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Fritz Walter: Wie ein Fußballspiel im sowjetischen Lager sein Leben rettete
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Die Welt2 hours agoSports5 min readGermanyView translation

Fritz Walter: Wie ein Fußballspiel im sowjetischen Lager sein Leben rettete

Im Sommer 1945 stand Deutschlands erster Ehrenspielführer kurz vor dem Abtransport nach Sibirien. Ein improvisiertes Match mit Wärtern änderte alles – und ermöglichte das Wunder von Bern.

Quick Look

  • Das Leben von Deutschlands erstem Ehrenspielführer Fritz Walter wurde 1945 in einem rumänischen Kriegsgefangenenlager durch ein Fußballspiel mit Wärtern gerettet.
  • Dies ermöglichte seine Weltkarriere und den WM-Titel 1954.

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Why It Matters

Fritz Walter war deutscher Nationalspieler und führte den DFB 1954 zum WM-Titel. Nach dem Zweiten Weltkrieg befand er sich in sowjetischer Kriegsgefangenschaft in Rumänien.

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Das wichtigste Spiel seines Lebens fand für Deutschlands ersten Ehrenspielführer Fritz Walter († 81) in einem Lager bei Sighetu Marmatiei statt. Dort war er im Sommer 1945 nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in sowjetischer Gefangenschaft. In Hundertschaften wurden damals die deutschen Soldaten nach der Kapitulation des Nazi-Reiches aus Rumänien Richtung Sibirien transportiert. Täglich.

Auch für Walter stand der Termin bereits fest. Doch beim Abzählen war er der Hunderterste und durfte noch bis zum nächsten Tag bleiben. Sein Glück – und wohl der entscheidende Moment, um später eine Weltkarriere als Fußballer hinzulegen. Der Höhepunkt: das Wunder von Bern, als er Deutschland 1954 als Kapitän sensationell zum ersten WM-Titel führte.

„Die Stunden schlichen dahin. Es wurde Abend. Ich traute meinen Augen nicht, als fünf Mann der Lagerpolizei mit einem Fußball in unmittelbarer Nähe von uns auftauchten. Sie warfen zwei Mützen auf den Boden und fingen an, auf das improvisierte Tor zu schießen. Fußball. Ich fühlte mich magisch angezogen“, beschrieb Walter später die wundersame Geschichte, die einen glauben lässt, dass es doch einen Fußball-Gott geben muss.

Der damals 24-Jährige, durch den Krieg unterernährt und nach einer Malariakrankheit sichtlich gezeichnet, begab sich zu den spielenden Wärtern. Als er den Ball vor seine Füße bekam, ließ er ihn über seine schweren Stiefel tanzen und zeigte ein paar Tricks. Die Lagerpolizisten waren fasziniert. „Du auch Fußballspieler?“, fragte ein Slowake in gebrochenem Deutsch. Walter nickte.

„Dann spiel mit“, sagte der Wärter. Ein Befehl, den Walter dieses Mal liebend gerne hörte und sofort befolgte. „Wie sollte ich so schnell fassen, dass durch ein Fußballspiel eine so unglaubliche Wendung eingetreten war? Durch ein Fußballspiel, von dem ich nicht einmal mehr das Ergebnis in Erinnerung habe?“, fragte er noch Jahre später ungläubig angesichts dieses Ereignisses.

Walter spielte groß auf, er verzauberte die Wärter, verriet ihnen später, dass er aus Kaiserslautern käme und für Deutschland Länderspiele bestritten hätte. Ein Lagerpolizist konnte sich an ihn erinnern. Fortan änderte sich sein Leben. Er verpasste auch den nächsten Zug ins Arbeitslager nach Sibirien. Und auch die folgenden. Denn für den verantwortlichen sowjetischen Hauptmann Schukow war Walter ab sofort kein Kriegsgefangener mehr, sondern ein berühmter Fußballer. Mit Privilegien.

„Er bekam von nun an eine eigene Pritsche, gutes Essen. Durch die bessere Behandlung sollte er schnell zu Kräften kommen, um die Lagerauswahl gegen rumänische Provinzteams zu Siegen zu führen“, erzählte sein früherer Weggefährte Horst Eckel († 89) später im Interview mit SPORT BILD. „Doch lange musste der Fritz dort nicht mehr bleiben, um aus der Gefangenschaft zurückzukehren.“ Nach Kaiserslautern.

