Sachsen-Anhalt zwischen Historie und politischer Instrumentalisierung
Warum sich in dem kleinen Bundesland so viele Lenker und Denker ballen – und wie AfD und Historiker auf das Erbe von Otto bis Bismarck blicken.
Quick Look
- Sachsen-Anhalt birgt eine beispiellose Konzentration historischer Persönlichkeiten wie Otto I., Luther und Bismarck.
- Angesichts der anstehenden Landtagswahl 2026 versuchen Extremisten und Stiftungen gleichermaßen, dieses historische Erbe politisch zu deuten.
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Why It Matters
Sachsen-Anhalt weist eine hohe Dichte historisch bedeutsamer Persönlichkeiten auf. Vor der Landtagswahl im September 2026 wird dieses Erbe zunehmend von verschiedenen politischen Lagern beansprucht.
Heinrich der Vogler, Kaiser Otto I., Luther, Clausewitz, Nietzsche, Bismarck. Weshalb ballen sich die Namen der Lenker und Denker der deutschen Geschichte im kleinen Land Sachsen-Anhalt, dessen größte Stadt nicht einmal 250.000 Einwohner zählt? Der Landesarchäologe Harald Meller erklärt sich das so: Das heutige Sachsen-Anhalt bilde einen naturräumlichen Gunstraum; die Böden rund um Magdeburg zählten zu den besten der Welt. Deshalb hätten sich im Lauf der Jahrtausende dort auch immer wieder der Reichtum und in der Folge auch die Macht und der Geist konzentriert.
Hinzu komme, so Meller, eine besondere Lage des heutigen Sachsen-Anhalts zwischen Nord und Süd, Ost und West. Dort, wo sich heute die A 9 und die A 14 am Schkeuditzer Kreuz treffen, kreuzten sich früher zwei bedeutende Handelsrouten, die via regia und die via imperii. Das heutige Sachsen-Anhalt bildete dadurch auch einen Ort des Austauschs von Gütern und Ideen, auch der Begegnung von Kulturen. Vielleicht war es auch diese Reibung, die dort große Geister wachsen ließ.
Bis vor wenigen Jahren schien die Bundesrepublik dieses Erbe weitgehend im Griff zu haben. Für Figuren wie Luther und Bismarck gibt es große staatliche Stiftungen, die ihr Erbe so verwalten, dass sie nicht zum politischen Gefahrgut werden. Die historisch-kritische Methode sorgte für Distanz und half, aus gegenwartspolitischen Vereinnahmungen rasch die Luft abzulassen. Doch seit einigen Jahren klopft die mythologische Geschichtsbetrachtung wieder vernehmbar an die Tür. Die vermeintlich festgefügten Deutungsmuster geraten wieder ins Tanzen.
Als Höcke im Regendunst Kaiser Otto grüßte
In Sachsen-Anhalt wurde dies erstmals wohl an einem nasskalten Oktoberabend im Jahr 2015 deutlich, als Björn Höcke auf eine Bühne in der Magdeburger Altstadt trat. „Ich stehe hier und atme Geschichte“, rief Höcke damals der versammelten Menge zu und fügte dann mit bebender Stimme, den Blick zu den Türmen des steinernen Domes gerichtet, hinzu: „Otto, ich grüße dich!“ Höcke erinnerte an den Sieg des Kaisers über die Magyaren aus dem Osten und sagte, Deutschland dürfe nicht nur eine tausendjährige Geschichte haben, sondern müsse auch eine tausendjährige Zukunft haben.
Der Landesarchäologe Harald Meller kann da nur müde lächeln, er kennt diesen bedeutungsschwangeren Historien-Sound. „Diese nationalistischen Deutungen kommen aus dem 19. Jahrhundert, damals konstruierte man sich quasi nachträglich eine ungebrochene deutsche Geschichte mit großen Helden und Königen.“ Mit den tatsächlichen Abläufen habe das allerdings wenig zu tun. „Otto hätte sich als ostfränkischer König und römischer Kaiser gesehen, aber ein Konzept wie das Heilige Römische Reich Deutscher Nation oder gar Deutschland gab es damals noch gar nicht. Der historische Ablauf ist viel gebrochener, auch durch Bevölkerungsaustausch.“
Meller hält es für wichtig, diese Gebrochenheit zur Kenntnis zu nehmen. „Die Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts war dramatisch kritiklos. Und die Katastrophen des 20. Jahrhunderts gingen nicht zuletzt auf diesen Missbrauch von Geschichte und Vorgeschichte zurück.“
Himmler und der Schädelkult um den König
Ein Ort, an dem sich das in Sachsen-Anhalt besonders eindrücklich zeigt, ist der Dom von Quedlinburg, wo 936 die Gebeine von König Heinrich I. beigesetzt wurden, des Vaters von Kaiser Otto I. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten zeigte SS-Chef Heinrich Himmler großes Interesse an seinem königlichen Namensvetter, da dieser als großer Slawenschlächter und fälschlicherweise auch als Kirchenfeind galt.
