BASF prüft Übernahme von Evonik: Chemiekonzern zeigt Interesse
Der Ludwigshafener Chemiekonzern BASF hat bei Evonik Industries ein unverbindliches Interesse an einer Übernahme signalisiert.
Quick Look
- BASF hat bei Evonik ein unverbindliches Interesse an einer Übernahme angemeldet.
- Die RAG-Stiftung, Hauptaktionärin von Evonik, bestätigte den Kontakt.
- Eine mögliche Fusion wäre einer der größten Zusammenschlüsse in der deutschen Chemieindustrie.
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Why It Matters
Die deutsche Chemieindustrie leidet unter hohen Energiekosten und schwacher Nachfrage. BASF verfolgt eine Strategie der Portfolio-Bereinigung und Schuldenreduktion.
Der Chemiekonzern BASF aus Ludwigshafen hat den Essener Konkurrenten Evonik ins Visier genommen: „In Reaktion auf aktuelle Presseberichterstattungen bestätigt der Vorstand der Evonik Industries AG, dass ihm eine unverbindliche Ansprache durch die BASF SE zugegangen ist“, teilte Evonik in einer Ad-hoc-Mitteilung am Freitagnachmittag mit. Die Ansprache sei auf „ein freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot für sämtliche Aktien der Gesellschaft“ gerichtet. Gespräche zwischen den beiden Unternehmen fänden „derzeit“ allerdings nicht statt. Evonik wollte den Vorgang darüber hinaus nicht kommentieren.
Auch BASF äußerte sich dazu nicht. Auf den ersten Blick wirft das Angebot viele Fragen auf. Schließlich hat der Konzernvorstand als Reaktion auf die sich schnell veränderten Rahmenbedingungen in Europa die Devise ausgegeben, sich auf die Kerngeschäfte zu konzentrieren, Verlustbringer zu stoppen und Anlagen zu schließen, die sich absehbar in Europa nicht mehr rentieren.
Zudem hat er umfangreiche Kostensenkungen initiiert. Zum ersten Mal seit 1954 ist die Zahl der Beschäftigten am Großstandort Ludwigshafen unter die Zahl von 30.000 gerutscht. Noch Anfang des Jahres hatte Finanzvorstand Dirk Elvermann der F.A.Z gesagt: „Wir haben nach wie vor ein solides Rating, aber Nettoschulden von rund 20 Milliarden Euro. Das ist kein Level, den wir dauerhaft in dieser Höhe sehen wollen. Unser Ziel ist, dass wir die Finanzschulden im nächsten Jahr deutlich abbauen.“
Es wäre eine der größten Übernahmen der deutschen Chemiebranche
Zugleich gilt Evonik seit langem als das Unternehmen in der europäischen Chemieindustrie, das mit großem Abstand das Portfolio der BASF am besten ergänzen würde. BASF setzt offenbar darauf, dass die Verhandlungen, sollten sie zum Ziel führen, noch einige Zeit in Anspruch nehmen. Bis es zum Zahltag kommt, könnte die Pflanzenschutzsparte platziert sein und die Kasse entsprechend gefüllt, heißt es aus dem Konzern.
Der Kauf wäre einer der größten in der deutschen Chemieindustrie überhaupt. Und er würde den mit Abstand größten Spieler in der globalen Chemieindustrie schaffen. Evonik kommt auf eine Marktkapitalisierung von 8,5 Milliarden Euro. Einschließlich Schulden beträgt der Unternehmenswert etwa 12 Milliarden Euro.
Die Logik gefällt offenbar auch einigen BASF-Investoren. Arne Rautenberg von der genossenschaftlichen Union Investment sagte in einer ersten Reaktion am Freitag, das Produktportfolio von Evonik sei komplementär zu BASF. „Mit der Übernahme von Evonik könnte BASF sich in der Spezialchemie stärker aufstellen und die Auslastung nach oben bringen. Die industrielle Logik ist gegeben.“
Eine Schlüsselindustrie steht unter Druck
Fakt ist: die deutsche Chemieindustrie, nach wie vor die größte der Welt, steht unter Druck. Die Energiepreise sind im internationalen Maßstab nicht mehr wettbewerbsfähig, die wichtigste Kundschaft – die Autoindustrie – hat große Probleme, der größte Exportmarkt China leidet selbst an Überkapazitäten. Eine Konsolidierung des europäischen Industriezweigs gilt deshalb als unausweichlich. Jeder spricht mit jedem, heißt es aus der Branche.
