AfD könnte erstmals seit 1945 in Sachsen-Anhalt an die Regierung kommen
Quick Look
- Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt erreicht die AfD laut Hochrechnungen von ARD und ZDF 44 bis 44,2 Prozent und könnte erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg eine als rechtsextremistisch eingestufte Partei an die Regierung bringen, falls sie Koalitionspartner findet.
- Die CDU erleidet mit 17,4 Prozent ihr schlechtestes Ergebnis, während die Grünen ihr bestes historisches Ergebnis erzielen und die Linke Stimmen verliert.
- Eine Neuauflage der bisherigen CDU-SPD-FDP-Koalition ist ausgeschlossen, und alle anderen Parteien schließen eine Zusammenarbeit mit der AfD aus.
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Why It Matters
Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt fand statt, nachdem die AfD in früheren Umfragen stark zugelegt hatte. Die CDU hatte das Bundesland bisher mit SPD und FDP regiert. Die AfD wird vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft.
Magdeburg. Die AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund strebt nach ihrem starken Abschneiden bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt an die Regierung. Erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs könnte eine als gesichert rechtsextremistisch eingestufte Partei in einem Bundesland an die Macht gelangen – wenn sie Unterstützer findet. Für eine Alleinregierung reicht es laut Hochrechnungen von ARD und ZDF nicht. Die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze erlebt ein Debakel.
Die Linke büßt Stimmen ein. Die Grünen gewinnen deutlich hinzu, die SPD hält etwa ihren Stimmenanteil. Damit deutet sich eine komplizierte Regierungsbildung an. Das BSW kann auf den Einzug in den Landtag hoffen.
Den Hochrechnungen zufolge kann die AfD ihren Stimmenanteil auf 44 bis 44,2 Prozent (2021: 20,8 Prozent) mehr als verdoppeln. Es wäre das beste Ergebnis, das eine Partei in den vergangenen zehn Jahren bei Landtagswahlen erreicht hat. Die CDU halbiert etwa ihren Stimmenanteil und steuert mit 17,4 Prozent (37,1) auf ihr schlechtestes Ergebnis bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt zu.
Die Linke erhält 8,6 Prozent (11). Die Grünen liegen bei 8,9 bis 9 Prozent (5,9), es wäre das beste Ergebnis bei einer Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die SPD kommt auf 9 bis 9,2 Prozent (8,4). Die FDP fliegt mit 2,5 Prozent (6,4) aus dem Parlament. Das Bündnis Sahra Wagenknecht steht bei 5,1 Prozent.
Eine Neuauflage der bisher in Sachsen-Anhalt regierenden Koalition aus CDU, SPD und FDP ist damit ausgeschlossen. Es war das einzige derartige Bündnis auf Landesebene. Die AfD hatte eine Alleinregierung angestrebt – dafür reichen die Stimmen laut Hochrechnungen aber knapp nicht. Gleichwohl wäre es das beste Ergebnis der Partei bei einer Landtagswahl. Stärkste Kraft war sie bei einer Landtagswahl schon einmal: 2024 in Thüringen. Von den übrigen Parteien will in Sachsen-Anhalt keine mit der AfD koalieren.
Um weiterregieren zu können, wäre Spitzenkandidat Schulze von der CDU unter anderem auf Stimmen der Linken angewiesen – ähnlich wie in Sachsen und Thüringen. In seiner Partei gibt es auch Mitglieder, die sich für wechselnde Mehrheiten aussprechen – also auch unter Einbeziehung der AfD. Das dürfte die Linke aber nicht akzeptieren. Unionsfraktionsvize Sepp Müller (CDU) sagte: „Wir haben keinen Regierungsbildungsauftrag. Der liegt jetzt bei der AfD.“
Eine Koalition oder vergleichbare Formen der Zusammenarbeit lehnt die CDU laut Bundesparteitagsbeschluss sowohl mit der Linken als auch der AfD für sich ab. Die Linie wird auch als „Brandmauer“ bezeichnet.
AfD-Spitzenkandidat Siegmund sagte zum Abschneiden seiner Partei: „Natürlich ist es ein Regierungsauftrag.“ „Selbstverständlich“ werde er auch mit nur einer Stimme mehr regieren, betonte er entgegen seiner Ankündigung im Wahlkampf, nur mit stabiler Mehrheit regieren zu wollen.
Zugleich sagte der 35-Jährige, er sehe aktuell keine Partner für eine Koalition. Er wisse aber nicht, was in den nächsten Tagen passiert. „Ich weiß ja nicht, ob es einzelne Abgeordnete gibt, die sagen: 'Jetzt ist Schluss, jetzt spiel' ich das hier nicht mehr mit'.“ Da könne noch viel passieren.
Sollte es mit einer Regierungsbildung nicht klappen, kommt aus Sicht von Siegmund auch eine Neuwahl infrage. „Im Notfall würde es halt Neuwahlen geben, dann haben wir halt 50 oder 55 Prozent“, sagte er am Abend im ZDF.
