Wahlniederlage in Sachsen-Anhalt: Die Linke vor der Zerreißprobe
Nach dem Scheitern des Ziels, die AfD zu verhindern, sucht die Linke nach einer neuen Identität zwischen staatstragendem Kurs und radikaler Opposition.
Quick Look
- Nach der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt steht die Linke vor einer Identitätskrise.
- Trotz massiver Wahlkampfanstrengungen blieb die Partei deutlich hinter ihren Zielen zurück und konnte den Erfolg der AfD nicht verhindern, was nun interne Debatten über den künftigen Kurs auslöst.
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Why It Matters
Die Linke hatte im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt eine Kooperationsbereitschaft mit der CDU signalisiert, um einen Erfolg der AfD zu verhindern. Dieses Ziel wurde jedoch durch das Wahlergebnis klar verfehlt.
Was macht man, wenn ein Plan schiefgeht? Wenn man zwar nicht verloren hat, aber eben auch nicht gewonnen? Bei den Linken in Magdeburg erlebte man am Sonntagabend vor allem: Trauer.
Früher als andere Parteien hatten sie schon unmittelbar nach den ersten Hochrechnungen verstanden, welche Bedeutung das Ergebnis der AfD hat. Für Sachsen-Anhalt, für die ganze Republik – aber eben auch für sie persönlich und ihre Unterstützer. Immer wieder stiegen auch den Spitzenleuten der Partei Tränen in die Augen. Ihr großes Ziel für diese Wahl in Sachsen-Anhalt war es, die AfD zu verhindern. Mit diesem Versuch sind sie auf ganzer Linie gescheitert.
Dabei hatte die Linke viel in diesen Wahlkampf investiert. Neben der Spitzenkandidatin Eva von Angern waren auch die Stars der Partei wie Heidi Reichinnek, die selbst aus Sachsen-Anhalt stammt, und die »Silberlocken« Bodo Ramelow, Gregor Gysi und Dietmar Bartsch viel im Wahlkampf unterwegs gewesen. Kreuz und quer waren sie durch das Land gefahren und hatten sich gegen den Erfolg der AfD gestemmt. Alles vergebens.
Nur bei knapp neun Prozent steht die Linke an diesem Abend, sie ist damit deutlich unter dem Ergebnis von vor fünf Jahren geblieben. Sogar Grüne und SPD musste sie an sich vorbeiziehen lassen. Das liegt vermutlich auch an den vielen Wählern, die taktisch entschieden hatten, damit alle drei Parteien in den Landtag kommen. Schmerzhaft ist das Ergebnis für die Linke trotzdem. Noch entscheidender aber ist für die Partei an diesem Abend etwas anderes: das desolate Ergebnis der CDU.
Sehr früh hatte die Linke in Sachsen-Anhalt klargemacht, dass sie zu einer Zusammenarbeit mit der CDU bereit wäre, um die AfD von der Macht fernzuhalten. Dabei hatte sie nur wenige Bedingungen gestellt und selbst dann noch Kooperationsbereitschaft gezeigt, als die Töne aus der CDU in den Tagen vor der Wahl immer feindseliger wurden. Egal was geschah, die Linke streckte ihre Hand aus – so lange, bis ihr der Arm schwer wurde.
Nicht alle in der Partei waren mit diesem sehr staatstragenden Ansatz in Sachsen-Anhalt einverstanden. Vor allem viele junge linke Mitglieder waren wenig begeistert, was eine Zusammenarbeit mit der CDU anbelangt. Mit dem Argument, der Faschismus stehe vor der Tür und man müsse alle Möglichkeiten nutzen, um ihn zu verhindern, konnten jedoch viele von ihnen in den vergangenen Wochen mühsam eingefangen werden. Nun aber schreitet die AfD trotzdem durch die Tür zur Macht, und die Skeptiker sehen sich bestätigt. Die Linke sei zu wenig radikal gewesen, zu wenig unterscheidbar von den anderen Parteien, sie sei zu sehr als Teil des Systems wahrgenommen worden, so der Vorwurf. Schon bald dürfte deshalb bei den Linken eine alte Frage noch einmal neu gestellt werden: Wie staatstragend will die Partei in Zukunft sein? Will sie, dass der Laden besser läuft? Oder will sie ihn grundsätzlich neu aufbauen?