Rund 43 Prozent an Evonik hält die Essener RAG-Stiftung, die gegründet wurde, um die Ewigkeitslasten aus dem Steinkohlebergbau zu bewältigen. Auch die Stiftung bestätigte am Freitagnachmittag, „dass wir durch die BASF auf ein etwaiges freiwilliges öffentliches Übernahmeangebot der BASF für Evonik angesprochen worden sind“. Zu weiteren Details äußere sich die Stiftung nicht.
Vor wenigen Tagen allerdings bestätigte die Finanzchefin der Stiftung, Kerstin Terhardt, im Gespräch mit der F.A.Z., die Beteiligung an Evonik perspektivisch auf 25,1 Prozent reduzieren zu wollen. „Die Evonik ist eine starke Dividendenaktie, was wertvoll ist für eine Stiftung, die jedes Jahr eine laufende Verzinsung erwirtschaften muss“, hatte Terhardt gesagt. „Es ist aber auch ein stark konzentriertes Asset, und wir wollen unsere Konzentrationsrisiken insgesamt reduzieren.“ Allerdings sprach sie davon, dies „graduell“ tun zu wollen, das heißt Schritt für Schritt.
Im Kuratorium der RAG-Stiftung sitzen unter anderem nordrhein-westfälische Landespolitiker und Vertreter der Gewerkschaft IGBCE. Ob sie Interesse daran haben, Evonik in Richtung einer rheinland-pfälzischen Eigentümerschaft loszuwerden, ist schwer vorstellbar.
Verschärfte Stellenabbaupläne bei Evonik
Insgesamt steckt auch Evonik, wie viele Unternehmen der Branche, derzeit in unruhigem Fahrwasser. Der Vorstand rund um Interimschef Claus Rettig befindet sich mitten in der Umsetzung eines großen Sparprogramms. Dabei sind unter anderem eine Werksschließung in Deutschland und ein umfangreicher Stellenabbau geplant.
Seine Arbeitsplatzkürzungspläne hatte der Konzern zuletzt noch einmal verschärft. Evonik möchte nun bis zum Ende des Jahres 2029 weitere 3200 Stellen streichen, davon 2150 hierzulande. Dies schließt nahtlos an ein schon laufendes Schrumpf- und Abbauprogramm an, das seit 2023 läuft. Je nachdem, welche Teilverkäufe noch bis 2030 realisiert werden können, könnte Evonik dann bis zu 10.000 Beschäftigte weniger haben als vor sieben Jahren, als der Konzern noch rund 34.000 Mitarbeiter beschäftigte. Zum Vergleich: BASF beschäftigt noch etwa 95.000 Mitarbeiter.
Sonderkonjunktur durch globale Lieferkettenstörungen
Evonik schrumpft seit Jahren. Im Jahr 2025 hat der Konzern rund 14,1 Milliarden Euro umgesetzt, das entspricht einem Rückgang von sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Im vergangenen Geschäftsquartal schnitten Evonik wie auch BASF allerdings unerwartet stark ab. Die Störungen der Schifffahrt und Lieferketten etwa durch den Irankrieg und die Schließung der Straße von Hormus bremsten vor allem Wettbewerber außerhalb Europas aus.
Markführer BASF will seine Geschäfte vor allem auf Basischemikalien und Grundstoffe zur Weiterverarbeitung etwa in der Kunststoffindustrie konzentrieren, die in der Verbundproduktion besonders effizient hergestellt werden können. Einen beträchtlichen Teil des Portfolios – 25 Milliarden von damals erwirtschafteten 69 Milliarden Euro Umsatz – hatte der Vorstand vor zwei Jahren in einer bemerkenswerten Kehrtwende zur Disposition gestellt. Sie sollten eigenständig geführt und „Optionen“ für sie gesucht werden.
Große Teile davon, unter anderem das Lackgeschäft, hat er nun verkauft und die Investitionen in das enttäuschende Geschäft mit Batteriechemikalien gestoppt. Der mit Abstand größte Brocken, die Pflanzenschutzsparte Agricultural Solutions Deutschland, soll nächstes Jahr an die Börse kommen. Ziel des Konzerns ist es, künftig die Stärken auszubauen, um schwächer aufgestellte chemische Grundversorger für die europäische Industrie aus dem Markt zu drängen.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Evonik setzt Sparprogramm und Stellenabbau bis 2029 fort.
Very likely · Within years
Open Questions
- Wie reagiert die RAG-Stiftung auf ein formelles Angebot?
- Gibt es kartellrechtliche Hürden für eine Fusion?





