Hendrik Wüst: Auch im Westen schwinden Gewissheiten
Quick Look
- In Nordrhein-Westfalen fürchtet die CDU vor der Landtagswahl 2027 einen historischen Rückschlag: Laut einer forsa-Umfrage liegt die AfD erstmals in einer NRW-Umfrage vorn mit 24 Prozent gegenüber 22 Prozent der CDU bei der Bundestagsfrage.
- Die CDU-NRW selbst kommt auf 29 Prozent bei der Landtagsfrage – drei Punkte weniger als im April.
- Parteifunktionäre äußern Nervosität und rheinischen Fatalismus, während sie auf die Beliebtheit von Ministerpräsident Hendrik Wüst und Erfahrungen aus früheren Wahlkämpfen setzen, um den Bundestrend zu übertreffen.
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Why It Matters
Die CDU in Nordrhein-Westfalen liegt seit dem Wahlsieg 2022 nie unter 30 Prozent in Umfragen zur Landtagswahl. Die aktuelle forsa-Umfrage zeigt erstmals einen Rückstand gegenüber der AfD bei der Bundestagsfrage in NRW. Parteifunktionäre verweisen auf frühere Wahlkämpfe, in denen die CDU trotz schlechter Ausgangsposition gewann, etwa 2017 unter Armin Laschet und 2022 unter Hendrik Wüst.
Das Szenario, das sie in der CDU in NRW in diesen Tagen fürchten, geht ungefähr so:
Ostern 2027: Der Landtagswahlkampf geht in die entscheidende Phase. Und im Rheinland und in Westfalen begegnet den Wahlkämpfern der Partei überall dieselbe Enttäuschung, derselbe Ärger, dieselbe Wut. Was ist da schon wieder los in Berlin? Wann kommen die Reformen? Warum wird der Sprit schon wieder teurer? Wer soll diesen Kanzler noch ernst nehmen?
Und die Ehrenamtlichen an den Haustüren und in den Fußgängerzonen haben dann nur eine schmallippige Antwort parat: »Aber der Hendrik…«
Aber der Hendrik, unser Hendrik, unser Ministerpräsident Hendrik Wüst macht seinen Job doch viel besser als die da in Berlin. Das dürfte der Sound sein, mit dem die CDU in NRW in den Wahlkampf zieht. Bis vor Kurzem dachten sie in Düsseldorf, mit dieser Strategie dem Gegenwind aus der Bundespolitik mindestens standhalten zu können. Diese Hoffnung jedoch schwindet.
Ende September veröffentlichte der Kölner Stadt-Anzeiger eine neue Umfrage des Meinungsforschungsinstituts forsa. Darin kommt die CDU in NRW auf 29 Prozent, wäre nächsten Sonntag Landtagswahl. Das sind drei Prozentpunkte weniger als noch im April – und nur noch sieben vor der AfD, die zwei Prozentpunkte zulegt. Das ist neu für Wüst und seine Partei. Schließlich lag die CDU-NRW in Umfragen seit dem Wahlsieg 2022 nie unter 30 Prozent.
Und doch könnten sie diese Zahlen wohl besser verkraften, hätten die Demoskopen nicht in derselben Umfrage auch die Sonntagsfrage zur Bundestagswahl gestellt. Demnach käme die CDU im Heimatland des Kanzlers derzeit auf 22 Prozent. Stärkste Kraft würde auch dort die AfD, die forsa bei 24 Prozent sieht.
Nie zuvor lag die AfD in NRW in einer Umfrage vorn
Das ist erst mal nur eine Umfrage. Doch für das bevölkerungsreichste Bundesland bedeutet sie eine Zäsur. Und für die CDU ist sie ein Rückschlag. Noch nie lag die AfD in NRW vorn. Selbst Wüst also, der seit fast fünf Jahren mit den Grünen einigermaßen geräuschlos regiert, der schon als nächster Kanzler gehandelt wird, muss sich vor der AfD fürchten.
Die Krise der Bundespartei wird sich jedenfalls nicht mit ein paar netten Wüst-Plakaten überkleistern lassen. Diese Erkenntnis sickert im Westen langsam durch. Kaum ist die Debatte über einen Wechsel nach Berlin abgeebbt, sorgen sich die Christdemokraten hier um ihren Hoffnungsmann. Gewinnt Wüst die Wahl im kommenden April nur knapp und mit erheblichen Verlusten – er wäre angeschlagen. Mindestens. Als möglicher Nachfolger für Friedrich Merz vielleicht sogar verbrannt.
Wer sich in diesen Tagen bei Funktionären der Landespartei umhört, begegnet einer seltsamen Mischung aus Nervosität und rheinischem Fatalismus. Et hätt’ doch noch immer jot jejange.
Man sei halbwegs zufrieden in die Sommerpause gegangen, sagt einer, der in allen Gliederungen der Landespartei gut vernetzt ist. »Aber dann ist etwas ins Rutschen geraten.« Wie Jens Spahn seine Vaterschaft über eine Leihmutter kommuniziert hat, hat auch in NRW für Parteiaustritte gesorgt. Wie der Kanzler daraufhin sein Kabinett umbauen wollte, war nicht besonders hilfreich, die Wogen zu glätten. Und da waren die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin noch gar nicht in die Binsen gegangen.
»Natürlich ist die Stimmung schlecht«, sagt Kevin Gniosdorz, Landeschef der Jungen Union. »Nach drei verlorenen Landtagswahlen und sinkenden Umfragewerten wäre alles andere seltsam.« Andere formulieren es noch drastischer. Er wisse nicht, sagte ein Funktionär, der schon lange dabei ist, »ob die Stimmung noch messbar bei null ist, oder schon drunter«.
Selbst tief im Westen wackeln alte Gewissheiten. Die demokratische Mitte wird auch nach der Wahl 2027 eine Regierung bilden können. Aber es ist nicht mehr jenseits jeglicher Vorstellungskraft, dass die AfD die stärkste Fraktion stellen könnte. Noch aber will man sich von einer Umfrage nicht allzu verrückt machen lassen. Wüst sei schließlich allseits beliebt, heißt es dann, die Partei liege weiterhin sechs bis zehn Prozentpunkte über dem Bundestrend.
Die besonders Entspannten sitzen im Landtag. Was sich leicht damit erklären lässt, dass auch unter Christdemokraten vor einer Wahl erst mal gilt: Jeder ist sich selbst der Nächste. Und aus Sicht eines CDU-Abgeordneten ist die Lage gar nicht so vertrackt, wie sie scheint. Wer künftig wieder Teil der Fraktion sein will, muss den Wahlkreis gewinnen. Das war 2022 so, da zog die Landesliste nicht. Und das gilt auch für 2027 als realistisches Szenario.
Der einfache CDU-Abgeordnete fürchtet nicht, dass ihm daheim jemand gefährlich werden könnte. Die AfD-Hochburgen vermutet man dort, wo die Partei bereits bei der Kommunalwahl 2025 besonders gut abgeschnitten hat, etwa in Gelsenkirchen, Duisburg oder im Ennepe-Ruhr-Kreis. Diese Städte und Regionen haben gemeinsam, dass sie im Landtag von der SPD vertreten werden.
»In der Fraktion gibt es keine Schwarzseher«, sagt ein langgedienter CDU‑Abgeordneter. Er führt das auch auf gutes Erwartungsmanagement von oben zurück. Als man vor nicht mal zwei Jahren in Umfragen bei mehr als 40 Prozent lag, bremste Wüst in internen Runden die Euphorie. Davon dürfe sich niemand blenden lassen.
Der Blick geht zurück nach Niedersachsen
In der Parteizentrale in Düsseldorf setzten sie darauf, dass die vergangenen Wochen wie ein Warnschuss wirken. Dass alle den Ernst der Lage erkennen – und umso motivierter in den Wahlkampf gehen. Diese Zuversicht speist sich aus eigenen Erfahrungen der jüngeren Vergangenheit, und aus der Geschichte des Nachbarlands Niedersachsen.
Im Wahlkampf 2017 etwa lag Armin Laschet nur wenige Wochen vor der Wahl in Umfragen deutlich hinter der SPD und der damaligen Ministerpräsidentin Hannelore Kraft. Am Ende gewann er knapp, es reichte für eine Koalition mit der FDP. Ein halbes Jahr vor der Wahl 2022 war Wüst ein unbekannter Ex-Landesminister, gerade frisch im Amt des Ministerpräsidenten, mit Umfragewerten deutlich unter 30 Prozent. Er gewann mit 35,7 Prozent.
Aus beiden Erfahrungen hat die CDU-NRW gelernt: keine Panik. Entsprechend deutlich ist die Ansage, die Wüst seinen Leuten intern nun macht: Einfach weiterregieren, bitte.
Und doch schickt JU-Landeschef Gniosdorz eine Mahnung nach Berlin: »Dort muss endlich etwas gelingen, das die Menschen im Alltag merken.« Wer über Gerechtigkeit redet, dürfe die junge Generation nicht vergessen. »Nichts zu tun ist die ungerechteste aller Varianten, weil sie die Lasten nur nach hinten schiebt.«
Anders als Friedrich Merz in Berlin hat Wüst in NRW einen CDU-Politiker in seinem Kabinett, den viele Menschen tatsächlich mit einer glaubwürdigen Haltung in Fragen von Gerechtigkeit verbinden. Sozialminister Karl-Josef Lauman war viele Jahre Chef des Arbeitnehmerflügels der Partei. Zusammen mit Innenminister Herbert Reul, dem beliebten »schwarzen Sheriff«, bildet er die letzte echte Flügelzange der einst breit aufgestellten Volkspartei CDU. Mit starken Kandidaten vor Ort gewinnt man Wahlen sogar gegen den schlechten Bundestrend. Dieses Fazit haben sie in Düsseldorf auch aus der Kommunalwahl in Niedersachsen vor wenigen Wochen gezogen.
Doch es ist noch eine andere Wahl im Nachbarbundesland, auf deren Besonderheit man in Gesprächen jetzt betont beiläufig hingewiesen wird: Im Frühjahr 1998 erklärte der damalige Ministerpräsident Gerhard Schröder (SPD) die Landtagswahl in Niedersachsen zur »Volksabstimmung über den Kanzlerkandidaten«. Er holte 48 Prozent. Vielleicht, hoffen sie in der CDU, könnte ein ähnlicher Effekt Wüst vor allzu hohen Verlusten retten: Wenn die Menschen in NRW ihn nur mit ordentlich Rückendeckung für höhere Aufgaben empfehlen wollen.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Die CDU-NRW wird die Landtagswahl 2027 gewinnen, aber mit deutlich reduziertem Abstand zur AfD.
Likely · Within months
Die AfD wird in NRW weiterhin an Zustimmung gewinnen, insbesondere in ihren traditionellen Hochburgen wie Gelsenkirchen und Duisburg.
Likely · Within months
Open Questions
- Wird die CDU-NRW ihre Strategie ändern, um den Abstand zur AfD zu verringern?
- Kann Hendrik Wüst seine Beliebtheit in NRW nutzen, um den Bundestrend zu übertreffen?
- Welche konkreten Reformen erwarten die Wähler in NRW von der Landesregierung?
- Wie wird die AfD ihre NRW-Hochburgen wie Gelsenkirchen und Duisburg weiter ausbauen?



