
Deutschland bewirbt sich erneut für Olympische Sommerspiele, doch die Konkurrenz ist groß und das Erbe der Ära Bach belastet den Prozess.
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Deutschland hat seit 1972 sieben Olympia-Bewerbungen verloren. Der Vergabeprozess des IOC wurde unter Thomas Bach grundlegend verändert und gilt als intransparent.
Sieben deutsche Kandidaturen sind seit München 1972 gescheitert, jetzt soll es also beim achten Versuch klappen. Sehr oft haben die deutschen Verantwortlichen ihre Chancen falsch eingeschätzt. Auch diesmal gelten sie als eher überschaubar; auch wenn sie mit München gewiss besser sind als sie es mit „KölnRheinRuhr“ gewesen wären. Dabei ziehen der deutsche Sport und München als Kandidat für die Sommerspiele 2036, 2040 und 2044 in einen ziemlich ungeordneten und undurchschaubaren Wettkampf, in dem sich – wie so oft bei der Vergabe von sportlichen Großevents – diverse Stränge von Sport- und Geopolitik kreuzen.
Es gab einmal eine Zeit im Internationalen Olympischen Komitee (IOC), da lief die Vergabe von Olympischen Spiele verlässlich ab – und das nicht nur, weil zu fast jeder Vergabe auch ein Bündel an anrüchigen Vorgängen auftauchte. Zeitplan und konkrete Abläufe waren klar: Neun Jahre vor dem avisierten Datum konnten interessierte Städte ihre Kandidatur einreichen, dann prüfte eine Evaluierungskommission die Bewerbungen, sieben Jahre vorher stimmten rund 100 IOC-Mitglieder ab.
Dann brach im Jahr 2013 im IOC die Herrschaft von Thomas Bach an. Der deutsche Wirtschaftsanwalt gestaltete fortan alles so, gelinde gesagt, wie es ihm in den Kram passte. Mal wurden zwei Spiele auf einmal vergeben (2024 Paris/2028 Los Angeles), mal elf statt sieben Jahre vorher (Brisbane 2032), mal sechs (Frankreich 2030), mal sogar unter Vorbehalt (Salt Lake City 2034). Vor allem konnten die IOC-Mitglieder nicht mehr frei zwischen mehreren Kandidaten wählen, sondern nur noch abnicken, was sich Bachs engste Crew – Pardon, eine nach strengen Kriterien arbeitende IOC-Kommission – ausgedacht hatte.
Nun ist Bach seit vergangenem Jahr IOC-Ehrenpräsident und die von ihm protegierte Kirsty Coventry die neue Chefin des Ringelzirkels. Und auch wenn IOC-Lobbyisten vorgeben, als würde alles geordnet und transparent laufen, kann derzeit etwa kaum jemand verlässlich sagen, wie es mit der Olympiavergabe weitergeht. Die erste formale Stufe ist weiter der sogenannte „continiuous dialogue“, was nichts anderes heißt, als dass das IOC lose Gespräche mit Interessenten führt. Dabei sind Bewerbungen mit völlig unterschiedlichen Ausbaustufen: Indien, Katar mit Doha, Chiles Hauptstadt Santiago, Budapest – und nun auch Deutschland mit München.
Zumindest für die Vergabe der Sommerspiele Jahr 2036 zeichnet sich inzwischen eine konkrete Zeitleiste ab. 2027 startet das IOC einen neu geschaffenen „strategic dialogue“, also eine Art Vorfestlegung, mit welchen Kandidaten man sich näher austauschen möchte. Womöglich erfolgt im Jahr darauf eine Eingrenzung auf einen bestimmten Markt oder eine bestimmte Region, 2029 dann die Vergabe – wobei bis zuletzt offen war, an welcher Stelle die IOC-Mitglieder wie genau beteiligt werden. Klar ist, dass sie auf mehr Mitsprache drängen als unter Bach. Und das beeinflusst wiederum die Chancen der einzelnen Bewerber.
Lange galten für 2036 zwei Länder als besonders aussichtsreich: Indien und Katar, beide sind in der internationalen Sportpolitik zum Teil extrem gut vernetzt. Indien ist tendenziell jedoch zurückgefallen, weil es zwar vom finanzkräftigen Ambani-Clan gepusht wird und mit Spielen in der weltweit größten Demokratie locken kann, aber in der Planung noch nicht so weit und zuverlässig ist wie vom IOC erhofft. Bei Katar wiederum macht die Kriegslage im Nahen und Mittleren Osten Sorgen.
Andererseits kann die Lage, insofern die Kür 2029 erfolgt, schon ganz anders aussehen. Zugleich hat Katar just in der arabischen Welt Gegenspieler. Das gleichfalls einflussreiche Saudi-Arabien würde es dem kleinen Emirat nicht so leichthin gönnen, nach der ersten arabischen Fußball-WM in Katar nun auch der erste arabische Olympiagastgeber zu sein. Allerdings sind Saudi-Arabiens Sportprojekte zuletzt abgekühlt; das Engagement auf der LIV-Tour der Golfer endete ebenso abrupt wie die Ausrichtung der asiatischen Winterspiele oder die eigens neu eingeführten Olympischen E-Sport-Games.