Himmler wollte den Quedlinburger Dom in eine nationalsozialistische Weihestätte umbauen und ließ unter Hochdruck nach den verschollenen Gebeinen des Königs suchen. 1937 verkündete die SS, den Schädel des Königs gefunden zu haben, der von „nordischem Gepräge“ sei. Mellers Mitarbeiter im Hallenser Landesmuseum für Vorgeschichte sind überzeugt, dass es sich um ein Schauspiel handelte. Ihre jüngst publizierten Forschungen deuten darauf hin, dass der angebliche Königsschädel tatsächlich einer Stiftsdame aus dem 16. Jahrhundert gehörte.
Die Knochen von Kaiser Otto hingegen sind echt, das konnte kürzlich mit archäogenetischen Untersuchungen nachgewiesen werden. Nach aufwendigen Untersuchungen und der dringend nötigen Sanierung des Sarkophags wurden die Gebeine des Kaisers am Dienstag im Magdeburger Dom in einem neuen, auf weitere 1000 Jahre ausgelegten Sarg aus Titan, Silber und Gold feierlich wiederbestattet.
Die sachsen-anhaltische AfD-Fraktion kritisierte, hier würden „die Gebeine des Gründers des Deutschen Reiches“ öffentlich ausgestellt, als handele es sich um ein „kurioses Fossil“ und nicht um „Reliquien der deutschen Nation“. Das geschichtspolitische Interesse der extremen Rechten ist also ungebrochen.
Landesarchäologe Harald Meller, dessen Behörde direkt der Staatskanzlei zugeordnet ist, möchte sich nicht direkt zur AfD äußern. Aber Meller, dessen Vertrag vor zwei Jahren bis 2030 verlängert wurde, lässt durchblicken, dass er Druck nicht weichen wird. „Wenn es irgendwelche Einflussnahmen gäbe, würde ich für die Forschungsfreiheit stehen, das ist meine Aufgabe“, erklärt der gebürtige Oberbayer.
Angesichts der miserablen Haushaltslage des Landes könnte eine künftige Regierung – auch, wenn sie von anderen Parteien gestellt wird – weniger Geld für die Landesarchäologie bereitstellen. „Die bisherigen Landesregierungen haben uns auskömmlich finanziert“, sagt Meller dazu. „Und wir haben das zurückgezahlt. Unsere Ausstellungen im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle sind rappelvoll. Und mit der Himmelsscheibe von Nebra haben wir Sachsen-Anhalts Stellung auf der europäischen Landkarte gestärkt.“
Luther und seine Vereinnahmung
Ein Welterbe verwaltet etwa achtzig Kilometer weiter nordöstlich auch Thomas T. Müller. Der 51 Jahre alte Eichsfelder leitet seit drei Jahren die Stiftung Luthergedenkstätten in Wittenberg. „Ich habe eigentlich für die Gegenseite gearbeitet“, scherzt Müller, der katholisch ist und sich mit Forschungen zu Luthers radikalreformatorischem Gegenspieler Thomas Müntzer einen Namen gemacht hat.
Müller erzählt, dass die Landesregierungen in Magdeburg spätestens mit den ehemaligen Ministerpräsidenten Wolfgang Böhmer und Reiner Haseloff sowie deren im Kulturbereich hoch angesehenen und bis heute amtierenden Staatskanzleichef Rainer Robra erkannt hätten, dass Sachsen-Anhalt vor allem mit seiner Kultur wuchern sollte. „So viele historische Persönlichkeiten der ersten Kategorie deutscher Geschichte findet man nirgendwo anders so komprimiert“, sagt Müller, der mit Martin Luther allerdings auch eine ausdeutbare Persönlichkeit zu verwalten hat.
„Luther hat sich schon immer angeboten für Vereinnahmungen und wurde auch gnadenlos vereinnahmt“, erzählt Müller. „Und wie bei Kaiser Otto wurde das Lutherbild entscheidend im 19. Jahrhundert geprägt. Damals stellte man sich die Frage: Was ist eigentlich Deutschland, und wer steht für Deutschland?“, sagt Müller. Und der suchende Blick der aufstrebenden Nation landete häufig beim Reformator aus Wittenberg. Luther ließ sich je nach aktueller Großwetterlage gegen Frankreich, gegen den Papst, aber auch gegen die Habsburger in Stellung bringen: ein tapferer, teutonischer Streiter gegen das geopolitische Establishment.
