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BackDie Vorgeschichte der Colonia Dignidad in Deutschland: Wie alles in Lohmar-Heide begann
Die Vorgeschichte der Colonia Dignidad in Deutschland: Wie alles in Lohmar-Heide begann
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Die Welt9/13/2026History3 min readGermanyView translation

Die Vorgeschichte der Colonia Dignidad in Deutschland: Wie alles in Lohmar-Heide begann

Ein Jugendheim in Nordrhein-Westfalen galt als Vorzeigeprojekt. Doch hinter der Fassade bauten Paul Schäfer und seine Anhänger jene Strukturen auf, aus denen später die berüchtigte Sekte in Chile hervorging.

Quick Look

  • Historikerin Holle Meding beleuchtet die deutsche Vorgeschichte der Colonia Dignidad.
  • In Lohmar-Heide bei Siegburg gründete Paul Schäfer 1956 ein Jugendheim, das als Vorbild galt, während im Hintergrund Missbrauch und Isolation betrieben wurden, bevor Schäfer nach Chile floh.

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Why It Matters

Paul Schäfer gründete 1956 die 'Private Sociale Mission' in Lohmar-Heide, floh 1961 nach Chile und baute dort die Colonia Dignidad auf.

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Ein Jugendheim wird eingeweiht. Politiker, Kirchenvertreter und die Lokalpresse loben das Projekt in Lohmar-Heide als „Vorbild moderner Jugendarbeit“. Von „Klarheit, Sauberkeit und Edelsinn“ ist die Rede. Hinter einer christlich-sozialen Fassade werden jedoch Strukturen aufgebaut, aus denen wenig später die Colonia Dignidad in Chile hervorgehen sollte, jene berüchtigte Siedlung um den Deutschen Paul Schäfer, der mit den Schergen der Pinochet-Diktatur zusammenarbeitete, foltern ließ und Kinder vergewaltigte. Doch das kann im September 1960 niemand vorhersehen.

Allerdings, so sagt die Historikerin Holle Meding, hätte damals durchaus auffallen können, dass etwas nicht stimmte mit diesem vermeintlichen Vorzeigeprojekt in Lohmar-Heide bei Siegburg. Seit Jahren beschäftigt sich Meding mit der Geschichte des Jugendheims. Obwohl sie selbst aus Siegburg stammt, habe sie in ihrer Jugend nur vage Kenntnis davon gehabt, dass es früher irgendwo in der Nähe „dieses Sektenhaus“ gegeben habe, erzählt die 30 Jahre alte Forscherin. 2016 absolvierte sie im Rahmen ihrer Lateinamerika-Studien an der Uni Köln ein Auslandssemester in Chile. Diesen Aufenthalt wollte sie auch für einen Besuch in der Colonia Dignidad im Süden des Landes nutzen. Und so stand sie plötzlich Menschen gegenüber, die als Kinder und Jugendliche vom Sektenführer Paul Schäfer nach Chile verschleppt worden waren. „Als ich dann erzählte, dass ich aus Siegburg komme, kamen wir schnell ins Gespräch.“

Mit Aufzeichnungen stundenlanger Zeitzeugen-Gespräche kam Meding zurück nach Deutschland. „Diese zum Teil unglaublich grausamen Geschichten haben mich damals als 20-Jährige überfordert“, sagt Meding. Doch eines sei ihr klar gewesen. „Bei der Aufarbeitung des Colonia-Dignidad-Komplexes, die ja bereits eingesetzt hatte, wurden die Auswanderung aus Deutschland und die Vorgeschichte um das Jugendheim Heide meistens übersprungen.“ Meding machte sich an die Arbeit, durchforstete Archive und knüpfte Kontakte.

Um zu erklären, wie es zur Gründung dieses obskuren Heims kommen konnte, setzt Meding bei den von „Zerstörung, Verlust und Orientierungslosigkeit“ geprägten Nachkriegsjahren an. „Damals suchten viele Menschen Halt in religiösen Gemeinschaften.“ Ein Umfeld, in dem der aus Troisdorf bei Bonn stammende Laienprediger Paul Schäfer zunehmend Einfluss gewonnen habe. Mit Charisma habe er Jugendliche und ihre Familien angesprochen, Zeltlager und Bibelstunden organisiert. Zeitzeugen berichteten der Historikerin von erbaulichen Sing- und Musizierkreisen.