Vor diesem Hintergrund kursierte zuletzt verstärkt das Szenario, ob Europa nicht doch schon 2036 an der Reihe sein könnte. Das wäre einerseits eine gute Botschaft für Deutschland, andererseits nicht. Die Konkurrenz ist in jedem Fall stark, Budapest und Istanbul sind zum Teil schon seit Längerem im Rennen, auch aus London gibt es Signale. Dabei käme das spezielle 2036er-Argument hinzu: Könnte Deutschland 100 Jahre nach den Propagandaspielen der Nationalsozialisten wirklich der geeignete Gastgeber sein?
Selbst Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der am Samstag den Siegernamen aus dem Umschlag zog, hatte sich im vergangenen Februar dagegen gestemmt (ehe er seine Meinung änderte). Sollten die Spiele 2036 nach Europa gehen, würden sie 2040 und 2044 jedenfalls recht sicher auf andere Kontinente weiterziehen. Derzeit heißt es aus dem DOSB, dass sich die deutsche Bewerbung nach einem europäischen Duell um 2036 auch im Falle einer Niederlage erledigt habe – wobei sich solche Haltungen schon oft geändert haben.
Insofern wäre aus der deutschen Perspektive womöglich besser, wenn die Spiele 2036 woanders stattfinden. Dann wäre Europa für 2040 und 2044 ein Thema, womöglich sogar in Form einer Doppelvergabe im Jahr 2029; auch Steuergelder würden sich über Jahre anzapfen lassen. Denn sosehr Europa gerade global zurückfallen mag: Es ist schwer vorstellbar, dass das IOC nach Paris 2024 die Sommerspiele 20 Jahre lang abseits des einstigen Kernmarktes austrägt. Deutschland hätte dann aber immer noch, siehe oben, starke Konkurrenz.
Aber neben all diesen Argumenten spielt noch ein gewichtiger Punkt hinein: die Rolle des früheren IOC-Präsidenten Thomas Bach. Dass Deutschland so lange keine Spiele mehr bekommen hat, liegt auch und insbesondere an seiner Person. Bach war zwar der führende deutsche Sportpolitiker schlechthin, aber an entscheidenden Stellen rückte das Interesse am eigenen Fortkommen klar über das einer deutschen Olympiabewerbung. So wurde München ins aussichtslose Unterfangen für die Winterspiele 2018 getrieben, obwohl diese längst Pyeongchang versprochen waren. Dafür verzichtete man auf eine vermutliche aussichtsreichere Kandidatur für die Sommerspiele 2020. Rein zufällig stieg die Wahl der 2020er-Spiele auf derselben Session wie die IOC-Präsidentschaftswahlen für die Zeit nach Jacques Rogge: im Herbst 2013 in Buenos Aires. Ein deutscher Doppelsieg, IOC-Präsidentschaft und Olympia, das galt als ausgeschlossen.
Obendrein ist Thomas Bach – der am Samstag in Baden-Baden bei der Verkündung des Siegers zugegen war – entscheidend mit dafür verantwortlich, dass die olympische Bewegung in Deutschland einen schlechten Ruf genießt. In seine Zeit fallen viele sportpolitische Skandale, vornehmlich sein sanfter Umgang mit Russland in der Staatsdopingaffäre. Bezeichnenderweise scheiterten in seiner Zeit als IOC-Präsident die Referenden in Deutschland (München 2022, Hamburg 2024). Diesmal kamen immerhin München und „KölnRheinRuhr“ durch.
Zugleich funktioniert das IOC nach eigenen Gesetzen, mit Abhängigkeiten und sportpolitischen Tauschgeschäften über Jahre hinweg. Selbst wenn Coventry die Bachsche Linie der völligen Intransparenz bei der Vergabe aufweichen sollte – wobei abzuwarten bleibt, ob dies an entscheidenden Stellen geschehen wird – so hat Bach weiterhin großen Einfluss. Coventry ist sein Zögling, rund drei Viertel der aktuellen Mitglieder sind unter ihm ins IOC gerückt. Und es gibt durchaus eine historische Parallele.
Bachs eigener sportpolitischer Ziehvater, Juan Antonio Samaranch senior, bat bei der Session in Guatemala 2007, sechs Jahre nach seinem Ausscheiden, noch einmal einige IOC-Mitglieder zum Einzelgespräch – und drängte sie zum Votum für Sotschi, als Gastgeber der Winterspiele 2014. Es wurden die entscheidenden Stimmen. Am Samstag in Baden-Baden sagte Thomas Bach auf die Frage, ob er sich für Deutschland einbringe mit einem leichten Lächeln: „Gute Frage“. Aber er habe doch als aktiver IOC-Präsident schon immer gesagt, welche Sympathien er für eine deutsche Bewerbung habe.
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Start des strategischen Dialogs durch das IOC im Jahr 2027.
Likely · Within years

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