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"Alles ist möglich": Interview zu AfD-Erfolgen und gesellschaftlichen Folgen
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Tagesschau Inland55 minutes agoPolitics5 min readGermany

"Alles ist möglich": Interview zu AfD-Erfolgen und gesellschaftlichen Folgen

Soziologe Matthias Quent über den AfD-Wahlkampfslogan in Sachsen-Anhalt, die Radikalisierung der Partei und das Ende gesellschaftlicher Tabus.

Quick Look

Im Interview mit tagesschau.de analysiert Soziologe Matthias Quent den Erfolg der AfD in Sachsen-Anhalt, die Radikalisierung der Partei als extremste Rechtsaußenkraft Europas und die Erosion gesellschaftlicher Tabus.

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Why It Matters

Die AfD erzielt in Sachsen-Anhalt und bundesweit hohe Umfrage- und Wahlergebnisse. Der Landesverband wird vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft.

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tagesschau.de: "Alles ist möglich" - so lautet ein zentraler AfD-Wahlkampfslogan für die Wahl in Sachsen-Anhalt. Vor einigen Jahren hätte man das noch als leere Provokation abgetan. Ist es das heute noch oder beschreibt der Slogan die politische Realität?

Matthias Quent: Der Slogan funktioniert, weil er zwei unterschiedliche Gefühle gleichzeitig anspricht: Für die Anhänger der AfD ist "Alles ist möglich" ein Versprechen politischer Selbstwirksamkeit: Die Verhältnisse, die man lange als unveränderbar erlebt hat, könnten plötzlich aufgebrochen werden. Für viele andere Menschen klingt derselbe Satz inzwischen wie eine Drohung. Derselbe Slogan mobilisiert auf der einen Seite Euphorie über Disruption und auf der anderen Seite Angst, Resignation und Rückzug.

tagesschau.de: Die AfD ist in Sachsen-Anhalt seit Jahren erfolgreich. Bei der Bundestagswahl war sie mit 38,8 Prozent mit Abstand die stärkste politische Kraft. Was macht das Land für die AfD besonders?

Quent: Wer jetzt nur auf Sachsen-Anhalt oder "den Osten" schaut, unterschätzt das Problem. Es gibt Besonderheiten, aber keinen Anlass zur Verinselung des Ostens. Die Wahl in Sachsen-Anhalt ist beispielhaft für eine Entwicklung, die längst bundesweit angekommen ist.

Hinzu kommt jetzt ein für die AfD außerordentlich günstiger politischer Zeitpunkt: Die Unzufriedenheit mit der Regierung in Berlin ist extrem hoch, das BSW bindet kaum noch Protestpotenzial, und die AfD verfügt inzwischen selbst über eine erhebliche zugeschriebene Problemlösungskompetenz.

Man darf die Entwicklung nicht als ostdeutsche Besonderheit folklorisieren. Im August 2026 erreicht die AfD auch bundesweit im ARD-DeutschlandTrend einen historischen Höchstwert.

Wählerschaft nimmt Partei nicht als extrem wahr

tagesschau.de: Andere extreme rechte Parteien in Europa sind im Laufe der Zeit moderater geworden. Bei der AfD scheint es in die andere Richtung zu laufen: Die Partei radikalisiert sich. Wie extrem ist die AfD heute - insbesondere in Sachsen-Anhalt?

Quent: Die AfD Sachsen-Anhalt gehört zu den extremsten Rechtsaußenparteien Europas, die zugleich realistisch um Regierungsverantwortung konkurrieren. Der Landesverfassungsschutz stuft den Verband seit Jahren als gesichert rechtsextremistisch ein und kommt zu dem eindeutigen Befund: Eine relevante Trennung zwischen einem extremistischen und einem gemäßigten Lager sei dort nicht erkennbar.

