Die Bildungskrise und die Rolle der Eltern
Immer mehr Aufgaben werden auf Schulen abgewälzt, während Eltern bei Erziehung und Basiskompetenzen nachlassen.
Quick Look
Bundesbildungsministerin Prien und Bundeskanzler Merz debattieren über Elternverantwortung und Schulaufgaben, da Kinder oft ohne Basiskompetenzen eingeschult werden und Schulen überlastet sind.
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Why It Matters
Die Diskussion um die Verantwortung von Eltern und Schulen knüpft an Debatten an, die seit dem ersten PISA-Schock im Jahr 2001 geführt werden.
Es ist ein immer häufigeres Bild auf Straßen und Plätzen, in Bus und Bahn, Restaurant und Wartezimmer: kleine Kinder, vielfach noch im Kinderwagen, mit dem Handy ihrer Eltern in der Hand (oder einem eigenen, angeblich „kindgerechten“ Spieletablet). Warum geben ihnen die Eltern das? Vermutlich eher nicht, weil sie ihre Kinder dadurch bilden wollen. Sondern weil die Kinder danach quengeln, dass sich die Balken biegen und die Umstehenden schon missbilligend gucken. Weil die Eltern in vielen Fällen einfach ihre Ruhe haben wollen. Oder weil sie es nicht besser wissen.
Sie müssten eigentlich wissen, dass es der geistigen und emotionalen Entwicklung ihrer Kinder schadet, dass sie ihnen besser ein Bilderbuch in die Hand drücken sollten und dass sie ihnen womöglich sogar – was für ein Gedanke! – daraus etwas vorlesen könnten. Wer die Eltern darüber belehrt, bekommt gewiss sehr schnell sehr viel Ärger – und hätte doch eine Wahrheit ausgesprochen, die für immer weniger Eltern selbstverständlich zu sein scheint.
Denn genau an diesem Punkt hört Erziehung auf und fängt Bildungsmisere an. Eltern geben nach, beileibe nicht nur bei der Handynutzung, und Kinder kommen in die Schule, ohne je eine Schere in der Hand gehalten zu haben, ohne sich vernünftig konzentrieren zu können, ohne passable Affektkontrolle und Frustrationstoleranz und oft auch ohne ausreichende Sprachkenntnisse. Um überhaupt arbeiten zu können, müssen Schulen notgedrungen ausgleichen, was die Eltern nicht leisten konnten oder wollten.
Ein bunter Strauß an lebenspraktischen Aufgaben
Bundesbildungsministerin Prien und Bundeskanzler Merz haben darum mit gutem Grund und berechtigten Fragen eine Diskussion wieder aufgenommen, die schon seit dem ersten „PISA-Schock“ im Jahr 2001 geführt wird: Welche Verantwortung haben die Eltern? Wie bekommt man sie dazu, nicht immer mehr Dienstleistungen von der Schule zu erwarten? Welche Rolle spielt dabei die Politik, die ebenfalls immer mehr Aufgaben an die Schulen delegiert, die früher die Eltern erledigten und idealerweise auch heute erledigen sollten?
Neben den Anforderungen für die grundsätzliche Schulbefähigung der Kinder wurde und wird an die Schulen auch ein ganzer Strauß an lebenspraktischen Aufgaben herangetragen. Die Schule gibt seit jeher Werk- und Handarbeitsunterricht, aber nun muss sie den Kindern auch das Schwimmen beibringen, schickt sie zum Kieferorthopäden, klärt über gesunde Ernährung auf, erklärt, wie man Medien nutzt, was ein Bankkonto ist und was eine Haftpflichtversicherung, und so weiter und so fort. Das ist alles wichtig. Aber ist es eine Kernaufgabe der Schule?
Während der Corona-Pandemie kam ein ernstes Thema hinzu: Die massiv steigende Zahl psychischer Erkrankungen bei Kindern legte offen, dass Lehrer bis dahin häufig nicht einmal eine ADHS-Erkrankung erkannten und noch immer meinten, es mit lauter „Zappelphilippen“ zu tun zu haben, wenn Kinder über Tische und Bänke gingen. Dass hier Wissen nachgeholt wird, sowohl von Eltern als auch von Lehrern, ist schon für das Wohlergehen der Kinder nötig, aber auch für den Fortgang des Unterrichts. Die jüngste Herausforderung durch Internet, KI und Social Media führte jetzt sogar dazu, dass über ein neues Schulfach nachgedacht wird: Auch für die „Digitale Welt“ sollen nicht die Eltern, sondern die Schulen die Kinder fit machen.
Auch bei den Privilegierten ist etwas ins Rutschen gekommen
Es verhält sich also offenkundig so, dass mit sinkenden Kompetenzen, Kapazitäten und Ambitionen der Eltern die Aufgaben der Schulen steigen. Zweitens muss festgestellt werden, dass in dieser Entwicklung mittlerweile eine Grenze erreicht ist. Wenn Schulen so überwältigt sind, dass sie die Vermittlung der Basiskompetenzen nicht mehr gewährleisten können und auch starke Schüler beginnen abzusacken, liegt das Versagen nicht nur im Schulsystem, sondern auch bei den Eltern.
Und zwar bei allen Eltern: Auch bei den sozial Privilegierten ist etwas ins Rutschen gekommen, sogar besonders stark. Gerade hier ist die Zahl flüchtiger Leser eklatant gestiegen und der Wille gesunken, Aufgaben zu lösen, auch wenn sie schwierig sind. Eltern privilegierter Kinder können sich also nicht mehr darauf verlassen, dass ihre Kinder Bildung und Ehrgeiz zu Hause quasi „einatmen“. Auch sie müssen sich die Frage gefallen lassen, ob sie zu sehr permissiver Freund und zu wenig Erzieher ihrer Kinder sein wollen.
Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Ausreden nicht weiterhelfen. Für den Abstieg sind nicht allein die überbordende Handynutzung oder die wirtschaftliche Situation der Familien verantwortlich, auch nicht, dass es immer weniger „Hausfrau-Mütter“ gibt, die sich der Bildung und Erziehung der Kinder widmen, oder dass immer mehr Alleinerziehende damit überfordert sind. Dafür gibt es zu viele andere, auch nicht autoritäre Staaten, die trotz derselben Entwicklungen besser abschneiden. Ein Zusammenwirken von Veränderungen im Schulsystem und einer höheren Sensibilität der Eltern für ihre Erziehungsverantwortung wäre wohl der Schlüssel für einen Wiederaufstieg.
Open Questions
- Wie kann die Politik Eltern effektiv in die Pflicht nehmen?
- Welche konkreten Maßnahmen ergreifen Schulen gegen die Überlastung?