Zeitweilig stand Luther aber auch bei den Liberalen in hohem Ansehen, als Kämpfer für Mündigkeit und Freiheit der Bürger. „Aber spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist Luther ganz massiv nationalkonservativ besetzt“, sagt Müller. „Und ich habe den Eindruck, dass sich dieses Lutherbild in weiten Teilen der Bevölkerung bis heute kaum geändert hat.“
Die große 500-Jahr-Feier der Reformation im Jahr 2017 lässt sich zwar wie schon das Lutherjubiläum von 1983 als Versuch lesen, der Gesellschaft mit den Werkzeugen der kritischen Geschichtswissenschaft etwas Distanz zum Luther-Mythos beizubringen. Doch unter anderer politischer Führung ließe sich diese Entwicklung auch wieder zurückdrehen.
Die Luthergedenkstätten wären institutionell allerdings schwerer zu knacken als das Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie. Der Vertrag von Müller wurde auf Vorschlag des wissenschaftlichen Beirats vorzeitig bis 2033 verlängert, und bei der Stiftung Luthergedenkstätten sitzen auch der Bund, die evangelischen Kirchen sowie die Kommunen Wittenberg und Eisleben mit am Tisch.
Mit dieser Geschichte ließe sich Politik machen
Mit Geschichte Politik machen könnte eine AfD-geführte Landesregierung dennoch. Im Wahlprogramm der Partei heißt es ganz explizit, „von Heinrich I. und Otto I. über Luther bis hin zu Bismarck und Nietzsche“ seien jene „Figuren, die Deutschland entscheidend geprägt haben“ aus Sachsen-Anhalt gekommen. Angesichts dieser Überfülle wolle man ein „neues, nationales Selbstbewusstsein“ anstoßen „durch Einbeziehung der Schulen, durch neue patriotische Tourismuskonzepte, die Vergabe von Preisen und die Durchführung von Gedenkveranstaltungen“. Familien sollen im Rahmen des geplanten neuen Landesclaims „#deutschdenken“ einen „Stolz-Pass“ erhalten, der kostenfreien Zugang zu Burgen, Schlössern und Museen ermöglicht.
Einer Landesregierung böte sich noch eine Fülle weiterer Möglichkeiten: Sie könnte beispielsweise eine große Tagung mit russischen Historikern zur Konvention von Tauroggen im Jahr 1812 veranstalten. Der in Burg bei Magdeburg geborene Militärtheoretiker Carl von Clausewitz nahm damals als russischer Unterhändler teil. Oder es ließe sich eine Vortragsreihe auflegen, um den in Röcken geborenen Philosophen Friedrich Nietzsche den deutenden Fängen der französischen Denker der Postmoderne zu entwinden und stattdessen wieder stärker Nietzsches Wirkungsgeschichte in Deutschland in den Mittelpunkt zu rücken, wo der Philosoph in den Jahrzehnten nach seinem Tod eine Enthemmung und Großsprecherei im Geistesleben freisetzte.
Der lokale Nietzsche-Verein in Röcken, die Nietzsche-Gesellschaft in Naumburg oder die Friedrich Nietzsche Stiftung dürften sich einer solchen Umdeutungspolitik allerdings kaum klaglos fügen. Gleiches gilt für die Clausewitz-Gesellschaft, die von deutschen Offizieren mit hohen Positionen in der NATO geleitet wird.
Aber so tief steigt der Radwanderer womöglich gar nicht in die Geschichte hinab, wenn er mit seinem E-Bike die neue, von der AfD angedachte „Straße des deutschen Reiches“ entlangradelt und dort auf jeder Etappe einer weiteren Persönlichkeit der deutschen Geschichte begegnet. Mit solchen Reihungen lässt sich das Geschichtsbild in den Köpfen der Bürger maßgeblich bestimmen. Seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden fleißig solche Linien von Luther und Friedrich dem Großen bis zu Bismarck gezogen. Später wurde diese Linie bis Hitler erweitert, was sich nach dem Krieg allerdings sofort in sein Gegenteil verkehrte.
Am 6. September 2026 findet die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt statt.
