Bundeskanzler Merz fordert mehr Leistungsbereitschaft. Doch eine neue Statista+-Umfrage zeigt: 39 Prozent der Arbeitnehmer finden, dass sich Leistung nicht lohnt – oft wegen unzureichender Bezahlung und fehlender Anerkennung.
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Bundeskanzler Friedrich Merz forderte in seiner Regierungserklärung mehr Leistungsbereitschaft von den Deutschen und kritisierte die Viertagewoche. Eine Statista+-Umfrage untersucht nun die Einstellung von Arbeitnehmern zu Leistung und Bezahlung.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wünscht sich mehr Leistungsbereitschaft von den Deutschen. „Wir müssen in diesem Land wieder mehr und vor allem effizienter arbeiten“, forderte er in seiner ersten Regierungserklärung. Mit Viertagewoche und Work-Life-Balance könne man den Wohlstand des Landes nicht erhalten.
Nur: Für Millionen Arbeitnehmer in Deutschland klingt das nach Hohn. Darauf deuten die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage unter 1000 Angestellten sowie selbstständig Erwerbstätigen in Deutschland von Statista+ hin.
Demnach sind 39 Prozent der Befragten der Ansicht, dass sich Leistung im Job nicht lohne. Zugleich ist die Bereitschaft, mehr zu leisten, als formal erwartet wird, begrenzt. Das hat fatale Folgen für die Wirtschaft – und auch für das Rentensystem. Mehr als jeder Dritte (34 Prozent) der Beschäftigten ist offen für eine Reduzierung seiner Arbeitszeit. 22 Prozent von ihnen planen dies bereits konkret. Folglich würden diese Personen auch weniger in die Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung einzahlen und weniger Einkommenssteuer abführen.
Laut der Umfrage ziehen gut 22 Prozent deutliche Konsequenzen aus ihren Eindrücken: Sie sind nicht bereit, mehr zu leisten, als formal von ihnen erwartet wird. Vor allem, weil vielen die Gegenleistung fehlt: 41 Prozent sagen, dass zusätzlicher Einsatz finanziell gar nicht ausreichend vergütet wird.
Aber noch ein weiteres Problem offenbart sich in den Antworten, und das hängt mit dem Führungsstil vieler Vorgesetzter zusammen. Mehr als jeder Dritte (34 Prozent) fühlt sich nicht anerkannt oder wertgeschätzt von seinem Chef – und sieht daher auch keine Motivation darin, mehr zu leisten.
Etwa jeder Vierte glaubt zudem, dass mehr Einsatz im Job keine besseren Karrierechancen in Form einer Beförderung einbringt. „Für Unternehmen bedeutet das, Leistung transparenter zu bewerten und konsequent mit nachvollziehbarer Gegenleistung zu verknüpfen, etwa durch klare Gehaltsentwicklungen, echte Anerkennung im Alltag und verlässliche Entwicklungsperspektiven“, resümiert Annika in der Beek, Chief People Officer bei Statista.
36 Prozent der Befragten gaben zudem an, dass mehr Einsatz im Beruf ihre Freizeit einschränkt. Der wenige oder nicht vorhandene Mehrwert wäge das nicht auf. 31 Prozent gehen sogar so weit, dass mehr Leistung im Job, die oft auch mehr Arbeitsstunden mit sich bringt, sogar ihre Lebensqualität insgesamt verschlechtere.
23 Prozent sagen, dass sie bereits an ihrer Belastungsgrenze arbeiten. Auch das deutsche Steuersystem spielt eine Rolle: 22 Prozent meinen, dass ein Teil ihres Mehreinkommens bei höherer Arbeitszeit und mehr Leistung im Job ohnehin durch Steuern und andere Abgaben verloren geht.
Laut dem Arbeitsmarkt-Forscher Friedhelm Pfeiffer vom ZEW lassen sich die Befragungsergebnisse durch psychologische und wirtschaftliche Faktoren erklären. Sowohl das gesamtwirtschaftliche Arbeitsvolumen in Stunden als auch die Zahl der Erwerbstätigen erreichten nach offiziellen Angaben des Statistischen Bundesamtes 2024 einen historischen Höhepunkt. „Seit dem Höhepunkt sind die Werte zurückgegangen, aber nur vergleichsweise moderat“, erklärt er. Von arbeitsmüden Bundesbürgern könne also keine Rede sein.
Er glaubt auch: „Die meisten Beschäftigten werden wohl eine höhere Leistungsbereitschaft im Job haben, wenn sie sich von dem verdienten Geld mehr leisten können.“
Allerdings habe die Inflation seit dem Jahr 2019 den gesamtwirtschaftlichen nominalen Einkommenszuwachs der Beschäftigten mit mehr als 20 Prozent bis heute nahezu vollständig aufgefressen. Dadurch ist die Kaufkraft der Arbeitsverdienste heute kaum höher als 2019.
„Jedoch steigen die realen Einkommen aus Beschäftigung aktuell wieder an. So sind die nominalen Einkommen im ersten Quartal 2026 im Vergleich zum ersten Quartal 2025 um 4,1 Prozent gestiegen“, fügt Pfeiffer hinzu. Nach Abzug der Inflation bleibe somit ein Zuwachs von 1,8 Prozent.
Die Steuerprogression trage laut Arbeitsmarktexperten Pfeiffer ebenfalls zu diesem Eindruck bei. „Empirisch verdoppelt sich das Bruttoeinkommen vieler junger Erwerbstätiger etwa innerhalb der ersten zehn Berufsjahre. Da die Steuern auf diesen Zuwachs überproportional zunehmen, wächst das Nettoeinkommen nicht in gleichem Maße“, erklärt er.
Durch die aktuelle Arbeitsmarkt- und Wirtschaftslage sehen einige Beschäftigte wohl auch ihre Karrierechancen gefährdet, glaubt Pfeiffer: „Einerseits gibt es seit Jahren schon kaum Wirtschaftswachstum, und die Beschäftigung in der Industrie ist vor allem durch die Konkurrenz aus China und die teils erratische Zollpolitik der USA rückläufig.“ Zudem bräuchten aktuell viele arbeitssuchende Menschen länger, um einen Job zu finden, als in Zeiten der Hochkonjunktur.
Dennoch ist der Arbeitsmarkt-Forscher optimistisch: „Andererseits gibt es aktuell erste Anzeichen für wirtschaftliche Verbesserungen. Auch die Realeinkommen der Beschäftigten nehmen wieder etwas zu.“ Von einer wirtschaftlichen Normalisierung könne aber weiterhin nicht die Rede sein.

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