Farin Urlaub über sein neues Soloalbum, Deutschland und die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
Quick Look
Farin Urlaub spricht im Interview über sein neues Soloalbum «Ein Lächeln im Gesicht», kritisiert gesellschaftliche Entwicklungen in Deutschland, äußert sich besorgt über die AfD und erklärt, warum er kein Testament geschrieben hat, bis ein Familienmitglied verstorben ist.
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Why It Matters
Farin Urlaub, geboren 1963 als Jan Vetter in Berlin, ist Sänger und Gitarrist der Band Die Ärzte. Er hat ein neues Soloalbum namens «Ein Lächeln im Gesicht» veröffentlicht.
Sein neues Album heißt «Ein Lächeln im Gesicht» und genauso wird man von Farin Urlaub (62) beim Interview auch begrüßt. Der Musiker von den Ärzten hat nach mehreren Jahren ein neues Soloalbum aufgenommen. In einem der ersten Lieder geht es um ein ganz einfaches Thema, Deutschland nämlich. Der Text geht so: «Bratwurst, Bockbier, Beckenbauer, Benz …»
Frage: Was davon gibt es bei Ihnen?
Antwort: Nichts. Ich bin Pescetarier - Bratwurst scheidet aus. Ich trinke keinen Alkohol. Fußball hat mich noch nie interessiert. Ich hatte immerhin mal einen Mercedes Kombi in den 90ern! Aber das war es dann auch.
Frage: Ist das für Sie die Quintessenz von Deutschland?
Antwort: Nein, natürlich nicht! Es geht darum, Aufmerksamkeit auf ein paar Sachen zu richten. Und es ist noch nicht mal ein reiner AfD-Bashing-Song, die kommt auch nur einmal darin vor. Die Freunde dieser Partei haben sich natürlich sehr auf den Schlips getreten gefühlt: «Warum hasst du Deutschland?» Also, wenn ich Deutschland hassen würde, würde ich es ja anders formulieren. Dass Brücken einstürzen und wir Amateure sind - das ist ja nun mal Fakt. Wer den BER-Flughafenbau miterlebt hat, kann doch zu keinem anderen Schluss kommen, als dass wir mittlerweile nicht mehr wissen, wie es geht. Ich nehme das immer noch mit Humor. Ich bin nun mal aus Berlin, ich bin aus Deutschland, aber ich kann trotzdem auch mal sagen: «Das finde ich jetzt nicht so super, die Richtung, in die sich das Land entwickelt.»
Frage: Haben sich Leute tatsächlich mit Beschwerden bei Ihnen gemeldet?
Antwort: Na bei mir kann man sich ja nicht melden. Aber es gibt jemanden, der liest sich manchmal YouTube-Kommentare durch und schickt mir die lustigsten.
Frage: Wie schauen Sie auf die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt?
Antwort: Wie alle Leute, die gerne in einem demokratischen, weltoffenen, freien Land leben würden - voller Bestürzung. Jetzt wissen wir ja auch, was die AfD vorhat. Sie will in der Schule anfangen - das haben die Nazis damals auch gemacht. Die Kirchen sollen als nicht-staatliche Freiräume mehr oder weniger aufhören zu existieren. Schon befremdlich. Was mich aber viel mehr bestürzt, ist, dass es Leute gibt, die dieses Wahlprogramm lesen und dann sagen: «Das ist die Partei, die ich wählen will.» Da haben wir doch als Land komplett versagt.
Frage: Sitzen Sie am Wahlsonntag vor dem Fernseher?
Antwort: Nein, ich habe gar keinen Fernseher. Immer noch nicht. Ich will ja da sein, wo es passiert und nicht etwas von Weitem sehen.
Frage: Lieber selbst dabei mit der Kamera.
Antwort: Ja! Und wenn es dann ganz spannend ist, tue ich die Kamera auch lieber weg. Die tollsten Erlebnisse auf meinen Reisen sind nie fotografisch festgehalten, weil ich dann da bin und es lebe.