Hier begann Walters große Karriere. Als Kind war er zwar Fan des FC Schalke 04, der zwischen 1934 und 1942 sechsmal Deutscher Meister wurde und in Deutschland das Maß aller Dinge war, doch sein Leben wurde der FCK. Sein Vater Ludwig Walter arbeitete als Wirt in der Vereinsgaststätte des 1. FC Kaiserslautern.

Schon als kleiner Junge hatte Fritz Walter Hunderte Fans begeistert, wenn Lauterns Jugendmannschaften vor den Heimspielen der Senioren ihre Spiele ausgetragen hatten. Sie waren gezielt für Walter gekommen. In der Lokalpresse wurde bereits über die besonderen Fertigkeiten des kleinen Fritz berichtet, als er 13 Jahre jung war.

In der Saison 1937/38 debütierte Walter als 17-Jähriger in der ersten Herrenmannschaft. Bis zu seinem Karriereende 1959 absolvierte er 384 Spiele für den FCK und erzielte 327 Treffer. Walter führte Kaiserslautern Anfang der 1950er-Jahre viermal ins Finale um die deutsche Meisterschaft, zweimal gewann er es mit den Pfälzern: 1951 und 1953.

Sein größter Triumph jedoch war der Gewinn der Weltmeisterschaft neun Jahre nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft. Hätte es das „Wunder von Bern“ 1954 gegeben, wenn die Wärter des Kriegsgefangenenlagers an jenem Abend nicht Fußball gespielt hätten? „Eine müßige Spekulation. Aber Fakt ist: Einige seiner Kameraden sind aus der Gefangenschaft nicht mehr zurückgekehrt“, sagte Eckel. „Und Fakt ist auch: Ohne Fritz wären wir niemals Weltmeister geworden.“

Walter war zum damaligen Zeitpunkt bereits ein Weltstar. 1951, drei Jahre vor der WM in der Schweiz, hatte Spaniens Vorzeigeklub Atlético Madrid mit einem unmoralischen Angebot gelockt: 10.000 D‑Mark Monatsgehalt sollte der Kapitän des FCK und der Nationalmannschaft bekommen, dazu ein Handgeld in Höhe von 250.000 D‑Mark. Der Vertrag sollte über zwei Jahre gehen. Dazu Prämien, eine Wohnung und ein Auto.

Im Vergleich dazu: Für den Gewinn der WM wenige Jahre später erhielt Walter – wie jeder andere Spieler – einen Bonus in Höhe von 1000 Mark. Dazu gab es 200 Mark für jeden Einsatz. Bei insgesamt sechs Partien waren es in Summe nochmals 1200 Mark an Auflaufprämie.

„Schätzsche, was mache ma?“

Walter, der als recht sensibel galt und während eines Spiels zur Beruhigung in der Halbzeitpause gelegentlich ein kleines Gläschen Sekt verordnet bekam, suchte nach der Atlético-Offerte den Rat seiner Frau Italia († 80). Seiner großen Liebe vertraute er blind. „Schätzsche, was mache ma?“, fragte der Fußball-Star im typischen Pfälzer Dialekt. „Hier ist dein Betze, dein FCK, deine Nationalmannschaft. Was brauchst du sonst?“, antwortete sie. Und so sagte Walter den Spaniern ab und spielte weiter für die „Roten Teufel“ – für 320 Mark im Monat. Den Berufsfußballer-Status gab es seinerzeit in Deutschland noch nicht.

Walters Entscheidung gegen das Geld war enorm wichtig für den deutschen Fußball. Denn ein Wechsel nach Madrid wäre gleichbedeutend gewesen mit seinem Aus in der DFB-Auswahl. Denn Legionäre wurden damals nicht geduldet. Und Walter war nun mal der beste deutsche Spieler – und der verlängerte Arm seines Ziehvaters Sepp Herberger († 80). Den Bundestrainer nannte der Lauterer respektvoll immer „Chef“.

Bereits 1940 nominierte Herberger den damals 19 Jahre jungen Walter erstmals für die Nationalmannschaft. Beim 9:3 gegen Rumänien in Frankfurt erzielte er drei Tore. Deutschlands Presse feierte den Lauterer als neuen Helden, der noch 60 weitere Partien für die DFB-Auswahl absolvierte, bevor er 1958 zurücktrat.

