Ein Sondengänger hat in Wesseling 934 römische Denare im Wert von 3,1 Kilogramm Silber entdeckt. Es ist der bedeutendste Fund dieser Art aus der Epoche Kaiser Hadrians in Deutschland.
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Ein Sondengänger stieß im Oktober des Vorjahres auf einem Acker in Wesseling auf einen römischen Münzschatz, der nun im LVR-Landesmuseum Bonn vorgestellt wurde.
Es war ein Wochenende im Oktober des vergangenen Jahres. Der 52-jährige Oliver Riedl zog los, um seinem Hobby zu frönen: mit der Metallsonde durchs Gelände gehen, oder, wie er sagt: zu sondeln. Die Spur, die ein Pflug wenige Tage zuvor in einen Acker gezogen hatte, erschien ihm vielversprechend. Riedl kam nicht weit, da gab die Sonde das erste Signal von sich. Wenig später hielt Riedl mehrere Metallplättchen von rund einem Zentimeter Durchmesser in der Hand. Obwohl die Plättchen mit Erde verklebt und mit Korrosion überzogen waren, sei ihm klar gewesen, dass es sich nicht um Knöpfe oder irgendwelche Allerweltsmünzen handelte. Es waren römische Denare, 15 auf einen Schlag. Und die Sonde meldete weiteres Metall. „Da dachte ich mir: Hier stimmt was nicht.“
Tags darauf meldete Riedl den Fund den zuständigen Bodendenkmalpflegern des Landschaftsverbands Rheinland (LVR), mit deren Genehmigung er unterwegs war. Und die rückten alsbald zur Grabung aus. Diesen Sommer, nachdem die Ernte vom Feld geholt worden war, legten sie noch einmal nach. Jetzt wurde das Ergebnis im LVR-Landesmuseum Bonn vorgestellt: In einer Vitrine liegen ausgebreitet mehrere Hundert römische Münzen. Weitere würden derzeit noch gereinigt, sagt Landesarchäologe Erich Claßen, „alles in allem haben wir in Wesseling 934 römische Denare gefunden“. Das sind insgesamt 3,1 Kilogramm Silber. Weil die Münzen zusammen in einem Keramikgefäß vergraben wurden, sprechen die Forscher von einem Hortfund. Sie verwenden auch den Begriff Schatz, ein Wort, das in der nüchternen Fachsprache der Archäologen ansonsten gemieden wird.
Scherben der Keramik kamen ebenfalls ans Licht. Sogar Reste von Gerstenstroh, mit dem der Topf vermutlich ausgepolstert worden war, ließen sich nachweisen. Die älteste Münze stamme aus der Zeit der Römischen Republik und sei im Jahr 148 v. Chr. geprägt worden, erklärt Claßen. Die jüngste Münze ist rund 270 Jahre jünger und dem Jahr 124 oder 125 n. Chr. zuzuordnen, sie stammt aus der Regierungszeit des Kaisers Hadrian. Man könne davon ausgehen, dass das mit Münzen gefüllte Gefäß auch zu dieser Zeit eingegraben worden sei, sagt Claßen – und schiebt noch einen Superlativ hinterher: „Es ist der größte Münzschatz aus hadrianischer Zeit, den wir in Deutschland haben.“
Um eine solche Bewertung abgeben zu können, braucht es Expertenwissen wie das von Rahel Otte. Die Archäologin, die bei der Abteilung Bodendenkmalpflege des LVR beschäftigt ist, hat sich auf Münzkunde spezialisiert. Anhand von Münzen, so sagt sie, lasse sich meist eine Verbindung vom Fund zu einer Schriftquelle herstellen. Münzen markieren den Übergang von der archäologischen zur historischen Forschung. Ein geprägtes Kaiser-Porträt, und sei es noch so verrostet, gibt immer Auskunft darüber, in welchen Jahren die Münze in Umlauf gebracht wurde. Denare der Römerzeit seien auch mehr als nur Zahlungsmittel. Die kleinen runden Bilder auf den Rückseiten dienten den Herrschern, die auf der Vorderseite zu sehen sind, zugleich als Kommunikationsmittel, mit dem sich die Kunde von einem glorreichen Friedensschluss oder der heldenhaften Unterwerfung eines Barbarenvolks im ganzen Reich verbreiten ließ. Der Münzschatz von Wesseling ist voll solcher Bildgeschichten.
Besonders interessant, sagt Otte, sei eine Münze, der man einen sogenannten Gegenstempel aufgedrückt habe. Wenn die originalen Prägungen nach Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten der Nutzung abgegriffen und nicht mehr zu erkennen waren, wurden eine weitere Inschrift, ein Kürzel oder eine Buchstabenfolge ins Metall geschlagen. Dies diente erstens als Bestätigung, dass man es nach wie vor mit einem offiziellen römischen Zahlungsmittel zu tun hatte. Und zweitens der Propaganda eines Kaisers, der mit einer nachträglich aufgebrachten Prägung eine möglicherweise umstrittene Herrschaft legitimieren wollte.