Frage: Wären mehr Leute glücklich, wenn sie das Handy öfter weglegen?
Antwort: Ich meine: ja, aber das ist auch eine sehr billige Meinung. Ich benutze mein Handy nicht unbedingt exzessiv, viel für Reiseplanung. Aber wir haben es früher auch ohne Handys echt cool gehabt. Es war schwieriger, sich zu verabreden. Das ist jetzt besser. Ansonsten finde ich vieles nachteilig.
Frage: Zum Beispiel?
Antwort: Den Wettbewerb. Früher hatte man einen Freundeskreis und konnte vielleicht versuchen, in irgendetwas der Beste zu sein in diesem Freundeskreis. Heute spielt man gegen die ganze Welt. Man kann gar nicht schön sein, man kann gar nicht schlau sein, weil es gibt immer schönere, schlagfertigere, gebildetere, weitergereiste Menschen - reichere natürlich sowieso, die das auch sofort zeigen. Wie will man dagegen noch anstinken? Man beginnt sein Leben schon als Verlierer. Das war früher anders.
Frage: Auf dem Album singen Sie: «Wir sterben alle irgendwann.» Denken Sie darüber inzwischen häufiger nach?
Antwort: Es beschäftigt mich nicht ständig. Aber es ist schon so, dass ich jetzt mal mein Testament geschrieben habe. Mittlerweile ist ja auch was zum Verteilen da. Über die Jahre sind auch sehr viele Leute gestorben, die mir nahestanden. Als junger Mensch habe ich das immer weit weggeschoben. Aber darüber nachzudenken, finde ich eigentlich gut, weil es mich auch zwingt, die Sachen, die mir wirklich wichtig sind, jetzt zu machen, solange ich noch kann. Es ist gut, das als positiven Impuls zu sehen.
Frage: Weil man dann bewusster und besser durchs Leben geht?
Antwort: Ja, die Prioritäten werden schneller klar. Als 20-Jähriger denkst du ja: «Ich habe für immer Zeit! Das mache ich irgendwann.» Aber dieses Irgendwann ist halt jetzt bei mir. Wenn ich es jetzt nicht mache, besteht eine reelle Chance, dass ich es nicht mehr kann. Und deswegen mache ich das jetzt.
Frage: Wie hat es sich angefühlt, das Testament zu machen?
Antwort: Ich wusste gar nicht, wie viel ich besitze. Das war echt so: «Ach, Mensch?!» Aber es gab einen Auslöser dafür. In einer bekannten Familie ist der Vater überraschend verstorben und die ganze Familie geht sich jetzt nur noch an die Gurgel, weil er es verpasst hat, ein Testament zu schreiben. Und da denke ich mir: «Okay, das will ich nicht!»
Frage: Jetzt haben Sie ein Lied für das letzte Album der Toten Hosen eingespielt.
Antwort: Und auch geschrieben. Das war mein Wunsch. Campino hat gefragt: «Willst du das erste Lied auf dem Album singen?» Und ich so: «Ja! Darf ich es auch schreiben?» Er so: «Ja!» Das war gut.
Frage: Haben die Hosen dann noch mitgeredet?
Antwort: Ich habe ihnen zwei Songs geschickt und - kleine Exklusivinformation: Der andere Song ist jetzt auf meinem Soloalbum.
Frage: Aha, welcher?
Antwort: Sage ich natürlich nicht. Der andere ist ein relativ kurzer Punksong, den habe ich jetzt noch verlängert, damit man es nicht ganz leicht rauskriegt.
Frage: Wie geht es mit den Ärzten weiter?
Antwort: Wir spielen ein paar Konzerte nächstes Jahr.
Frage: Die sind schon fast alle ausverkauft.
