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BackJüdisches Leben in Hessen: Zwischen Schutzbedürfnis und gesellschaftlicher Normalität
Jüdisches Leben in Hessen: Zwischen Schutzbedürfnis und gesellschaftlicher Normalität
Politics
FAZ54 minutes agoPolitics4 min readGermany

Jüdisches Leben in Hessen: Zwischen Schutzbedürfnis und gesellschaftlicher Normalität

Trotz verstärkter Sicherheitsmaßnahmen und neuer Staatsverträge bleibt die Bedrohungslage für jüdische Gemeinden in Hessen hoch.

Quick Look

  • Ein Anstieg antisemitischer Vorfälle in Hessen zwingt jüdische Gemeinden zu verstärkten Sicherheitsvorkehrungen.
  • Während neue Staatsverträge finanzielle Planungssicherheit bieten, bleibt die Frage bestehen, wie echte gesellschaftliche Normalität erreicht werden kann.

AI-generated summary

Why It Matters

Seit dem 7. Oktober 2023 verzeichnet Deutschland einen deutlichen Anstieg antisemitischer Vorfälle. Dies hat zu einer dauerhaften Bedrohungslage für jüdische Institutionen geführt.

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Vor der Synagoge im Frankfurter Westend verläuft eine Grenze, die jeder sehen kann. Seit Februar 2025 gehört eine Videoschutzanlage zu diesem Ort, an dem gebetet, gefeiert, getrauert und gelernt wird. Die Kamera schützt. Gleichzeitig markiert sie eine Trennlinie im öffentlichen Raum: Hier beginnt ein jüdischer Ort, der mit Technik, Polizei und besonderen Sicherheitsvorkehrungen gesichert werden muss. Unsichtbar bleibt dabei allerdings, wie weit diese Grenze in den Alltag hineinreicht.

Genau darin liegt der Widerspruch, für den die Kamera steht. Sie sagt: Dieser Ort ist wichtig. Und sie sagt ebenso: Dieser Ort ist gefährdet. Ist Schutz also die Voraussetzung für jüdische Normalität – oder macht er sichtbar, dass Deutschland von dieser Normalität noch weit entfernt ist?

Die Zahlen aus Hessen lassen wenig Raum für beruhigende Antworten. RIAS Hessen, die „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen“, unterstützt Menschen, die antisemitische Vorfälle erlebt oder beobachtet haben. RIAS nimmt Meldungen entgegen, dokumentiert und analysiert Antisemitismus. Dabei werden auch Beleidigungen, Schmierereien, antisemitische Aussagen und andere Vorfälle unterhalb der Strafbarkeit erfasst.

Die Angaben von RIAS sind daher nicht mit einer Polizeistatistik gleichzusetzen. Sie beruhen auf Meldungen, eigener Beobachtung und einem bundesweit abgestimmten Kategoriensystem. Gerade dieser erweiterte Blick macht Erfahrungen sichtbar, die in amtlichen Statistiken häufig nicht auftauchen. Für das Jahr 2025 dokumentierte RIAS Hessen 1099 antisemitische Vorfälle – rund 18 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Rechnerisch sind das drei Vorfälle täglich.

Mehr als 959 Meldungen wurden als verletzendes Verhalten eingeordnet. Dazu gehören antisemitische Aussagen, Beleidigungen, Schmierereien oder Vorfälle bei Versammlungen. Diese Kategorie zeigt besonders deutlich, wie tief Judenhass in den Alltag eingedrungen ist. Antisemitismus besteht nicht nur aus dem Anschlag, der verhindert werden muss. Er zeigt sich auch in einem abfälligen oder beleidigenden Satz, der in der Bahn fällt, im Spruch auf der Straße oder in der Beschimpfung nebenan.

Auffällig sind die Orte, an denen sich die Entwicklung verschärft. RIAS registrierte 2025 im Umfeld von Synagogen 40 Vorfälle, nach 26 im Vorjahr. Im öffentlichen Nahverkehr stieg die Zahl von 45 auf 83, im Wohnumfeld von 37 auf 51, in Kunst- und Kultureinrichtungen von 37 auf 52. Auch an Bildungseinrichtungen wurden 190 Vorfälle erfasst. Diese Zahlen beschreiben keine abstrakte Gefahr, die an den Eingängen jüdischer Einrichtungen endet. Sie zeigen vielmehr, dass der öffentliche Raum selbst für jüdische Menschen unsicherer wird.

Das Lagebild des Zentralrats der Juden aus dem Jahr 2026 fügt sich in dieses Bild ein. Der Zentralrat veröffentlichte es Anfang Mai zum dritten Mal, nach den Ausgaben von 2023 und 2024. Es beruht auf einer Befragung der Führungspersönlichkeiten von 102 jüdischen Gemeinden und Landesverbänden. Damit vermittelt die Erhebung ein belastbares Bild von der Situation jüdischer Institutionen, auch wenn es sich nicht um eine repräsentative Umfrage unter allen Jüdinnen und Juden in Deutschland handelt.

68 Prozent der Befragten nehmen das Leben in Deutschland im Vergleich zu der Zeit vor dem 7. Oktober 2023 als unsicherer wahr. 21 Prozent der Gemeinden mussten in den vorangegangenen zwölf Monaten Veranstaltungen aus Sicherheitsgründen absagen. Nur 13 Prozent bewerten die Zukunft jüdischen Lebens positiv. Und lediglich 35 Prozent der Gemeinden berichten noch von Solidarität aus der Zivilgesellschaft – im Vergleich zu 62 Prozent im Jahr 2023.

