
Der Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt markiert einen politischen Einschnitt und zeigt Parallelen zur MAGA-Bewegung in den USA auf.
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Die AfD hat in Sachsen-Anhalt bei der Landtagswahl hohe Stimmanteile erzielt. Der Erfolg wird in der Analyse mit dem Aufstieg Donald Trumps und der MAGA-Bewegung verglichen.
Der Erfolg der AfD erinnert an den Aufstieg von Donald Trump in den USA. Der Osten ist nicht mehr „gestrig“. Er ist Seismograf für Zukunftsängste, die uns noch lange beschäftigen werden.
Berlin. Bislang bestand der berühmteste Export Sachsen-Anhalts aus Zwillingsbrüdern mit schrägen Frisuren: Tom und Bill Kaulitz. Die Musiker sind in die USA ausgewandert und äußerten sich vor der Landtagswahl „sehr besorgt“ über die Stärke der AfD in ihrer alten Heimat.
Genützt hat es wenig. Spätestens seit diesem Sonntag heißt der berühmteste Export des Bundeslandes Ulrich Siegmund. Sein Erfolg erregt internationale Aufmerksamkeit.
Unabhängig davon, ob Siegmund als erster AfD-Ministerpräsident Deutschlands mit absoluter Mehrheit regieren wird oder knapp daran scheitert: Die Wahl markiert einen politischen Einschnitt und ist ein Signal für die wachsende Macht rechtspopulistischer und rechtsextremer Parteien in ganz Europa.
Auf den ersten Blick ergibt Siegmunds Strategie, die ihn in Umfragen auf mehr als 40 Prozent der Stimmen hievte, keinen Sinn. Ähnlich wie die 37-jährigen Kaulitz-Brüder ist Siegmund mit 35 Jahren ein Millennial am jüngeren Rand und kennt die DDR nur aus Erzählungen. Zum Mauerfall 1989 war Siegmund noch nicht geboren.
Paradoxerweise besteht ein Großteil seiner Sogkraft trotzdem darin, die ostdeutsche Identität vor sich herzutragen. Oder mit ihr über Bundesstraßen zu brettern, die mit Soli-Geldern saniert wurden, wie bei Siegmunds Tiktok-trächtigen „Simson-Touren“. Die Simson, das Kultmoped der DDR, steht für viele Ostdeutsche für Jugend, Freiheit und Heimat.
Unter anderem damit gelang es Siegmund, einer ganzen Region, die unter Abwanderung und Strukturschwäche leidet, Stolz und Patriotismus zu injizieren. Etwas, das die anderen Parteien – oder die „Altparteien“, wie sie von der AfD-Klientel verächtlich genannt werden – über Jahrzehnte versäumt haben.
Von Sachsen-Anhalt aus müsse die „blaue Welle“ durch ganz Deutschland rollen, sagt Siegmund. Zumindest im Osten der Republik etabliert sich die AfD als stärkste Kraft.
Siegmunds Durchbruch erinnert an den Weg Donald Trumps in den USA. Auch Trump wurde lange unterschätzt, vom politischen Establishment geschnitten und von der Wirtschaft gemieden – bis dieser Kurs nicht mehr aufrechtzuerhalten war. 2016, im Jahr des Brexits und Trumps Wahlsieg, holte die AfD als Protestpartei erstmals zweistellige Landtagswahlergebnisse.
Inzwischen ist sie zur Volkspartei geworden. Und die Versuche, sie mit Gegendemos, Magazin-Covern und Demokratie-Appellen einzudämmen, sind gescheitert. Ähnlich verlief es in den USA. Alle seine Skandale tropften an Trump ab. Und selbst wenn Trump wegen des Irankriegs derzeit Anhänger verliert: In abgewandelter Form und mit neuem Spitzenpersonal wird der Trumpismus überleben.
Europa ist nicht Amerika, wir sind pluralistischer und vielfältiger. Doch der Aufstieg der Rechten ist auch hier längst keine Randerscheinung mehr: 23 Prozent der europäischen Wähler stimmen inzwischen für Parteien der extremen Rechten, Mitte der 1990er-Jahre waren es fünf Prozent.