Sie habe zwar schon häufig römische Buntmetallmünzen mit Gegenstempel datiert, sagt Otte. Doch eine römische Silbermünze, die mit einer solchen nachträglichen Prägung versehen war, hatte sie bislang noch nicht in der Hand. Otte zeigt dem Reporter einen Denar, der neben den verwaschenen Umrissen eines Kopfes ein scharf konturiertes M und ein spiegelverkehrtes P zeigt. Sie geht davon aus, dass diese Nachprägung um das Jahr 70 stattgefunden hat, also in der Zeit des Kaisers Vespasian. Das ist übrigens der Mann, von dem der Ausspruch stammt: „Geld stinkt nicht.“ Wie passend.
Durchschnittlich 15 Minuten, sagt Rahel Otte, brauche sie, um eine Münze zu bestimmen und zu datieren – das ergibt bei 934 Münzen eine Arbeitszeit von fast 234 Stunden. Gewiss, manchmal geht es schneller. Doch manchmal brauche sie deutlich länger. Fast zwei Stunden habe es gedauert, um eine Münze aus dem aktuellen Fund zu bestimmen, von der nur die untere Hälfte im Wesselinger Acker lag. Immerhin gab es eine heiße Spur: Es ist auf dem Bruchstück ein Teil eines behaarten Kinns zu sehen. „Wir wissen, dass Hadrian der erste römische Kaiser war, der Bart trug“, sagt Otte. Denn Hadrian sei Fan der griechischen Philosophen gewesen – und von deren Bartmode.
Doch viele weitere Details mussten analysiert werden, bis sich Otte sicher war: Der Denar wurde im Jahr 124 oder 125 n. Chr. geprägt. Damit sei dies die jüngste Münze im ganzen Schatzfund, sagt die Numismatikerin. Und damit habe man auch ein Indiz, dass das mit Münzen vollgestopfte Gefäß ungefähr zu dieser Zeit verbuddelt worden sei. Otte will sich nun die Zusammensetzung des Fundes genauer anschauen und mit anderen römischen Münzschätzen vergleichen – in der Hoffnung, daraus weitere Schlüsse ziehen zu können.
Wem diese Münzen gehörten und warum sie versteckt wurden – darüber könne man derzeit nur mutmaßen, sagt Landesarchäologe Erich Claßen. „Es ist anzunehmen, dass jemand dieses Geld sicher aufbewahren wollte, denn Banken gab es damals nicht.“ Und möglicherweise verstarb der Eigentümer, bevor er seinen Erben einen Hinweis auf das Versteck geben konnte. Vielleicht habe er auf einem der römischen Gutshöfe gelebt, von denen es zwischen Köln und Bonn mehrere gab. Sie dienten dazu, die vielen Militärlager in der Region mit Lebensmitteln zu versorgen. Nur rund 200 Meter nördlich des jetzigen Münzfundes legten Archäologen in den 1980er-Jahren die Reste einer solchen Villa Rustica frei. Den früheren Wert des Schatzes bemisst Claßen so: „Zu der Zeit verdiente ein einfacher Soldat in der Legion 300 Denare pro Jahr.“ Davon sei die Hälfte für Ausrüstung und Essen einbehalten worden. Ein Legionär konnte also im Jahr maximal 150 Denare zur Seite legen – und hätte dann sechs Jahre gebraucht, um einen solchen Schatz anzusparen.
Dem Sondengänger Oliver Riedl steht nun ein Finderlohn zu. Wie hoch der ausfalle, darüber werde jetzt im zuständigen NRW-Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Digitalisierung nachgedacht, erklärt Erich Claßen. Er selbst muss eine Bewertung des Fundes vornehmen – er hat sich für eine Einstufung als „außergewöhnlich“ entschieden. Darüber liegt nur noch die Kategorie „einzigartig“.
Riedl sagt, es sei ihm nicht wichtig, wie hoch die Summe ausfalle. Für ihn sei der Schatz sowieso der Fund seines Lebens. Und ein Anlass, sich künftig genauer dafür zu interessieren, wie die Region, in der er lebt, früher einmal aussah. Als der Familienvater, der an der Uni Bonn als Techniker arbeitet, sich vor fünf Jahren, in der Corona-Zeit, eine Metallsonde kaufte, sei es ihm nur darum gegangen, sich die Zeit zu vertreiben und irgendwelche Dinge aufzustöbern. Mal entdeckte er einen alten Kronkorken, mal ein verbogenes Metallstück, das er dann vorschriftsgemäß beim Amt für Bodendenkmalpflege vorzeigte. Doch jetzt durfte er das Areal gemeinsam mit den professionellen Archäologen nach weiteren Denaren absuchen. „Ich konnte bei fast allen Arbeitsschritten dabei sein.“ Riedl lernte, das Gelände mit den Augen der Altertumskunde zu sehen. Der Schatzfund hat ihm eine andere, eine neue Welt eröffnet.
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Festlegung des Finderlohns durch das NRW-Ministerium
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