Antwort: Ja. Und das ging auch sehr, sehr schnell. Als der Vorverkauf anfing, habe ich aus Spaß versucht, selbst Karten für eines der vier Berlin-Konzerte zu kaufen. Der Vorverkauf begann um 10 Uhr. Ich habe mich um 9:59 Uhr an den Rechner gesetzt, habe mich eingeloggt und dann: «Das Konzert ist ausverkauft.» Und ich so: «Ha, du doofe Maschine, das hat doch gerade erst angefangen!» Nach fünf Sekunden waren alle vier Konzerte in Berlin ausverkauft. Ich bin überfordert. Das war mal anders.
Frage: Die Preise bei Konzertkarten gehen derzeit durch die Decke. Bei den Ärzten sind es in Berlin 80 Euro und 20 Euro für Sozialtickets. Wie geht das?
Antwort: Na, weil wir nicht so gierig sind. Wir werden auf der Tour Geld verdienen, das ist kein Geheimnis. Aber wir müssen nicht noch mehr Geld verdienen. Es gibt einen Punkt, wo es reicht. Und uns reicht es vielleicht früher als anderen. Uns haben Leute schon nahegelegt: «Macht doch teure Tickets, dann habt ihr hinterher mehr Geld!» Ja, aber die Leute, die Tickets kaufen, haben dann weniger Geld. Muss doch nicht sein.
Frage: Bieten Sie alle Tickets auf einer Plattform zu gleichen Preisen an?
Antwort: Leider nicht. Es gibt Konzertveranstaltungsorte, die einen Vertrag mit einem der großen Tickethändler haben, wo sie dann ein gewisses Kontingent anbieten, und komischerweise sind genau da die Tickets am teuersten.
Frage: Interessant.
Antwort: Ja, und da können wir tatsächlich nichts machen. Wir können dann nur auf dieses Venue, auf diese Stadt verzichten und das ist dann auch nicht schön, weil uns dort ebenfalls Leute sehen wollen. Man muss Kompromisse machen als Band, die man nicht machen möchte und die auch gerne von Fans, denen das ganze Bild fehlt, negativ ausgelegt werden. «Ihr Schweine! Warum verkauft ihr denn so Luxustickets?» Wir verkaufen die nicht, wir wollen nicht, dass die existieren, aber die Halle hat einen Vertrag mit jemandem, der diese Luxustickets verkauft. Gier ist nichts Schönes. Deswegen versuchen wir, nicht gierig zu sein. Deswegen habe ich jetzt ein Soloalbum gemacht. Moment, warte....
Frage: Das gibt's ja bestimmt kostenlos frei zum Download, oder?
Antwort: Natürlich. (ironisch)
Frage: Wäre ja eine Option.
Antwort: Ja, wäre eine Option, wenn zum Beispiel die Masterer und die Mischer das umsonst machen würden. Machen sie nicht. Also meine eigene Arbeit habe ich schon mal umsonst zur Verfügung gestellt.
Frage: Verdient man mit einem Album überhaupt noch Geld?
Antwort: Ganz spannende Frage. Lassen Sie uns in einem Jahr darüber reden. Ich weiß es nicht. Ich habe das Album nicht gemacht, um Geld zu verdienen. Ich habe es gemacht, weil mir die Songs eingefallen sind. Ich war neulich bei einer kleinen Band, da wäre es sehr wichtig, dass sie etwas verkaufen. Und deswegen hoffe ich, dass der Markt noch so weit funktioniert, dass Künstler davon leben können. Der Punkt ist bei mir überschritten, ich kann von meiner Musik leben, selbst wenn Sie jetzt keine Platte kaufen. Aber ich würde mich natürlich freuen, wenn Leute dafür bezahlen, dass sie meine Musik hören dürfen und am Ende davon auch etwas bei mir ankommt. So weit geht die Gier dann schon. Müssen jetzt keine Milliarden sein, aber über 10.000 Euro würde ich mich schon freuen.
Frage: Kommt mit den Ärzten auch demnächst ein neues Album?