Sachsen-Anhalt ist ein weiteres Symptom dieser Entwicklung. Deutsche Spitzenpolitiker sollten sich deshalb gut überlegen, ob sie noch allzu selbstgefällig über Amerikas politische Verhältnisse herziehen wollen. Denn womöglich sind wir gar nicht so weit davon entfernt.
Rechtsaußen-Bewegungen auf beiden Seiten des Atlantiks wissen um diese Parallelen und wollen voneinander profitieren. Schon vor der Wahl feierten MAGA-Accounts Siegmund als „Retter Deutschlands und Europas“. Wahlkampfhilfe kam unter anderem von Herbert Kickl, Chef der rechtsnationalistischen FPÖ in Österreich, und der republikanischen US-Abgeordneten Anna Paulina Luna. Siegmund spielte selbst mit seiner internationalen Bedeutung.
Seine Kampagne „Vision 2026“ war optisch an Trumps MAGA-Bewegung angelehnt, auf Veranstaltungen wechselte er bei ausländischen Journalisten ins Englische: „I’m here for the people!“ Bei einem AfD-Familienfest rief er, dass die internationale Zeitenwende „hier begann, in Sachsen-Anhalt.“ Hybris? Vielleicht. Aber welche andere deutsche Partei kann sich solche Töne derzeit leisten?
Für mich als gebürtige Ostdeutsche, aufgewachsen in Schwerin, fast zehn Jahre älter als Siegmund und mit klaren Erinnerungen an die Wende – inklusive Begrüßungsgeld und Trabi-Trip ins erstbeste „West-Kaufhaus“ – ist es eine neue Erfahrung, dass die Welt plötzlich auf den Osten schaut, der lange eher als uninteressant galt.
Ostdeutschland ist eine Region, deren Bewohner über das aktuelle Durchschnittsvermögen eines westdeutschen Privathaushalts von 153.200 Euro oft nur ungläubig-bitter lachen können. (In Ostdeutschland liegt es bei 67.400 Euro.) Die keinen traditionsreichen Autobauer mit Dependancen in China und den USA beherbergt wie Niedersachsen oder Baden-Württemberg. Die kein Oktoberfest hat wie Bayern.
Den ohnehin angekratzten Stolz der ostdeutschen Seele zu verletzen, auch ich habe diesen Fehler gemacht. Wie so viele Politiker und Journalisten vor mir, die sich seit Jahrzehnten über „Jammer-Ossis“, „Ostalgie“, Bananen-Begeisterung und den sächsisch vernuschelten „Maschendrahtzaun“ ausließen.
Gleichzeitig bin ich eine dieser ostdeutschen Frauen, die seit den Neunzigerjahren ihre Heimat verließen und ihr Glück im Westen suchten. Ein Hauptgrund waren die mangelnden Perspektiven. Bei der Berufsberatung in der Oberstufe erzählte jemand 45 Minuten lang vom Traumjob auf einer Werft. Davon gab es schließlich ein paar, wegen der Ostsee. Dann kamen die Werftenkrise und der Einbruch im Schiffsbauwesen.
Als ich zum Studieren nach Düsseldorf ging, tat ich vieles dafür, meine ostdeutsche Identität zu verstecken. Wenn Englisch verlangt wurde, wurde ich rot und druckste herum. Mein Schulenglisch war grauslich, nachdem diverse Russischlehrer auf Englisch umgeschult worden waren. Ein klassisches Highschooljahr in den USA konnte sich an meinem Gymnasium ohnehin kaum jemand leisten.
An der Uni schaute ich Fußball-WM neben westdeutschen Perlenohrring-Mädchen, die zum Winterurlaub Skifahren gingen und deren Eltern ein oder zwei Häuser besaßen. Die sozialen Unterschiede konnte man allerdings herrlich wegtrinken. Beim Feiern waren wir alle gleich.
Ein halbes Jahr in Großbritannien, ein Jahr in Australien und acht Jahre in den USA haben mich wohl endgültig verwestlicht. Doch die Wahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern machen mich wieder zur Ostdeutschen. Denn vieles an der Sozialisation der Menschen dort ist mir nicht fremd: Verbergen, Schämen, Anpassen.