Widerspruch an der Haustür
Das erklärte Ziel der Parteichefin Ines Schwerdtner ist schon seit einiger Zeit, AfD-Wähler zurückzugewinnen. Bei den Linken war dieser Plan bislang nicht unumstritten. Nur habe sich diese Frage bei 44 Prozent für die AfD im Grunde erledigt, sagte ein Mitglied der Parteiführung am Sonntagabend. Die Linke muss von der AfD Stimmen zurückgewinnen – denn woher sollen sie sonst kommen?
Erste Nachwahlbefragungen zeigen, dass 89 Prozent der AfD-Wähler sich um die steigenden Preise Sorgen machten. 61 Prozent der Menschen, die sich selbst als Arbeiter bezeichnen, wählten die AfD. Es sind diese Leute, die die Linke eigentlich erreichen möchte. Dafür hatte die Partei im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt an den Haustüren geklingelt, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Nur: Genützt hat es nichts. Zu groß war offenbar der Widerspruch, die CDU einerseits zu kritisieren, um sie dann andererseits in der Regierung stützen zu wollen.
Ines Schwerdtner erklärte bereits kurz nach Bekanntgabe der Ergebnisse in einem Interview mit der ARD vor laufenden Kameras, dass die Wut der Menschen berechtigt sei. Die Linke müsse eine »Anti-Establishment-Partei« sein, sagte Schwerdtner. Es könnte der Sound der kommenden Wochen werden. Bislang galt bei den Linken der Slogan, die Partei wolle die »Hoffnung organisieren«. Aber lassen sich Wut und Hoffnung verbinden?
Wenig später stand Schwerdtner dann auf der Bühne der Wahlparty. Auch sie hatte Tränen in den Augen, als sie den Anwesenden zurief: »Ihr seid nicht allein!« Egal wie der Wahlabend noch ausgehe, sagte Schwerdtner: »Morgen geht es weiter.«
Draußen auf dem Platz vor der Wahlparty hatten am Sonntag Unterstützer und Wahlkampfhelfer ebenfalls eine Veranstaltung organisiert. Es gab eine Bühne, davor Tische und Bänke, Musik aus Boxen. Viele junge Menschen waren an diesem Abend hierhergekommen, viele Aktivisten aus Magdeburg und Umgebung, um die Nachrichten dieses Wahlabends gemeinsam zu verarbeiten. Einige Kinder hatten mit Kreide eine Sonne auf die Straße gemalt. Es war das linke, queere Sachsen-Anhalt, das sich hier versammelt hatte. Gegen diese Menschen hatte sich der Wahlkampf der AfD gerichtet. Und so sah man auch auf diesem Fest vielen Anwesenden die Trauer und Sorge des Abends deutlich an.
Immer wieder aber begannen sie hier an diesem Abend auch zu jubeln. Immer dann, wenn die Ergebnisse der Erststimmen aus Magdeburg und Halle durchgesagt wurden. Drei Direktkandidaten der Linken haben dort am Sonntag ihre Wahlkreise vor der AfD gewonnen. Mit deutlicher Kritik an der CDU, einem Fokus auf soziale Themen und im ständigen Gespräch mit AfD‑Unterstützern. In der Parteiführung der Linken sprechen sie von roten Leuchttürmen, die sie auf diese Weise errichten wollen. Es wird sich nun zeigen, wie weit deren Licht reicht.
Open Questions
- Wie wird sich die Linke künftig zwischen Systemnähe und Opposition positionieren?
- Können Wut und Hoffnung in der politischen Kommunikation vereint werden?


