
Mit dem „Taxi-Banaszak“ und Haustürbesuchen kämpfen die Grünen in Sachsen-Anhalt gegen das Scheitern an der Fünfprozenthürde.
AI-generated summary
Die Grünen kämpfen in Sachsen-Anhalt um den Einzug in den Landtag, um eine absolute Mehrheit der AfD zu verhindern. Umfragen sahen die Partei lange Zeit nahe der Fünfprozenthürde.
„Sie haben ein Taxi bestellt?“ – Felix Banaszak ist rechts rangefahren und hat das Beifahrerfenster geöffnet. Am Gehsteig wartet Pauline auf ihn. Ja, sie hat das Taxi bestellt, und die angehende Lehrerin plant, dem Fahrer so einiges zu sagen über Bildung, Jugend und den ländlichen Raum. Der ist hier, in einem Ort an der Saale südlich von Magdeburg, besonders weit und leer. Doch Pauline will bleiben und hofft auf Zukunft. Deshalb hat sich beim Grünen-Vorsitzenden Banaszak um die Mitfahrt beworben. In Sachsen-Anhalt wird in anderthalb Wochen gewählt, und es wird auch am grünen Ergebnis liegen, ob die AfD eine absolute Mehrheit der Mandate im Landtag erreichen kann.
Die Grünen haben ihre Chance erst vor wenigen Monaten erkannt. Noch Anfang Januar lagen Umfragen bei drei Prozent. In Berlin planten die Spitzengrünen, sich von den zu erwartenden Niederlagen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg fernzuhalten, die Ost-Wahlen schlicht abzuhaken. Doch nun ist etwas in Bewegung geraten, immerhin ein bisschen. In beiden Ländern liegen die Grünen knapp über oder knapp unter fünf Prozent. Und deswegen investieren sie massiv in die Wahlkämpfe: Geld aus vielen Töpfen, mehrere hundert freiwillige Helfer aus dem ganzen Land und Dutzende Auftritte der Vorsitzenden Banaszak und Franziska Brantner, wobei sie sich auf den hohen Norden konzentriert und der 36 Jahre alte Bundestagsabgeordnete aus Duisburg auf das südlicher gelegene Sachsen-Anhalt. „Noch nie haben wir uns so in Landtagswahlkämpfen engagiert wie dieses Mal“, sagt Banaszak. Zusammengenommen absolvieren die beiden mehr als 120 Termine.
Das „Taxi-Banaszak“ ist Teil des grünen Wahlkampfs in Sachsen-Anhalt. Fast täglich bringt der Parteichef jemanden aus der Region zwischen Salzwedel und Naumburg zur Arbeit, nach Hause oder an einen Ort, der seinen Mitfahrenden etwas bedeutet. Die Taxi-Idee hat ihrer Wurzel in einer Parteitagsrede. In dieser warb der junge Vorsitzende dafür, die grünen Anliegen weniger dogmatisch und gebieterisch zu betrachten als bisher. Für ihn etwa habe das erste Auto, „ein kleiner roter Flitzer“, viel bedeutet: „Hallo, hier ist Taxi-Banaszak – das war Freiheit, das war Leben“. Und so haben sie mit Spendenmitteln einen Mercedes Vito der Partei taximäßig foliert, und Banaszak tourt damit durch die Lande. Natürlich geht so was heute nicht ohne Ton- und Filmaufnahme. Bei Youtube kann man sich sein Gespräch mit der Lehramtsstudentin Pauline ansehen. „Demokratie ist kein Selbstläufer“, sagt sie. Und das sie erlebe, „wie Gräben zwischen den Extremen so unfassbar tief“ seien, dass man sie aktuell nur schwer überwinden könne. „Ich hab’ den Eindruck, dass die Grünen in Sachsen-Anhalt Staatsfeind Nummer 1 sind.“
Am Ende kann es auf 23 Stimmen ankommen
Anfeindungen widerfahren Banaszak gelegentlich selbst im Wahlkampf, und zuweilen beschreibt er eine eventuelle Regierungsübernahme der AfD als faschistische Machtübernahme, die es zu verhindern gelte. Denn wenn die Grünen es am 6. September in den Landtag schaffen, bliebe eine absolute Mehrheit der Sitze für die AfD wohl unerreicht. Für die Grünen kann es sich jedenfalls lohnen, um jede Stimme zu kämpfen. Im Saarland sei man im Frühjahr 2022 mit 4,99 Prozent gescheitert, 23 Stimmen fehlten, erzählt Banaszak an der nächsten Station seiner Reisewoche in Halberstadt. So viele können beispielsweise an einem Nachmittag in den Wohnblocks entlang der Kühlinger Straße gewonnen werden. Also los!