Wenn ich heute meinen Kindern ostdeutsche Bücher vorlese oder die DDR-Liedersammlung „Traumzauberbaum“ vorspiele, merke ich, wie stark das Bedürfnis sein kann, dass diese vergrabene, verwestlichte ostdeutsche Seele weiterlebt. Dass sie nicht nur als Relikt der Vergangenheit betrachtet, sondern anerkannt und wertgeschätzt wird.
Um es klar zu sagen: Ich werde nie verstehen können, wie man bei allem verletzten Stolz, bei allem Frust über geschlossene Arztpraxen auf dem Land, eingestellte Buslinien und magere Ostrenten die AfD wählen kann. Es hat für mich wenig mit Selbstverantwortung zu tun, darauf zu warten, dass jemand anderes das eigene Leben besser macht.
Schwer auszuhalten ist auch die Rhetorik der AfD. Der Rassismus dieser Partei mag heute nicht mehr in Springerstiefeln daherkommen, das Gedankengut dahinter ist deshalb nicht verschwunden. Jeder, der die AfD wählt, kennt ihre Forderungen.
Was ich aber verstehen kann, ist der Drang AfD-Wähler im Osten, eine Leere zu füllen. Eine Lücke, die seit 1989 niemand anderes zu schließen vermocht hat. Nicht der „Aufbau Ost“, nicht der oder die furchtbar überflüssige Ostbeauftragte der Bundesregierung, auch nicht die Sonderausgaben von Zeitungen und Fernsehsendern zu jedem Mauerfall-Jubiläum.
Denn nach der Wende verschwanden Zehntausende Arbeitsplätze, Schilder mit Straßennamen wurden abgeschraubt, der Palast der Republik abgerissen. Bei manchen blieb der Eindruck zurück: Das, was ihr Identität und Heimat nennt, kann man ausradieren. Einfach so.
Ja, die Mehrheit wollte den Mauerfall. Ja, er war die Befreiung von einer Diktatur. Aber nach der Wende schwang immer auch ein wenig „Jetzt seid mal dankbar“ mit. Ein Rachegelüst dagegen ist genau das Narrativ, mit dem die AfD heute punktet.
Warum ist es anderen Parteien nicht dauerhaft gelungen, ein gesundes Gefühl für Heimat und Identität zu vermitteln? In Ost wie West? Wann wurde aus Stolz auf demokratische Werte ein Stolz auf das Brechen dieser?
Dass mit der AfD erst 2013 eine rechtspopulistische Partei entstand und sich etablieren konnte, lag seiner Einschätzung nach vor allem daran, dass in der Bundesrepublik bis dahin kaum offen über die mit Einwanderung und Integrationspolitik verbundenen Fragen gestritten wurde. Das Thema war weithin tabuisiert.
Hinzu kam die gesellschaftliche und politische Ächtung des Rechtsextremismus, der „sprichwörtliche Schatten Hitlers“. Das änderte sich spätestens mit der Sarrazin-Debatte 2010. Fast zeitgleich erstarkte in den USA die Tea Party und der Backlash gegen Barack Obama – ein politisches Klima, das später Trumps Aufstieg begünstigte.
Die Parallelen zur MAGA-Bewegung reichen weiter: Gegenöffentlichkeit, starke Mobilisierung über soziale Medien und eine Onlinekultur, in der radikale Einzelkämpfer zunächst Filterblasen schaffen und irgendwann den Diskurs prägen. AfD-Streamer übertragen Wahlkampfauftritte stundenlang auf Youtube und erreichen damit Tausende. In den USA ist diese Methode längst etabliert. Trump mobilisierte vor allem junge Männer über Podcasts und alternative Medien.
Auch die Gespräche mit Siegmund-Anhängern erinnern in ihrer Euphorie und Verehrung an Gespräche mit Trump-Anhängern. Siegmund ging offensiv in die Fläche und scheute sich nicht vor Menschenmengen mit Tattoos, Umlandfrisuren und gebrochenen Biografien. Trump machte 2016 etwas Ähnliches, als er in die deindustrialisierten Stahlstädte des Mittleren Westens zog, die die US-Demokraten lange vernachlässigt hatten.