CDU-Spitzenkandidat Schulze – erst seit Januar als Ministerpräsident im Amt – gestand das Scheitern seiner Partei ein. „Es ist für uns eine Niederlage“, sagte der 47-Jährige. „Ich habe nicht vor, mit der AfD zusammenzuarbeiten“, sagte er im MDR. Zuvor hatte Schulze in der ARD eine klare Antwort auf den Fortbestand der „Brandmauer“ vermieden. „Wir haben Beschlüsse auf Bundesebene, aber wir haben eine Hochrechnung, die uns hart trifft. Deswegen müssen wir damit erst einmal umgehen.“
Der Chef der Unionsfraktion im Bundestag, Thorsten Frei (CDU), wertete die Wahl als „eine Zäsur für unser Land“. „Wir haben diese Situation noch nie gehabt, dass eine Partei, die vom Landesverfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft ist, eine Mehrheit erreicht hat“, sagte er.
SPD-Chef Lars Klingbeil bezeichnete die Zahlen seiner Partei als „stabiles Ergebnis“. Er betonte, die SPD setze sich mit der AfD „nicht an einen Tisch“. Die SPD habe immer für demokratische Mehrheiten in dem Land gekämpft. „Wir werden hier der AfD nicht die Hand ausstrecken.“
Der Grünen-Bundesvorsitzende Felix Banaszak sagte zu den Zuwächsen seiner Partei, viele hätten die Grünen schon abgeschrieben, nun holten sie aller Voraussicht nach das beste Ergebnis in der Geschichte von Sachsen-Anhalt bei einer Landtagswahl. „Das erfüllt mich mit Freude und mit Stolz.“
Linken-Bundeschefin Ines Schwerdtner nannte als Ziel, die AfD von der Regierungsmacht fernzuhalten. „Es liegt bei der CDU, zu sagen: Wer übernimmt jetzt die Verantwortung“, sagte Schwerdtner mit Blick auf eine mögliche künftige Regierung mit Unterstützung der Linken.
FDP-Landeschefin Lydia Hüskens kündigte nach dem voraussichtlich verpassten Wiedereinzug ihrer Partei in den Landtag ihren Rücktritt an. „Ich bin die Landesvorsitzende, ich habe den Landtag als Spitzenkandidatin angeführt, sodass ich auch dafür die Konsequenz zahle“, sagte sie der dpa.
Die AfD hatte zehn Punkte benannt, die sie sofort angehen will, sollte sie in die Regierung kommen. Dazu gehört die Kündigung der Rundfunkstaatsverträge, mehr Abschiebungen, eine flächendeckende Arbeitspflicht für Asylbewerber, Sonderklassen für Kinder von Asylbewerbern sowie weniger Geld für parteinahe Stiftungen und Demokratieförderprogramme.
An Schulen sollen Schwarz-Rot-Gold wehen, Regenbogenflaggen sollen verboten werden. Auch plant die AfD freiwillige Bürgerwehren für mehr Sicherheit vor Ort sowie eine „Wahlfreiheit zwischen Schul- und Hausunterricht“. Grundsätzlich begrenzt allerdings das Bundesrecht die Spielräume in einigen Bereichen, etwa in der Migrationspolitik.
Die erste Sitzung des neuen Landtages muss spätestens am 30. Tag nach der Wahl stattfinden, das ist der 6. Oktober. Dann enden auch die Amtszeiten der Minister und des Regierungschefs. Sie alle sind aber laut Verfassung verpflichtet, die Geschäfte weiterzuführen, bis die Nachfolger übernehmen. Es gibt keine Frist, bis wann ein neuer Regierungschef gewählt sein muss - aber wenn der erste Wahlgang angesetzt ist und scheitert, greifen Fristen für mögliche weitere Wahlgänge.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die AfD wird versuchen, eine Minderheitsregierung zu bilden oder einzelne Abgeordnete anderer Parteien für Unterstützung zu gewinnen.
Likely · Within weeks
Falls keine Regierung gebildet werden kann, wird es zu Neuwahlen kommen.
Possible · Within weeks
Die CDU wird ihre Brandmauer gegenüber der AfD und der Linken aufrechterhalten und keine Koalition mit entweder Partei eingehen.
Very likely · Within weeks
Open Questions
- Wird die AfD trotz Ausschlusskoalitionen doch einen Koalitionspartner finden?
- Kann die CDU ihre Brandmauer gegenüber der AfD langfristig aufrechterhalten?
- Wird es zu Neuwahlen kommen, falls keine Regierung gebildet werden kann?
- Wie werden die geplanten AfD-Politiken wie Arbeitspflicht für Asylbewerber oder Verbot von Regenbogenflaggen umgesetzt werden?





