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Nepals zerstörter Traum vom Wasserkraft-Wohlstand nach verheerender Flut
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Nepals zerstörter Traum vom Wasserkraft-Wohlstand nach verheerender Flut

Eine Flutkatastrophe im Himalaja zerstört Nepals Wasserkraftwerke und wirft das Land wirtschaftlich um Jahre zurück.

Quick Look

Eine verheerende Flutkatastrophe an Nepals Flüssen hat elf Wasserkraftanlagen zerstört, über 1000 Menschen das Leben gekostet und ein Viertel der Stromerzeugungskapazität vernichtet, wodurch der wirtschaftliche Aufschwung des Landes gefährdet ist.

AI-generated summary

Why It Matters

Nepal plant seit den Fünfzigerjahren die Nutzung seiner Wasserkraft zur Bekämpfung der Armut und zum Stromexport.

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An Nepals Trishuli-Fluss, 70 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kathmandu, steht ein Hoffnungsträger eines der ärmsten Länder der Welt. Das Wasser, das einst als Schnee und Eis im tibetischen Hochland ruhte, als Schmelzwasser den Himalaja hinunterfloss und in der Devighat Hydropower Station drei Turbinen antrieb, hat bis Mitte vergangener Woche Strom für Indien erzeugt. Der indische Regierungschef Narendra Modi hat vor drei Jahren versprochen, in den kommenden zehn Jahren 10.000 Megawatt Strom aus dem Nachbarland abzunehmen – was dort seine Amtskollegen zum Jubel verleitete, mit diesem „Meilenstein“ verwirkliche Nepal endlich seinen seit siebzig Jahren währenden „Traum vom Wohlstand“ durch Wasserkraft.

Tatsächlich könnte Nepal, das Land der acht Achttausender und der 6000 Flüsse, theoretisch mit Wasserkraftwerken eine Leistung von 83.000 Megawatt erzeugen, womit es ganz Südasien mit Strom beliefern könnte. Doch selbst von der wirtschaftlich sinnvoll nutzbaren Menge, die in etwa der Hälfte dieser Kapazität besteht, ist heute gerade mal acht Prozent als installierte Leistung am Netz.

Statt Strom nach Indien zu liefern, muss Nepal nun Strom importieren

Seit der verheerenden Flutkatastrophe vom Morgen des 26. August jedoch arbeitet nicht nur das Devighat-Kraftwerk nicht mehr. Elf Anlagen haben die Wassermassen vom Netz genommen. Das Kraftwerk Rasuwagadhi wurde vollständig weggespült. Auf einmal fehlen dem Land zwölf Prozent seiner Kapazität zur Stromerzeugung. Seinen Kunden Indien kann Nepal nun nicht mehr beliefern. Stattdessen hat es seinerseits den Nachbarn um Strom gebeten, damit in Nepal vielerorts nicht die Lichter ausgehen.

Die Zahl der Toten, die die Fluten nahe Nepals Grenze zu China hervorgebracht hat, überstieg am Dienstag die Marke von 1000 und wird weiter steigen. Fast 4000 Menschen gelten weiterhin als vermisst. Der wirtschaftliche Schock, der hinter der humanitären Katastrophe erst langsam zutage tritt, ist in Zahlen noch gar nicht zu ermessen. Erste Schätzungen der nepalesischen Regierung veranschlagen die Kosten auf vier bis fünf Milliarden Dollar, was ein Zehntel der jährlichen Wirtschaftsleistung darstellt. Tatsächlich jedoch könnten die Wassermassen auch den Plan des Landes ins Wanken gebracht haben, mit der Erzeugung und dem Export von Strom endlich den Aufstieg aus der Armut zu schaffen.

Vom Strom aus Wasserkraft träumt Nepal seit den Fünfzigerjahren

Eingezwängt zwischen den beiden wirtschaftlichen Riesen China, in dem die Menschen pro Kopf neunmal so viel verdienen, und dem immerhin noch doppelt so reichen Indien, ist Nepal bis heute neben dem Tourismus und der Landwirtschaft vor allem von seinen ins Ausland abgewanderten Arbeitsmigranten abhängig. Sie überweisen etwa von den Ländern am Golf einen Teil ihres Gehalts nach Hause, wo es fast ein Drittel des gesamten Bruttoinlandsprodukts stellt. Die vielen Dollar ermöglichen es dem Land, siebenmal so viel zu importieren als zu exportieren, was dazu geführt hat, dass Nepal bis heute nicht eine einzige wettbewerbsfähige Industrie aufgebaut hat.

Den Traum von der Stromerzeugung durch Wasserkraft träumt das Land indes schon seit den Fünfzigerjahren. Doch während das Wasser im Überfluss die steilen Hänge hinunterfloss, mangelte es an Kapital und politischem Willen für den Aufbau von Kraftwerken, Tunneln und Netzen ebenso wie einem ausländischen Absatzmarkt für Nepals Strom – weil der Nachbar Indien einen solchen politisch nicht wollte.

Schließlich wäre das Geld für den Ausbau der Wasserkraft des Landes, das etwas mehr Einwohner hat als Shanghai und rund ein Zwanzigstel von dessen Wirtschaftsleistung, vor allem aus China gekommen, mit dem Indien im Himalaja auf Kriegsfuß steht. Seit die indische Wirtschaft stark wächst und die indischen Emissionen gleichzeitig sinken sollen, hat Indien plötzlich doch Interesse am klimafreundlichen Strom aus Nepal – und inzwischen selbst kräftig in dessen Wasserkraftindustrie investiert.

