
Die 31. UN-Klimakonferenz beginnt am 9. November in der Türkei. Experten warnen vor 2,8 Grad Erderwärmung und fordern einen Notfallmodus, während Kriege und knappe Staatskassen die Aufmerksamkeit ablenken.
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Seit zehn Jahren ist das Pariser Klimaabkommen in Kraft, in dem rund 200 Staaten vereinbart haben, die Erderwärmung bei 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu stoppen. Die aktuelle Prognose der Vereinten Nationen besagt jedoch, dass die Welt bei derzeitiger Klimapolitik auf 2,8 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zusteuert. Die 31. UN-Weltklimakonferenz findet vom 9. November für zwei Wochen in Antalya, Türkei, statt.
Die Klimakrise spitzt sich zu – doch die Welt ist durch Kriege und Konflikte abgelenkt. Bei der Weltklimakonferenz in Antalya wird sich zeigen, ob die Staaten doch noch in den Notfallmodus schalten.
Auch in Deutschland sind die Folgen der Klimakrise spürbarer geworden. In diesem Jahr machte auch die enorme Trockenheit vielen Regionen zu schaffen, wie hier am Bodensee. Foto: Marius Bulling/onw-images/dpa
Antalya. Beispiellose Waldbrände in Europa, tödliche Hitze und Dürre sogar in Deutschland, Sturzfluten in Nepal und China: Die Klimakrise ist in diesem Jahr so bedrohlich spürbar gewesen wie selten zuvor. Nun steht das jährliche große Krisentreffen an – die 31. UN-Weltklimakonferenz. Zehntausende Delegierte treffen sich für zwei Wochen im türkischen Antalya, am Montag (9. November) geht es los.
Worum geht es – und: Bringt das noch was?
Kurz gesagt geht es darum, der zerstörerischen Krise Einhalt zu gebieten. Seit zehn Jahren ist das Pariser Klimaabkommen in Kraft. Darin haben rund 200 Staaten vereinbart, die Erderwärmung bei 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu stoppen, um die katastrophalsten Folgen abzuwenden. Stattdessen besagt die aktuelle Prognose der Vereinten Nationen aber: Mit der derzeitigen Klimapolitik steuert die Welt auf 2,8 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts zu.
Die Welt befinde sich „auf einem Pfad in eine unbeherrschbare Zukunft“, sagt Johan Rockström, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Noch gebe es allerdings ein Fenster, um auf einen halbwegs sicheren Pfad zurückzukommen.
Wird also nun das Ruder noch herumgerissen?
Bislang heizt die Welt das Problem noch an: Der Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase wie Kohlendioxid stieg zuletzt sogar noch weiter an, anstatt zu sinken. Klimaforscher Niklas Höhne vom NewClimate Institute betont, eigentlich wäre das Umschalten in einen Notfallmodus angebracht. „Wir haben in diesem Jahr noch einmal sehr deutlich gesehen, dass der Klimawandel wirklich existenzbedrohend ist, wenn wir nicht schnell was tun.“ In einem solchen Notfallmodus müsse man tun, was zuvor nicht möglich schien – etwa gar nicht mehr in fossile Energien wie Öl, Gas und Kohle zu investieren. „Aber die Welt ist eben nicht in einer Stimmung für genau diese Reaktion.“
In Zeiten klammer Staatskassen und Demokratien unter Druck zögen viele Regierungen Aufmerksamkeit und finanzielle Ressourcen ab, erklärt Laura Schäfer von der Organisation Germanwatch. „Die Schäden steigen, während die Mittel zum Umgang damit sinken.“
Was wäre also ein Erfolg?
Dass sich fast alle Staaten – mit Ausnahme der USA, die unter Präsident Donald Trump aus dem Pariser Abkommen ausgetreten sind – überhaupt noch treffen, ist vor dem Hintergrund der vielen Kriege keine Selbstverständlichkeit.
Klimaforscher Höhne erwartet eher kleine Schritte: „Dass man ein Signal senden kann, dass die Welt – oder jedenfalls ein Großteil der Welt – auf dem Weg raus aus Kohle, Öl und Gas ist, rein in die erneuerbaren Energien, in die Elektrifizierung, und sich dabei gegenseitig hilft.“
Auch der Chef von Greenpeace Deutschland, Martin Kaiser, hofft auf eine „starke Allianz aus Ländern, die den Ausstieg aus Kohle, Öl und Gas entschlossen vorantreiben“ – und die kein „Papiertiger“ bleiben dürfe.
Was will die Türkei als Gastgeber?
Die Türkei hat vorgeschlagen, ein neues globales Ziel zur Elektrifizierung zu setzen: Bis 2035 soll der Anteil elektrischer Energie beim Endverbraucher von heute 20 auf 35 Prozent steigen. Elektrifizierung soll fossile Energieträger wie Öl, Gas und Kohle durch Strom ersetzen. Deutschland stellt sich hinter diesen Vorstoß. Kritiker weisen aber darauf hin, dass das Ganze dem Klimaschutz nur weiterhilft, wenn der Strom aus erneuerbaren Quellen wie Wind, Sonne oder Wasserkraft stammt.
Türkei und Australien steuern gemeinsam die COP31 – Kann das klappen?