Das berühmteste Spiel seiner Karriere war das WM-Finale 1954 in der Schweiz. Walter führte die Nationalelf zum 3:2-Sieg gegen Ungarn, nachdem sie das Gruppenspiel gegen den Topfavoriten noch 3:8 verloren und im Finale zwischenzeitlich 0:2 in Rückstand gelegen hatte. Bei „Fritz-Walter-Wetter“.

Auch das gehörte zur wundersamen Geschichte des Ausnahmekönners. Und wieder spielte seine Zeit als Soldat eine Rolle. Walter litt an den Folgen seiner Malariakrankheit aus dem Krieg. Er bevorzugte es, bei kühleren Temperaturen und Regen zu spielen – statt in der Hitze. Als das Finale am 4. Juli 1954 in Bern ausgetragen wurde, regnete es. Dieses nasse Wetter ging als „Fritz-Walter-Wetter“ in die Sporthistorie ein.

Wie auch die Reportage von Herbert Zimmermann († 49). Rund 60 Millionen Deutsche saßen im Moment des Final-Schlusspfiffes vor dem Radio und lauschten seinen Worten. Völlig außer sich brüllte er ins Mikrofon: „Aus! Aus! Aus! Das Spiel ist aus! Deutschland ist Weltmeister, schlägt Ungarn mit 3:2 Toren im Finale von Bern.“ Die Sensation war perfekt.

Es gibt viele Bilder von Fritz Walter, das Foto während der Siegerehrung im Wankdorfstadion ist aber das einprägsamste: Gebeugt nimmt er aus den Händen des damaligen Fifa-Präsidenten Jules Rimet († 83) den Weltpokal entgegen. Eine Szene mit Symbolcharakter für Millionen von Menschen auf der ganzen Welt. Walter präsentiert ein demütiges, bescheidenes und reumütiges Deutschland nach der schrecklichen Terrorherrschaft des Nationalsozialismus zwischen 1933 und 1945.

Der Triumph von Bern wird als heimliche Geburtsstunde der neuen Bundesrepublik verklärt. In Deutschland schöpften die Menschen zusätzlich Hoffnung, das Gefühl der Aufbruchstimmung verstärkte sich. Und Walter wurde zum Superstar, der er gar nicht sein wollte.

Ihm wurde mehrfach das Silberne Lorbeerblatt verliehen, das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik, Züge wurden nach ihm benannt. Es gab eine Sonderbriefmarke der Deutschen Post. Und: Walter ist bis heute sogar der einzige deutsche Weltmeister, nach dem bereits zu Lebzeiten ein Stadion benannt wurde: Seit 1985 heißt der Lauterer Betzenberg Fritz-Walter-Stadion.

Eckel, der neben Fritz und Ottmar Walter († 89) sowie Werner Liebrich († 68) und Werner Kohlmeyer († 49) der fünfte Lauterer in der 1954er-Weltmeistermannschaft war, sagt: „Für Fritz waren alle Spieler seine Sportkameraden.“ „Selten habe ich einen so selbstlosen Menschen erlebt wie den Fritz. Großzügig, offenherzig, sensibel, hilfsbereit – und vor allem: mein Freund“, sagte der legendäre Uwe Seeler († 85) über sein Idol.

Auch für den 2014er-Weltmeister Miroslav Klose (48) war Walter ein Vorbild, obwohl er ihn nie hat spielen sehen. „Als Kind, Jugendlicher und junger Erwachsener stand ich bei Spielen des 1. FC Kaiserslautern oft als Fan in der Westkurve. Da begreift man schnell: Fritz Walter ist ein Mythos. Und ich hatte nicht nur das große Glück, selbst Profi beim FCK zu werden, sondern auch die große Ehre, Fritz Walter persönlich kennenlernen zu dürfen“, sagt Klose.

Und weiter: „Die Bescheidenheit, die Fritz Walter trotz all seiner Erfolge ausstrahlte, zog mich in ihren Bann. Fritz hat immer gesagt: ,Nicht ich war wichtig, sondern immer nur die Mannschaft.‘ Er hatte so viel zu erzählen, und ich wollte so viel erfahren über das Spiel und sein Leben als Fußballer. Ich habe Werte von ihm gelernt.“

Wie viele andere auch. Vor allem ein Satz von Walter bleibt in Erinnerung: „Helden fallen im Krieg. Ich bin kein Held.“

Open Questions

  • Wie hieß der Slowake unter den Lagerpolizisten genau?
  • Welches Ergebnis hatte das besagte Fußballspiel im Lager?

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This article was originally published by Die Welt.

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