Antwort: Keine Ahnung. Aber wir sind ja eigentlich hier, um mal über mein Soloalbum zu reden, oder? Mein tolles Soloalbum...
Frage: Gut. Was haben wir denn noch auf der Liste? Das Soloalbum.
Antwort: Ja, gute Idee!
Frage: Sie haben das Album selbst eingespielt, spielen aber zum Beispiel kein Streichinstrument, das macht man dann mit dem Computer?
Antwort: Richtig. Damit es so echt wie möglich klingt, sitze ich dann schon sehr lange dran und suche die richtigen Samples aus und setze sie so zusammen, dass es zumindest in meinen Ohren so nah wie möglich an echte Streicher kommt. Dieser Ehrgeiz ist da. Aber echte Streicher wären überhaupt nicht machbar gewesen. Ich war unterwegs an verschiedenen Orten und habe da die Songs aufgenommen, wie sie mir gerade eingefallen sind.
Frage: An unterschiedlichen Orten?
Antwort: Ja, genau. Es ist ein Reisealbum, ohne dass ich es so benannt habe. Aber es ist an drei unterschiedlichen Orten und spontan entstanden. Sonst war es immer so: Wenn ich ein Album mache, mache ich zwei, drei Monate lang nichts anderes, als jeden Tag ins Studio gehen und mein Hirn auszupressen. Diesmal habe ich einen Song gemacht, dann eine lange Pause, und dann ist mir der nächste eingefallen, und so weiter. Das war sehr interessantes und schönes Arbeiten.
Frage: Das klingt sehr frei. Haben Sie eine Gitarre dabei, wenn Sie reisen?
Antwort: Ich habe mir dann eine Gitarre organisiert. Aber sonst? Sonst grundsätzlich nicht. Als ich in Indien war, hatte ich mal eine kleine Klappgitarre dabei. Das war aber so unbefriedigend, die zu spielen, dass ich mir das abgewöhnt habe. Aber manchmal schmerzt's.
Frage: Ah, das dann doch?
Antwort: Ja, ja. Also manchmal habe ich dann wirklich so eine Idee und ich muss die spielen. Ich kann die nicht einfach nur singen. Und wenn ich dann keine Gitarre zur Hand habe, dann verschwindet die Idee halt wieder.
Frage: Aber wenn die Zeit ohne Gitarre schmerzt, dann machen Sie doch noch eine Weile Musik, oder?
Antwort: Ich werde wahrscheinlich bis zu meinem Tod Musik machen. Ob ich die Musik in Zukunft noch rausbringen muss, weiß ich nicht. Das klingt jetzt vielleicht wie eine alberne Drohung, aber das wird dieses Album auch so ein bisschen mitentscheiden. Wenn es jetzt rauskommt und das war's, dann werde ich wahrscheinlich kein Album mehr machen. Wenn es jetzt rauskommt und Leute interessieren sich dafür, weiß ich zumindest: Okay, da gibt es immer noch Leute, die das hören wollen. Und das ist dann schon noch eine andere Motivation.
ZUR PERSON: Farin Urlaub wurde 1963 als Jan Vetter in Berlin geboren. Er ist Sänger und Gitarrist der Band Die Ärzte. Mit der Punkpopband schuf er legendäre Songs wie «Schrei nach Liebe», «Junge» und «Westerland». Jetzt ist sein neues Soloalbum «Ein Lächeln im Gesicht» erschienen.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die Konzerte von Die Ärzte in Berlin werden schnell ausverkauft bleiben.
Very likely · Within months
Farin Urlaub wird weiterhin Musik machen, solange er leben kann.
Likely · Within years
Open Questions
- Wird Die Ärzte in naher Zukunft ein neues Album veröffentlichen?
- Wie wird sich die politische Situation in Sachsen-Anhalt nach der Wahl entwickeln?
- Wird Farin Urlaub weiterhin Soloalben veröffentlichen, wenn das aktuelle gut ankommt?