Wer dieses Jahr Gastgeber sein darf, darüber gab es auf der vergangenen Klimakonferenz in Brasilien ein langes Gezerre. Schließlich stimmten die Rivalen Türkei und Australien einem Kompromiss zu: Die Türkei richtet das Treffen aus und stellt mit Umweltminister Murat Kurum den COP-Präsidenten. Australien entsendet dafür mit Klimaminister Chris Bowen den „Präsidenten der Verhandlungen“, der quasi im Maschinenraum der COP31 Kompromisslinien auslotet und konsensfähige Abschlusstexte auf den Weg bringt. Diese Zweiteilung ist neu und ungewöhnlich. Skeptiker befürchten Reibungsverluste und verweisen darauf, dass schon in der Vorbereitung einzelne Vorstöße offensichtlich nicht abgestimmt waren.
Sorgen bereitet Aktivisten auch das politische Klima in der autoritär regierten Türkei. Laut Amnesty International hat sich die Menschenrechtskrise in den vergangenen Monaten verschärft. So habe es deutlich intensivere Repressalien der Regierung gegen unabhängige Stimmen gegeben, darunter Journalisten, Umweltaktivisten und Angehörige der LGBTIQ-Community.
Wie steht Deutschland da?
Beim Klimaschutz ist die Bundesregierung nicht auf Kurs. Laut dem unabhängigen Expertenrat für Klimafragen wird Deutschland seine Ziele verfehlen – nämlich ein Absenken der Treibhausgasemissionen um 65 Prozent bis 2030 beziehungsweise um 88 Prozent bis 2040 im Vergleich zum Basisjahr 1990.
Damit hat Deutschland, das sich lange als Vorreiter beim Klimaschutz sah, aus Sicht von Umweltverbänden ein Glaubwürdigkeitsproblem. Verschärft wird dies durch jüngste Kürzungen bei Geldern für arme Staaten, damit diese Klimaschutz betreiben und sich gegen die Auswirkungen der Klimakrise wappnen und Schäden beheben können. Deutschland hat versprochen, dem Globalen Süden jährlich sechs Milliarden Euro bereitzustellen, doch waren es im vergangenen Jahr nur 4,7 Milliarden Euro, wie Brot für die Welt vorrechnet.
Fehlen wird bei der Klimakonferenz, wo nächste Woche Dutzende Staats- und Regierungschefs anreisen, Kanzler Friedrich Merz (CDU). Grund sind „anderweitige Verpflichtungen“, wie ein Regierungssprecher vage erläuterte. Klimaaktivisten sprechen von einem Tabubruch. Merz lasse die Jugend im Stich, wetterte etwa Luisa Neubauer von Fridays for Future. Ihre Bewegung plant zur Halbzeit der Konferenz am 13. November einen bundesweiten Klimastreik an 70 Orten.
Auf welche Länder lohnt es sich sonst zu achten?
China ist als größter Emittent von Treibhausgasen ein entscheidender Akteur. Die energiehungrige Volksrepublik treibt zwar wie kein anderes Land den Ausbau erneuerbarer Energien voran. Doch parallel setzt die Regierung in Peking auf Kohle als billigen und planbaren Energieträger.
Kurz vor Beginn des Gipfels kritisierte Chinas Vize-Umweltminister Li Gao das „alte Problem“ mangelnder finanzieller Unterstützung sowie unzureichender Emissionsminderung der Industrieländer. China ist zwar die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt, hat aber nach den jahrzehntealten UN-Regeln immer noch den Status eines Entwicklungslands.
Außerdem auf jeder Klimakonferenz im Blick zu behalten ist Saudi-Arabien, das in der Vergangenheit immer wieder ehrgeizige Beschlüsse verhindert hat.
Gibt es auch Lichtblicke?
Während es politisch hakt, entwickelt sich der Markt – zumindest teilweise – in die richtige Richtung. „Inzwischen überholen die Weltmärkte die Politik. Immer mehr Menschen setzen auf Elektroautos und Wärmepumpen. Erneuerbare Energien wachsen weltweit schneller als jede andere Energieform“, erklärt Kaiser von Greenpeace. Oft sind Wind und Solar die kostengünstigsten Varianten – was selbst in den USA dazu führt, dass weiter zugebaut wird.
Beobachter rechnen auch damit, dass der Siegeszug der Demokraten bei den Zwischenwahlen in den USA eine positive, hoffnungsvolle Dynamik entfalten könnte.
Der langjährige Klimagipfel-Beobachter Höhne berichtet: „Ich bin ja jetzt schon sehr lange dabei, und die Schritte von Jahr zu Jahr sind extrem klein. Ich bin sehr frustriert, das muss ich zugeben. Aber wenn man diesen Blick über eine längere Zeit hat, dann merkt man schon: Es bewegt sich was in die richtige Richtung. Es geht viel, viel zu langsam, aber es bewegt sich – und daran muss man sich ein bisschen festhalten.“
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AI outlook — possibilities, not facts
Die Konferenz wird eher kleine Schritte als große Durchbrüche bringen
Likely · Within weeks
Deutschland wird seine Klimaziele für 2030 und 2040 verfehlen
Very likely · Within years
Es wird einen bundesweiten Klimastreik am 13. November an 70 Orten geben
Certain · Within weeks
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