Gleichzeitig ist die Partei für einen erheblichen Teil seiner Wählerschaft gerade nicht mehr extrem - die Wählerinnen und Wähler bezeichnen eher die Politik der Mitte als extremistische Bedrohung. Die AfD profitiert davon, dass sie kommunal präsent, sozial verankert und Teil des politischen Alltags geworden ist.

"Das moralische Tabu verliert an Wirkung"

tagesschau.de: Lange gab es in Deutschland keine dauerhaft relevante Rechtsaußen-Partei, was als Folge einer gelungenen Aufarbeitung des Nationalsozialismus galt. Nun könnte bald eine als rechtsextrem eingestufte Partei ein Land regieren. Erleben wir gerade das Ende eines gesellschaftlichen Tabus? Oder gibt es das schon lange nicht mehr?

Quent: Die Illusion, Deutschland habe aus dem Nationalsozialismus ein für alle Mal gelernt, liegt in Trümmern. Das moralische Tabu verliert an Wirkung, darum kommt es nun auf die Institutionen an: Das Grundgesetz wurde nach dem Nationalsozialismus ausdrücklich als wehrhafte Demokratie konstruiert. Es kennt Instrumente gegen Kräfte, die die freiheitliche demokratische Grundordnung beseitigen wollen - bis zu Parteiverbotsverfahren oder Bundeszwang.

Über Jahrzehnte konnten wir uns den Luxus leisten, über diese Instrumente weitgehend theoretisch zu diskutieren. Jetzt stellt sich die Frage unter Bedingungen drohender Landes- und Bundesregierungen mit Rechtsextremisten fundamental neu.

"Eine starke Wir-gegen-die-Identität"

tagesschau.de: Studien zeigen, dass eine AfD-Regierung ökonomische Nachteile hätte. Regionen, die überproportional stark für die AfD stimmen, würden sogar deutlich stärker unter einer AfD-Politik leiden als andere. Welche Faktoren wiegen für AfD-Wählerinnen und -Wähler offenbar schwerer als solche Risiken?

Quent: Die Annahme, Menschen würden Parteien vor allem nach ihrem materiellen Eigeninteresse wählen, ist verkürzt. Wahlentscheidungen organisieren sich auch an Identität, Anerkennung und Emotionen. Bei Teilen der AfD-Wählerschaft sind Gefühle von Kontrollverlust, Kränkung, Angst, Wut, Trotz und eine starke Wir-gegen-die-Identität wahlentscheidend.

Die Partei bietet dafür eine autoritäre Auflösung an: Komplexe Probleme bekommen eindeutige Schuldige, widersprüchliche Entwicklungen werden moralisch sortiert und individuelle Ohnmacht wird in kollektive Wirksamkeit übersetzt. Wer mit einer Wahlentscheidung Zugehörigkeit, Protest, Identität und Selbstwirksamkeit ausdrückt, verrechnet das nicht einfach as finanzielle Kosten-Nutzen-Rechnung. Diese Irrationalität ist nicht zufällig, sondern Teil des Betriebssystems des Faschismus.

Bindung der Wählerschaft

tagesschau.de: Wie fest ist die Bindung der AfD-Wählerinnen und -Wähler an die Partei inzwischen? Gibt es noch ein relevantes Potenzial, das sie kurzfristig verlieren könnte?

Quent: Die Wählerschaft ist nicht homogen oder unverrückbar. Aber kurzfristig sehe ich unter den gegenwärtigen Bedingungen wenig Anlass für einen massenhaften Rückgang. Die Partei bietet Gemeinschaft, Sprache, Gegner und eine Erklärung der Welt. Solche Bindungen lösen sich nicht auf, nur weil eine Regierung etwa ein klügeres Rentenpaket oder eine andere Partei ein neues Grundsatzprogramm vorlegt.

