er solle lieber häufiger nach hinten schauen. Einmal ließ er zwei Mitarbeiter an einem Bahnhof in Brandenburg raus. Ein Golf fuhr ihm hinterher, stellte sich an einer Ampel neben ihn, Fenster runter. Er habe gerade die [N-Wort] aus dem Auto gelassen, habe der Fahrer gesagt: „Warum holst du die in unser Land?“
Immer wieder machen Unternehmen von sich reden, weil sie sich gegen den Rechtsruck stellen oder für Diversität einsetzen. Der Molkereigenossenschaft Deutscher Milchkontor waren mehrere Wochen Berichterstattung sicher, weil sie auf der Verpackung ihrer Käsemarke „Milram“ nicht nur weiße Menschen abgebildet hatte. Aber viele Unternehmen positionieren sich nicht, zumindest nicht öffentlich.
Unternehmen fürchten wirtschaftliche Konsequenzen
Daniel Vorpahl vom Bündnis „Brandenburg zeigt Haltung“ beobachtet, dass der Impuls häufig von Einzelpersonen in der Leitung ausgeht. Viele hätten das Thema lange Zeit nicht auf dem Schirm gehabt. Oder sie haben Angst vor wirtschaftlichen Konsequenzen, zum Beispiel, weil die AfD bald in der Position sein könnte, öffentliche Aufträge zu vergeben. Für viele Unternehmen werde aber nun immer offensichtlicher, dass konkret wirtschaftliche Konsequenzen drohen, wenn demokratische Grundpfeiler erodieren, zum Beispiel durch Fachkräftemangel aus dem Ausland. „Für die meisten Unternehmen ist Demokratieförderung ein völlig neues Feld“, sagt Vorpahl. Sie hätten das bisher nicht als ihre Aufgabe gesehen.
„Dabei stehen sie als Arbeitgebende längst mitten in diesen Debatten, spätestens wenn eigene Mitarbeitende angefeindet oder Werbekampagnen mit People of Color zur Zielscheibe werden“, sagt ein Sprecher der Initiative „Unternehmen gegen Rechts“. Unternehmen, die sich engagieren, hätten erkannt: „Nichtstun bedeutet für ihre Zukunftsfähigkeit ein weitaus größeres Risiko als ein klares Bekenntnis zur Demokratie.“
Marie Christina Schröders, die eine Finanzberatung führt, hat die Initiative „Werte vor Umsatz. Wirtschaft widerspricht“ gegründet. Sie sagt: „Vielleicht ist Zurückhaltung manchmal gar keine Gleichgültigkeit, sondern schlicht Hilflosigkeit.“ Was soll man als Unternehmen tun? Ihre Initiative vergibt eine Art Orientierungszeichen für demokratiefördernde Unternehmen. Durch einen Button auf der Webseite des Unternehmens wird das sichtbar. Zu den Kriterien, um diesen zu bekommen, gehört es, keine geschäftlichen Kontakte zu AfD-nahen Strukturen zu haben und respektvollen Umgang mit Kunden und Beschäftigten zu pflegen. Mehr als 150 Unternehmen haben sich angeschlossen.
„Inzwischen passiert etwas, das ich zu Beginn selbst in dieser Form gar nicht erwartet hatte“, sagt Schröders. „Die teilnehmenden Unternehmen tragen sich gegenseitig.“ Es entstünden Aufträge, Empfehlungen und neue Geschäftsbeziehungen. „Menschen sagen beispielsweise: Wenn ich ohnehin eine Versicherung brauche, warum gehe ich nicht zu jemandem, dessen Werte ich teile?“
3000 Follower verloren, 30.000 gewonnen
Auch Dennis Froese hat sich der Initiative angeschlossen. Er sagt aber klar: Es ist nicht Teil seines Geschäftsmodells, dass er sich gegen rechts positioniert. „Wir sind nach wie vor eine Firma, die Geld erwirtschaften muss. Mit diesem Content erwirtschafte ich kein Geld. Das ist die reine Überzeugung.“
Er sagt aber auch: „Es hat durchaus einen positiven Nebeneffekt für die Firma.“
„Wir haben sicher einige Kunden verloren“, sagt er, auch wenn er sich nicht erinnern kann, dass auch nur einer einen Auftrag storniert habe. Aber einige hätten ihn nur wegen seiner Videos überhaupt gebucht. Einige hätten geschrieben: „Wegen euch lasse ich mir einen Teich bauen.“ Er habe 3000 Follower verloren und 30.000 dazugewonnen. Momentan habe allein der Instagram-Kanal eine monatliche Reichweite von sechs Millionen.
Mit Social Media erreichst du die meisten Leute, die noch nicht über dich nachdenken. Dennis Froese Teichpfleger
Seine Google-Durchschnittswertung liegt bei 4,5 von 5 Sternen. Früher hat er viel Geld dafür ausgegeben, damit sich eine Anwältin an Google wendete, um offenbare Schmähkritiken entfernen zu lassen von Menschen, denen bloß Froeses Weltbild nicht passte. Jetzt lässt er es. Schließlich bekommt er viele Fünf-Sterne-Bewertungen von Menschen, die ihn einfach gut finden wegen dieses Weltbilds.
Froese appelliert gerade an kleinere Unternehmen, keine Angst zu haben. „Du wirst keine Umsatzeinbußen haben, weil du dich auf eine Seite stellst.“ Er erklärt das am Beispiel seiner Firma. „Nicht nur AfD-Wähler haben Teiche.“ Wie viele Kunden brauche man denn, damit es einem gut gehe? Bei ihm seien es 200, 250 Kunden. „Die 250 Menschen, die finden wir noch.“
Und er ist überzeugt, dass sein Engagement etwas bewirkt. „Ich meine, es bringt immer was.“ Vielleicht hat er die perfekte Metapher für Demokratiearbeit schon selbst gefunden, ohne es zu wissen. Teiche, sagt er, sind keine Biotope. „Klar können wir das Schilf im Gewässer wachsen lassen, dann haben wir aber irgendwann eine Wiese. Wenn ihr Gewässer erhalten wollt, müssten die Pflanzen raus. Man muss sich kümmern.“
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