Banaszak und die Grünen-Wahlkämpfer klingen an den Hauseingängen von oben nach unten und hoffen, dass jemand sie einlässt. Das klappt fast immer. Dann geht’s ins Treppenhaus. Angefangen wird immer an Wohnungstüren in oberen Stockwerken. Dann muss man Leuten, die unfreundlich oder gar feindselig auftreten, nicht zweimal im Treppenhaus begegnen. Die Bewohner sind oft reserviert, aber fast nie aggressiv. Manche entgegnen an diesem Vormittag einfach „Nein, Danke“ oder „Ich habe meine Wahlentscheidung schon getroffen“, wenn Banaszak vor der Türe steht und sagt: „Guten Tag, ich bin Felix Banaszak und möchte ihnen gerne persönlich eine Information zur Wahl übergeben.“ Aber niemand wird aggressiv oder schlägt die Türe zu. Auch vor den gepflegten Wohnblocks in der Magdeburger Innenstadt war das so. Keine Beschimpfungen oder Angriffe. Einmal sagt eine ältere Frau mit Hund im Vorübergehen zu ihrem Weggefährten, sie habe „das grüne Zeugs schon zerrissen“. Als Staatsfeinde werde die Wahlkämpfer hier jedenfalls nicht behandelt. Manche an den Haustüren sagen, sie wollten diesmal Grüne wählen oder hätten es per Briefwahl schon getan.
Am Abend in Wernigerode geht es anders zu, wie man auf Videos ansehen kann. In der „Krell’schen Schmiede“ wird der Parteivorsitzende von einem Mann attackiert – Anfang sechzig, bullig, Glatze. Er stellt sich Banaszak in den Weg, beschimpft ihn, droht ihm: „Wir werden euch ausbeuten, bis zum Letzten, das kannst du mir glauben!“, brüllt er ihm aus fünfzig Zentimetern Entfernung ins Gesicht und „Dein Name, der steht in meinem Kopf drin“. Der Politiker bleibt ruhig, aber nicht sprachlos. „Ich weiß nicht genau, warum Sie so aggressiv sind“, antwortet er. „Weil du dumm bist“, versetzt der Mann und ballt die Fäuste. „Sie sind der lebende Beweis dafür, dass es sich lohnt, dass wir im Wahlkampf hier unterwegs sind“, entgegnet Banaszak, der als Kind aus dem Ruhrpott nicht weicht. Später sagt er, dass er die direkte Begegnung suche – statt „von der großen Bühne in Distanz zu den Leuten herunter zu reden“. Das kann auch mal schiefgehen. Der Mann verlässt schließlich die Veranstaltung, schimpfend, erregt. Doch die „Bewirtschafter der Finsternis, der Verrohung, der Hoffnungslosigkeit“, so nennt Banaszak Menschen wie ihn, sind in der Minderheit. So kommt der Grüne bei seinen Touren auch mit AfD-Anhängern in sachliche Gespräche, etwa auf einem Campingplatz in der Altmark oder beim Haustürwahlkampf in Magdeburg und Halberstadt.
Die Videos der Rechten, so kalkulieren die Grünen, schaden uns nicht
Rechtsextreme Influencer oder Medien wie „Compact-tv“ haben die Grünen unterdessen als Bedrohung für den AfD-Sieg identifiziert und folgen ihm. Auch hier: Provozierende Fragen und schlagfertige Antworten, die in soziale Medien für grüne Mobilisierung sorgen. Banaszak und die Spitzenkandidatin Susan Sziborra-Seidlitz laden die Streamer und Influencer ausdrücklich ein, ihnen zu folgen. Deren Videos, so das Kalkül, schaden ihnen selbst mehr als dem grünen Wahlkampf.
Der wird mehr als je von Haustür zu Haustür geführt und natürlich im Taxi. Wo Kandidaten in diesen Tagen geschellt und mit Leuten kurz gesprochen haben, wird in Apps vermerkt. Auf einer Karte auf Banaszaks Handy sind alle Häuser grün markiert, die besucht wurden. Und ebenso alle Stellen im ganzen Land, wo Plakate hängen, oder Orte, wo Stände errichtet werden. Ähnlich machen es die anderen Parteien allerdings auch, vor dem Haustürwahlkampf ist niemand sicher.
„Politik für Morgen. Nicht von Gestern“, steht auf den grünen Werbebroschüren. Die Hoffnung, die sich damit verbindet: Eine kurze Begegnung, ein Lächeln, die persönliche Aufmerksamkeit. Das senkt vielleicht Barrieren, bringt zum Nachdenken – und am Ende vielleicht zu einer von den Stimmen, die den Grünen über die Fünfprozenthürde helfen. Beim Fußweg aus der Stadtmitte zurück zum Auto fällt Banaszak in zweihundert Metern Entfernung ein Spielplatz auf, zwei Personen sitzen an der Sandkiste. