In New Yorks "Little Haiti" geht die Angst um
Nach dem Entzug des legalen Aufenthaltsstatus für Hunderttausende Haitianer herrscht in Brooklyn Angst und Fassungslosigkeit.
Quick Look
- Nachdem US-Präsident Trump den Aufenthaltsstatus von über 300.000 Haitianern aufgehoben hat, herrscht im New Yorker Viertel Little Haiti tiefe Angst vor den ICE-Behörden.
- Viele verlassen aus Furcht vor Abschiebung ihre Häuser kaum noch.
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Why It Matters
Haitianer erhielten nach dem Erdbeben 2010 den "Temporary Protective Status" (TPS) in den USA, der im Juli von Präsident Trump entzogen wurde.
Die Metrostation heißt "Little Haiti". Doch auf den Straßen des Viertels im New Yorker Stadtteil Brooklyn erinnert nichts mehr an karibische Lebendigkeit. Schon am Nachmittag sind viele Läden geschlossen. In den Restaurants bleiben die Tische leer und Frisörin Aliette hat den ganzen Tag über vergeblich auf Kundinnen gewartet. "Die Leute trauen sich nicht mehr auf die Straße. Sie haben Angst vor ICE."
Ende Juli hat US-Präsident Donald Trump mehr als 300.000 Haitianern per Dekret ihren legalen Aufenthaltsstatus entzogen. Rund 40.000 von ihnen leben in New York. Nach dem verheerenden Erdbeben 2010 hatten sie in den USA den "Temporary Protective Status" (TPS) bekommen. In der alten Heimat haben sie alles verloren. Haiti wird von brutalen Banden kontrolliert.
"Wenn da jemand aus den reichen USA zurückkommt, wird er sofort ausgeraubt oder entführt", meint Ricot Dupuy, der in einem kleinen Laden in "Little Haiti" den Sender Radio Soleil betreibt. "Die Aufhebung des TPS ist für unsere Community das nächste Erdbeben. Vor 15 Jahren starben 250.000 Menschen. Heute erleben wir ein langsames Sterben."
Möglichst nicht aus dem Haus gehen
Aus Angst vor den Greiftrupps der Grenzbehörden ICE und Border Patrol verlassen viele ihr Haus nur noch, wenn es gar nicht zu vermeiden ist. Mit den Jobs haben viele auch ihre Krankenversicherung verloren. Staatliche Leistungen bekommen sie sowieso nicht mehr. Auf der Straße begegnet man nur noch Haitianern, die schon seit Jahrzehnten in den USA leben oder die hier geboren wurden und deshalb die Staatsbürgerschaft besitzen. "Mir kann Donald Trump nichts antun", sagt Joseph Bonaventure trotzig. "Ich war 20 Jahre beim Militär. Der wird es nicht wagen, mich zu berühren." Mit anderen älteren Männern sitzt er an einem Tisch auf dem Bürgersteig und spielt Domino.
Anderen verleiht nicht einmal der US-Pass ein Gefühl von Sicherheit. "Google doch mal, wie viele US-Bürger - Menschen, die hier geboren wurden - festgenommen oder sogar abgeschoben wurden", meint Camilla, die sich an einem Infostand für den Zusammenhalt im Stadtteil engagiert. Ihren Nachnamen will die junge Frau nicht nennen. Die letzte verlässliche Zahl über die Festnahme von US-Bürgern liegt bei 506. Aber jeder einzelne Fall verstärkt das Gefühl, das niemand mehr sicher ist.
Fußfesseln für Haitianer in Ohio
Dabei geht es den Haitianern in Brooklyn sogar noch besser als ihren Landsleuten in Bundesstaaten wie Ohio oder Florida. New York hat sich zur "Sanctuary City", zur Schutz-Stadt, erklärt. Bürgermeister Zohran Mamdani kann die Bundesbehörde ICE zwar nicht at ihren Einsätzen im Stadtgebiet hindern. Aber der Polizei von New York und allen städtischen Behörden ist jede Zusammenarbeit mit ICE verboten. Auch öffentlich stellt sich Mamdani deutlich vor seine bedrängten Migranten-Communities.
Deshalb konzentrieren sich Maßnahmen der vermummten Greiftrupps derzeit noch vor allem auf den Bundesstaat Ohio. Die Stadt Springfield war schon im Wahlkampf 2024 ins Blickfeld geraten, als Trump immer wieder behauptete, die dortigen Haitianer würde die Haustiere ihrer Nachbarn essen. Nach dem Ende von TPS wollte die Regierung an der Stadt ein Exempel statuieren. Doch für eine solche Massendeportation fehlt es bisher noch an der notwendigen Logistik.
Stattdessen wurden alle betroffenen Haitianer gezwungen, sich bei den örtlichen Behörden eine elektronische Fußfessel anlegen zu lassen. Ende August nahm sich der 20-jährige Pierre Damas Bel in Springfield das Leben. Fotos von ihm zeigen den hochbegabten Schüler und Fußballer bei der Abschlussfeier seiner Highschool. Doch kurz vor dem Start am College wurde er zum "illegal alien", die Fußfessel zum Symbol der Ausgrenzung und Stigmatisierung.
Das Gefühl, schlagartig rechtlos zu sein
In "Little Haiti" scheint jeder die Geschichte von Pierre Damas Bel zu kennen. Auch wenn der New Yorker Bürgermeister Maßnahmen wie in Ohio nie zulassen würde: Das Beispiel steht stellvertretend für das allgegenwärtige Gefühl, von einem Moment zum anderen völlig rechtlos geworden zu sein.
Zumal auch Bürgermeister Mamdani oft nur die eigene Hilflosigkeit demonstrieren kann - so wie Anfang Oktober: Im nördlichen Stadtteil Bronx hatten vermummte ICE-Agenten einen Familienvater aus der Dominikanischen Republik mit sieben Schüssen in seinem Auto verletzt, am helllichten Tag. Sein fünfjähriger Sohn saß auf der Rückbank.
Bei einer nächtlichen Pressekonferenz fand der Bürgermeister zwar drastische Worte für das Vorgehen von ICE. Aber nicht einmal eine direkte Intervention bei Trump und Heimatschutzminister Markwayne Mullin konnte etwas für den Angeschossenen ausrichten. Im Gegenteil: Nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus wurde er in Abschiebehaft genommen und die Regierung nutzte eine Vorstrafe des Festgenommenen als Beleg, dass Städte wie New York die "Schlimmsten der Schlimmen unter den kriminellen Fremden" schützen würden.
Mit Solidarität einander beistehen
Wer Rat und Trost sucht, findet ihn in der katholischen Kirche St. Jerome. Bis zum Sommer waren die Reihen bei der Sonntagsmesse oft voll besetzt. Doch seit viele Gemeindemitglieder ihren Flüchtlingsstatus verloren haben, bleiben auch hier viele Plätze leer. Vor allem Familien kommen nicht mehr. Zu groß ist die Sorge, dass auf dem Weg zur Kirche schwerbewaffnete maskierte Männer aus ihren Autos springen und die Eltern vor den Augen der Kinder entführen.
Man muss kein Kreolisch verstehen, um mitzubekommen, welche Rolle all das auch im Gottesdienst von Pfarrer Hilarie Belizaire spielt. Immer wieder klingt das Wort ICE aus seiner Predigt hervor. "Am wichtigsten ist es, sich nicht von der Angst überwältigen zu lassen", erzählt der Geistliche nach der Messe in der Sakristei. Also wird im Gottesdienst kräftig gesungen, geklatscht und am Ende auch gelacht und getanzt.
Aber Pfarrer Belizaire ist längst auch ein unermüdlicher Anwalt seines Viertels geworden, hat seine Gemeinde zu einem Zentrum von Beratungs- und Unterstützungsangeboten entwickelt. Freiwillige verteilen Lebensmittel, organisieren Schulwege für Kinder und vermitteln medizinische Hilfe. Anwälte geben kostenlose Rechtshilfe. "Manche überlegen tatsächlich, freiwillig nach Haiti zurückzugehen", sagt er. "Aber es gibt für sie dort keine Heimat mehr. Sie sind vor 15 Jahren vor der Gewalt im Lande geflohen, haben alles verloren, und heute ist die Lage in Haiti noch schlimmer." Pfarrer Beliziaire spricht von der doppelten Traumatisierung, die seine Community gerade durchlebt.
Angst einjagen bis zur freiwilligen Ausreise
Auch Ricot Dupuy, der Radiomoderator, kommt immer wieder auf die psychologischen Folgen der Abschiebe-Politik zu sprechen. "Ganz viele Menschen bräuchten jetzt therapeutische Begleitung", sagt er. Jede Lebensfreude sei aus dem Stadtteil verschwunden.
Niemand könne voraussagen, wohin es führe, wenn sich Tausende über Monate oder Jahre in ihren Häusern verstecken müssten. "Irgendwann werden die Notaufnahmen mit psychisch Kranken überfüllt sein", meint er. All das sei gezielte Grausamkeit von Regierung und ICE. Diese wollten so viel Angst einjagen, dass man irgendwann seiner eigenen Abschiebung zustimmt.
Für Trump sei das ein Mittel, bei seinen Anhängern zu punkten, weiß auch Pfarrer Belizaire. Trotzdem vertraut er darauf, dass sich das Gewissen der Mehrheit regt. Über Parteipolitik will der Geistliche nicht reden. Aber man kann ahnen, welche Sorgen und Hoffnungen sich schon mit der kommenden Kongresswahlen im November für seine Community verbinden.
What to Watch
AI outlook — possibilities, not facts
Anstieg psychischer Probleme in betroffenen Migrantencommunities
Likely · Within months
Open Questions
- Wie stark werden sich die Kongresswahlen auf die Migrationspolitik auswirken?
- Welche logistischen Mittel setzt die Regierung für kommende Deportationen ein?