1956 gründete Schäfer die „Private Sociale Mission“ in Lohmar-Heide, einen Verein, der offiziell gemeinnützige Ziele verfolgte: die Betreuung bedürftiger Jugendlicher, Erholungsangebote und soziale Hilfe. Zahlreiche Anhänger investierten Geld und Arbeitskraft in den Aufbau des Projekts. Meding hat alte Imagebroschüren und -filme gefunden, in denen fleißige, fröhliche Jugendliche zu sehen sind. Doch wenn die Kameras aus waren, verlangte Schäfer absoluten Gehorsam. Wer Zweifel äußerte oder sich von der Gruppe entfernte, wurde angeprangert. Gleichzeitig entstanden wachsende finanzielle Abhängigkeiten. Mitglieder wurden gedrängt, erhebliche Teile ihres Vermögens an die Gemeinschaft abzutreten.

Trotz aller Bemühungen, sich nach außen abzuschotten, seien allerdings schon damals Gerüchte im Umlauf gewesen, sagt Meding. In Gronau, wo Schäfer eine Zeit lang Jugendarbeit machte, hieß es, er habe mit seinem sektiererischen Treiben die Gemeinde gespalten. Im niedersächsischen Gartow sprach man davon, er habe sich in einem Jugendlager an Kindern vergangen, die ihn in seinem Wohnwagen besuchten.

Doch die Presse, die 1960 überschwänglich über die Jugendheim-Eröffnung berichtete, tat jede Kritik als Vorurteil ab. Und die örtlichen Behörden, die Unregelmäßigkeiten bei den Genehmigungen für die Unterbringung einzelner Kinder feststellten, ließen sich mit fadenscheinigen Ausreden abspeisen. Das änderte sich erst, als ein Junge im Januar 1961 bei der Kriminalpolizei in Gronau angab, bei Ferienaufenthalten im Jugendheim durch Schäfer missbraucht worden zu sein. Nun wurde ermittelt. Am 21. Februar 1961 erließ das Amtsgericht Siegburg einen Haftbefehl.

Doch da war Schäfer bereits in Chile. Er hatte geahnt, dass es in Deutschland für ihn eng werden würde, und über anderthalb Jahre ausgekundschaftet, wo er seine Machenschaften unbehelligt weitertreiben könnte. Rund 300 Menschen wanderten zwischen 1961 und 1963 in seine Colonia Dignidad nach Chile aus. Darunter viele Kinder – ohne Eltern. „Ihren Eltern wurden verschiedene Storys erzählt“, berichtet Meding. „Eine davon lautete, es gehe auf eine Chorfreizeit nach Dänemark.“ Gutgläubig unterzeichneten sie unbefristete Fürsorgeerlaubnisse. Und Eltern, die hinterher versuchten, ihre Kinder zurückzubekommen, erpresste Schäfer mit sogenannten Seelsorgegesprächen, die er mit ihnen geführt und sich sogar unterschreiben lassen hatte. Meding berichtet vom Fall einer Familie, bei dem ein Vater in einer solchen Beichte gestanden hatte, sich an seiner Tochter vergangen zu haben. Schäfer drohte ihm mit einer Anzeige.

Zu einigen ihrer Informanten hält Holle Meding bis heute Kontakt. Manche seien nach Deutschland zurückgekehrt. „Sie leben in prekären Verhältnissen und sind im hohen Alter darauf angewiesen, etwa mit Taxifahren Geld zu verdienen“, berichtet sie. Der Versuch, Gespräche mit WELT AM SONNTAG zu vermitteln, scheitert. Zu groß sei für die Betroffenen die Belastung, noch einmal über die traumatischen Erlebnisse zu sprechen.

Open Questions

  • Welche Rolle spielten lokale Behörden damals genau?
  • Wie wurden die Ausreisevisa für die Kinder im Detail ausgestellt?

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This article was originally published by Die Welt.

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