Auf einen Schlag ist ein Viertel der Stromerzeugungskapazität verloren

Die Frage ist, ob die sich nun einfach weiter ausbauen lässt wie geplant, seit am vergangenen Mittwochmorgen um 8.37 Uhr eine braune Lawine aus Wasser, Felsbrocken, Eis, Baumstämmen und Schlamm über den Lhende Khola in den Bhotekoshi weiter in den Trishuli raste, den Flusspegel innerhalb von einer halben Stunde um neun Meter anstiegen ließ und neben Straßen, Brücken, Schulen und ganzen Dörfern auch die Wasserkraftanlagen unter sich begrub. Schon haben sich die ersten Experten zu Wort gemeldet und vor dem Risiko gewarnt, dass es in nicht allzu ferner Zukunft zur nächsten Flutkatastrophe mit Tausenden Toten kommen könnte, baue Nepal seine Wasserkraft weiter aus wie bisher.

Zählt man jene Kraftwerke hinzu, die davor noch gar nicht am Netz waren, hat Nepal seit der Flut sogar ein Viertel seiner Stromerzeugungskapazität verloren. Allein das Upper-Trishuli-1-Projekt, ein im Bau befindliches Laufwasserkraftwerk mit 216 Megawatt Leistung, das nach Fertigstellung mit rund 1500 Gigawattstunden fast 15-mal so viel Strom erzeugen sollte wie die für Indien produzierende Anlage Devighat, ist zu 90 Prozent zerstört. Auf der Baustelle werden seit der Flut fast 600 Menschen vermisst, die in den Tunneln festsitzen, wenn sie noch nicht gestorben sind.

Die Warnung, Fluten könnten die Kraftwerke beschädigen, verhallte

Auch diese Anlage, eine der größten in Nepal, sollte Strom für Indien liefern und ist unter anderem durch Kredite internationaler Entwicklungsbanken wie der Asian Development Bank (ADB) und der Weltbank finanziert. In den Unterlagen des 650 Millionen Dollar teuren Projekts hatte es geheißen, das Kraftwerk halte einer „10.000-Jahres-Flut“ stand. Eine „Risikobewertung zum Klimawandel“ im Auftrag der ADB war zum Schluss gekommen, dass „die Risiken von Klimawandelauswirkungen auf das Projekt gering sind“ – auch wenn es 2025 durch Gletscherseeblockaden „Schäden an einigen im Bau befindlichen Projektanlagen“ am Trishuli-Fluss gegeben habe. Ein unabhängiger Expertenbeirat mahnte eine Überprüfung der Klimaresilienz an, was bisher nicht geschehen sei.

Die Zukunft sehe für sein Heimatland „herausfordernd“ aus, schreibt der Nepalese Puspa Sharma vom Singapurer Institut für Südasienstudien (ISAS) in einem neuen Beitrag, in dem er die Katastrophe eine „Warnung an die Welt“ vor den Folgen des Klimawandels nennt. Für die Entwicklung von Nepals Wasserkraftindustrie sei die tödliche Flut „alarmierend“. Dass das Land auf einen Schlag einen Großteil seiner Stromerzeugungskapazität verloren habe, zeige die Verwundbarkeit eines stark auf Gebirgsflüsse ausgerichteten Energiesystems. Angesichts des Anstiegs der Durchschnittstemperatur im Himalaja, der sich viel schneller erwärme als die Erde im globalen Durchschnitt, müsse Nepal den Ausbau der Wasserkraft „mit Bedacht beschreiten“ und jede Bedenken auf Risiken prüfen, von wem sie auch immer vorgebracht würden.

Ein frommer Wunsch. Eine Gruppe von Fachleuten um den österreichischen Geowissenschaftler Jakob Steiner hat drei Wochen vor der jüngsten Flutkatastrophe in Nepal eine Studie veröffentlicht, die die Folgen einer kleineren Flut vor einem Jahr im Himalaja untersuchte, bei der 28 Menschen starben. Nachdem mehrere Wasserkraftanlagen beschädigt worden waren, fielen damals acht Prozent der Stromerzeugungskapazität aus. Die Warnung der Experten liest sich wie eine Blaupause für die aktuelle, ungleich größere Katastrophe: Nepal habe zu viele Kraftwerke, Stromnetze und Straßen in wenigen engen, vom Klimawandel gefährdeten Himalaja-Korridoren konzentriert. So könne ein einzelnes, extremes Ereignis eine Kettenreaktion auslösen, die gewaltige Kosten und Einnahmeverluste nach sich zöge.

Neben den Fluten sieht Ökonom Sharma aus Singapur allerdings noch ein anderes Risiko, dass den Traum seiner Heimat vom Reichtum durch grünen Strom zerstören könnte: dass die Gletscher im Himalaja so schnell schmelzen, dass es gar kein Wasser für Wasserkraft mehr gibt.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • Kosten der Flutkatastrophe belaufen sich auf vier bis fünf Milliarden Dollar.

    Likely · Within months

Open Questions

  • Wie hoch sind die endgültigen wirtschaftlichen Schäden?
  • Wann kann der Stromexport nach Indien wieder aufgenommen werden?

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This article was originally published by FAZ.

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