Im Gegenteil: Jeder Versuch durch Reformen Bewegungen auszulösen wird mittlerweile im Propagandaapparat als Bestätigung der Verkommenheit der Mitbewerber gedeutet und es staut sich immer mehr Wut auf. Mittelfristig könnte wahrscheinlich eher eine neue populistische Konkurrenz der AfD Stimmen entziehen als die etablierten Parteien. Das BSW hat das in Thüringen, Brandenburg und Sachsen 2024 noch geschafft, scheint aber bundesweit am Ende zu sein.

tagesschau.de: Der Aufstieg der AfD wird häufig mit gesellschaftlichen Krisen erklärt. Warum gelingt es den demokratischen Parteien bislang nicht, daraus selbst politisches Kapital zu schlagen?

Quent: Weil die demokratischen Parteien durch politische Entscheidungen der vergangenen Jahrzehnte selbst maßgeblich Verantwortung für viele dieser Krisen und Verwerfungen tragen. Die Globalisierung in ihrer neoliberalen Form ist seit den 1990er-Jahren von fast allen etablierten Parteien politisch mitgestaltet worden. Ihre negativen Folgen, aber auch das Gefühl von Ohnmacht gegenüber politischen Entscheidungen und Vorgaben, globalen Abhängigkeiten und Mobilitäten, haben diese harte Gegenbewegung hervorgebracht: den Wunsch nach Renationalisierung, Abschottung, Deportationen und vermeintlicher Rückgewinnung von Kontrolle.

Menschen, die sich durch diese Transformationen kulturell oder wirtschaftlich entwertet sehen - ob diese Wahrnehmung objektiv immer zutrifft oder nicht -, vertrauen den Parteien, die sie mit diesen Veränderungen verbinden, häufig nicht mehr. Das betrifft empirisch besonders oft Milieus mit niedrigeren formalen Bildungsabschlüssen, die gerade in vielen ostdeutschen Flächenregionen einen großen Anteil der Bevölkerung ausmachen.

Ihr Ärger über Kontrollverlust, mangelnde Anerkennung und politische Repräsentation ist durchaus nachvollziehbar. Keine andere Partei macht diesen Milieus derzeit ein ähnlich erfolgreiches emotionales und alltagsnahes Repräsentationsangebot wie die AfD.

Folgen auch für den Bund

tagesschau.de: Angenommen, die AfD übernimmt in Sachsen-Anhalt Regierungsverantwortung: Was würde das mit der Partei in anderen Bundesländern und im Bund machen?

Quent: Eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt würde die Partei bundesweit weiter stärken und normalisieren. Eine "Brandmauer" zu einer Landesregierung ist im kooperativen Föderalismus praktisch unmöglich. Eine Landesregierung sitzt im Bundesrat, in Ministerkonferenzen und zahlreichen Bund-Länder-Gremien. An der Landesregierung hat sie viele Möglichkeiten, Bundespolitik zu blockieren, zu chaotisieren und öffentliche Konflikte zu produzieren.

Das käme ihrer politischen Strategie entgegen: Sie könnte weiterhin die demokratischen Parteien vor sich hertreiben und der politischen Agenda ihren Stempel aufdrücken - nun aber mit den Ressourcen und der Autorität einer Landesregierung. Viel falsch machen kann sie dabei nicht. Selbst Konflikte, institutionelle Blockaden oder administratives Chaos könnte sie als Beleg dafür inszenieren, dass das bestehende politische System nicht funktioniert. Für die Gesamtpartei ist die Regierungsübernahme in Sachsen-Anhalt ist nur die Zwischenstation auf dem Weg in die Bundesregierung 2029.

What to Watch

AI outlook — possibilities, not facts

  • AfD strebt Regierungsübernahme im Bund bis 2029 an.

    Possible · Within years

Open Questions

  • Wie werden die demokratischen Parteien auf eine mögliche Regierungsbeteiligung der AfD reagieren?
  • Welche konkreten Instrumente der wehrhaften Demokratie könnten zum Einsatz kommen?

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This article was originally published by Tagesschau Inland.

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