Drei große Missverständnisse haben die deutsche Politik im Umgang mit dieser Entwicklung begleitet. Das erste war die Annahme, dass sich die Ostdeutschen mit zunehmendem Abstand zum DDR-System automatisch an die westdeutsche Form der Demokratie gewöhnen würden.
Das Demokratieverständnis sieht heute bei manchen allerdings ganz anders aus. „Erich Honecker war aus Zwang beliebt, weil wir keine andere Wahl hatten. Heute ist unsere Liebe freiwillig. Ist das nicht wunderbar?“, sagte ein Siegmund-Anhänger in Sachsen-Anhalt.
Tatsächlich ist die Wahlbeteiligung im Osten seit 2015, also seit Merkels Flüchtlingspolitik und dem Sichtbarwerden von Pegida und später der AfD, kontinuierlich gestiegen. Einen erheblichen Teil dieses Anstiegs kann die AfD für sich verbuchen. Die Menschen nutzen ihr demokratisches Wahlrecht also sehr bewusst – setzen ihr Kreuz aber bei einer Partei, die in Teilen als gesichert rechtsextrem eingestuft ist.
Das zweite große Missverständnis ist die Vorstellung, dass vor allem „Abgehängte“ rechts wählen. An den Wahlkampfständen der AfD trifft man dagegen auch Besitzer von Handwerksbetrieben, Apotheker oder Rentnerinnen, die ihr ganzes Leben gearbeitet haben. Ihr Tenor: Es treffe immer nur die Fleißigen, diejenigen, die sich ihr Leben lang angestrengt hätten. Sie fühlen sich verraten. Dieses Menschen mit Statistiken erklären zu wollen, warum sie eigentlich gar keinen Grund hätten, AfD zu wählen, ist aussichtslos.
Das dritte Missverständnis lautet, dass gesellschaftliche Ächtung Menschen vom Rechtswählen abhalten würde. In Sachsen-Anhalt erzählten Anhänger, dass Freunde und sogar die eigenen Kinder teilweise nicht mehr mit ihnen redeten. In den USA zerbrachen ganze Familien an der Frage, wie man es mit Trump hält. Am Ende stimmten trotzdem 77 Millionen Menschen für ihn.
Sachsen-Anhalt ist mehr als eine Landtagswahl. Der Aufstieg der Rechtsaußen in Europa ist kein flüchtiger Moment, und auch der Trumpismus wird die USA und die Welt noch lange beschäftigen. Der Osten ist deshalb ausnahmsweise einmal nicht „gestrig“. Er ist Seismograf für Zukunfts- und Verlustangst, für Misstrauen gegenüber politischen Institutionen.
Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, wann die AfD wieder verschwindet. Sondern: Brauchen die Deutschen wirklich immer erst ein Erweckungserlebnis, bevor sie etwas verändern?
On September 6th, 1.78 million Saxony-Anhalt residents will vote for a new state parliament. The focus is on the AfD, which is classified by the Office for the Protection of the Constitution as definitely right-wing extremist. Voter turnout is well above the 2021 level.

Ahead of the state elections in Saxony-Anhalt, SPIEGEL analyzes the political risks for the CDU, the possibility of right-wing extremist participation in government and potential new coalition constellations involving the Greens and the Left.
On election Sunday in Saxony-Anhalt, Magdeburg Bishop Gerhard Feige spoke out against the election of the AfD. During the diocesan pilgrimage to Huysburg, he called for people to resist nationalist and xenophobic tendencies.
After ten of twelve BSW MPs left the party, the group in the Thuringian state parliament is facing dissolution. State Parliament President König is examining the parliamentary group status and financing, while the breakaways are planning to found a new party.

Political scientist Oliver Lembcke warns of a tectonic shift in the party system due to a possible AfD result of over 40 percent in Saxony-Anhalt. He sees this as a weakening of the political center and a massive dilemma for the CDU.
Before the upcoming state elections in Saxony-Anhalt, experts are analyzing the discrepancy between surveys and election results. While the CDU performed significantly better than forecast in 2021, current data suggests a strong AfD, with high uncertainty.