Am 7. Oktober 2023 überfielen die Hamas und weitere bewaffnete Gruppen aus dem Gazastreifen Israel, töteten etwa 1200 Menschen, viele von ihnen Zivilisten, und verschleppten mehr als 200 Menschen als Geiseln. In Deutschland folgte darauf ein explosionsartiger Anstieg antisemitischer Äußerungen und Übergriffe. Das Lagebild beschreibt deshalb keinen vorübergehenden Ausnahmezustand, es dokumentiert eine Bedrohung, die zum dauerhaften Bestandteil jüdischer Alltagserfahrung zu werden droht.

Jüdisches Leben gehört selbstverständlich in die Mitte der Gesellschaft. Doch die Feststellung bleibt folgenlos, wenn diese Zugehörigkeit nicht praktisch verteidigt wird. Normalität bedeutet, dass Kinder mit Kippa zur Schule gehen können, dass der Davidstern sichtbar getragen werden kann und dass ein Konzert oder eine Diskussionsveranstaltung nicht aus Sicherheitsgründen abgesagt werden muss.

Hessen hat die Spannung zwischen Schutz und Normalität politisch anerkannt. Am 11. August wurde in Wiesbaden der Staatsvertrag zwischen dem Land und dem Landesverband Jüdischer Gemeinden in Hessen um fünf Jahre verlängert. Die Vereinbarung sieht jährlich gestaffelt höhere finanzielle Leistungen vor. Zusätzlich wurde Einigung über weitere Sicherheitsleistungen erzielt. Benjamin Graumann, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, bezeichnete die so entstehende Verlässlichkeit und Planungssicherheit für jüdische Gemeinden als von unschätzbarem Wert. Der Vertrag sei nicht nur eine finanzielle Regelung, sondern auch ein Signal dafür, dass jüdisches Leben gewollt sei und unterstützt werde.

Geld allein schafft keine Sicherheit. Aber ohne verlässliche Finanzierung bleiben Sicherheitsvorkehrungen, Bildungsarbeit, Sozialberatung, Jugendarbeit und Kultur abhängig von wechselnden politischen Prioritäten. Öffentliche Förderung ist keine Wohltätigkeit, sondern staatliche Verantwortung: Religionsfreiheit muss unter den realen Bedingungen der Gegenwart ausgeübt werden können.

Doch auch ein guter Staatsvertrag kann keine Normalität herstellen, er kann lediglich die Voraussetzungen dafür verbessern. Wo eine Gemeinde für den Schutz ihrer Gebäude, ihrer Kinder und ihrer Veranstaltungen auf Sondervereinbarungen angewiesen ist, bleibt sichtbar, dass ihre Freiheit besonderen Bedingungen unterliegt. Die Kamera vor der Synagoge ist weder ein Argument gegen Schutz noch ein Beweis für seinen Erfolg. Sie ist zunächst ein Zeichen dafür, dass Schutz notwendig ist.

Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob jüdisches Leben besonderer Sicherheitsvorkehrungen bedarf. Das tut es. Die Frage ist, wer die Last dieser Vorkehrungen trägt. Wenn Bund, Länder und Kommunen dauerhaft Verantwortung übernehmen, kann Schutz seine eigentliche Funktion erfüllen: Er wird zum Mittel der Freiheit. Schutz darf nicht bedeuten, dass sich jüdische Menschen hinter Mauern zurückziehen. Er muss ihnen ermöglichen, die Mauern wieder hinter sich zu lassen.

Der hessische Staatsvertrag ist ein gutes, aber nur ein erstes Zeichen. Er schafft Verlässlichkeit, wo Unsicherheit herrscht. Er kann Räume schützen, in denen jüdisches Leben wachsen und sich entfalten kann. Aber die Normalität, von der in politischen Erklärungen so gern die Rede ist, beginnt erst jenseits der Vertragsunterzeichnung: bei der konsequenten Verfolgung antisemitischer Straftaten, bei einer angemessenen Ausstattung von Schulen und Beratungsstellen, bei politischer Klarheit gegenüber jedem Judenhass – unabhängig davon, aus welchem Milieu er kommt – und bei einer Zivilgesellschaft, die sich nicht an die Bedrohung gewöhnt.

Die Kamera vor der Westendsynagoge wird vorerst bleiben. Das ist keine Schande, sondern eine Notwendigkeit. Zur Schande würde sie erst dann, wenn die Gesellschaft sich an sie gewöhnte wie an ein Stück Stadtmobiliar und darüber vergäße, worauf sie hinweist. Schutz ist die Bedingung der Freiheit. Normalität aber beginnt dort, wo diese Freiheit nicht fortwährend wie eine Ausnahme behandelt werden muss.

Jüdisches Leben in Frankfurt und Hessen soll nicht nur bewahrt werden. Es soll wachsen, widersprechen, feiern und sichtbar sein können. Nicht weil seine Vertreter außergewöhnlichen Mut beweisen müssen, sondern weil sie selbstverständlich zu dieser Gesellschaft gehören.

Open Questions

  • Wie kann die Zivilgesellschaft langfristig gegen Antisemitismus mobilisiert werden?
  • Reichen die staatlichen Mittel aus, um die Sicherheit dauerhaft zu gewährleisten?

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This article was originally published by FAZ.

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