Thomas T. Müller erinnert an das wirkmächtige Buch „Der Irrweg einer Nation“ des späteren DDR-Kulturfunktionärs Alexander Abusch aus dem Jahr 1945. Abusch zog damals eine Linie von Luther to Hitler in Gestalt einer Misere-Theorie. „Luther schaffte demnach den deutschen Untertan, der sich über die folgenden Jahrhunderte bis zu Hitler zieht“, erklärt Müller. Umso heller schien hingegen Luthers Gegenspieler Thomas Müntzer, der in der DDR stattdessen zum Nationalhelden aufgebaut wurde. „Müntzer wurde dadurch aber politisch total überladen“, erklärt Thomas T. Müller.
Neben Wittenberg würde man auf der „Straße des deutschen Reiches“ wohl mindestens auch eine Übernachtung in der Nähe von Schönhausen an der Elbe verbringen. Denn dort wurde im Jahr 1815 Otto von Bismarck geboren, dessen Familie seit dem 16. Jahrhundert in der Region lebte. „Die Bismarcks waren nur eines von vielen altmärkischen Adelsgeschlechtern – nix Großes“, erklärt Ulf Morgenstern, der Geschäftsführer der Otto-von-Bismarck-Stiftung.
Der gebürtig aus Dresden stammende Historiker kann von allen Gesprächspartnern wohl am gelassensten auf den Wahltermin in Sachsen-Anhalt am 6. September blicken. „Wir sind hier eine Insel des Bundes“, erklärt Morgenstern, denn die Bismarck-Stiftung zählt zu den sieben Politikergedenkstiftungen, die über den Kulturstaatsminister an das Kanzleramt angebunden sind. Die Mitglieder des Kuratoriums werden vom Bundespräsidenten ernannt.
Die SED-Führung ließ das Herrenhaus der Bismarcks sprengen
Und die Insel des Bundes in Schönhausen an der Elbe wird in den kommenden Jahren deutlich vergrößert und erweitert werden. Vorsitzender des Kuratoriums ist der frühere SPD-Haushaltspolitiker Johannes Kahrs, der in Berlin jahrelang als der gewiefteste Finanzmittelbeschaffer galt. Dieses Talent hat er bei der Bismarck-Stiftung erneut unter Beweis gestellt: Die Stiftung, deren Hauptsitz sich im schleswig-holsteinischen Friedrichsruh befindet (Wilhelm I. hatte Bismarck den dortigen Sachsenwald geschenkt), hat zehn zusätzliche Stellen bekommen. Zudem wird in einer baufälligen Scheune in Schönhausen ein modernes Museum eingerichtet. Das historische Herrenhaus der Bismarcks war 1958 auf Weisung der DDR-Staatsführung von der NVA gesprengt worden.
Über diese rabiate Tat gebe es in der örtlichen Bevölkerung bis heute konträre Auffassungen, berichtet Morgenstern. Auch das Verhältnis zur Familie Bismarck ist belastet. Denn die Erben des ersten Reichskanzlers gewannen im Jahr 2016 einen Restitutionsprozess. Der Vorgang hinterließ manche Fragezeichen, denn zahlreiche Erbgegenstände fanden sich bald darauf in den Katalogen großer Auktionshäuser wieder. Einige Wände der bisherigen Bismarck-Ausstellung in Schönhausen waren dadurch plötzlich leer.
Bismarcks Hunde – ein eigenes Forschungsfeld
Vor der Tür des kleinen Museums, das im nicht gesprengten Seitenflügel des Herrenhauses untergebracht ist, trifft Morgenstern auf dessen Leiterin Sabine Mangold-Will. Die Historikerin führt einen goldigen Dackel an einer Leine, mit dem sie auch zur Jagd geht.
Bismarck habe auch einen Dackel für die Jagd besessen, erzählt Mangold-Will. Seine Leidenschaft habe aber vor allem seinen Doggen gegolten, die in seiner Amtszeit auch als „Reichshund“ galten. „Erst neulich war die Vorsitzende des Deutschen Doggenverbandes hier“, erzählt Mangold-Will und berichtet, dass sich rund um Bismarcks Hunde ein ganzes Forschungsfeld entwickelt habe. „Bismarck war ganz entscheidend für den Haustier-Boom im Bürgertum, denn vorher hatten meist nur Adelige oder Studenten einen Hund.“
Von den auch sonst engen Beziehungen der Bevölkerung zu Bismarck zeugen die Exponate im Museum. Das skurrilste ist eine aus einem toten Igel gefertigte Mütze, dessen traurige Augen über den Schirm lugen, während seine Stacheln oben vom Kopf des Reichskanzlers abstehen sollten.
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Landtagswahl in Sachsen-Anhalt
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- Wie wird sich die politische Landschaft nach der Landtagswahl 2026 auf die Forschungsfreiheit auswirken?
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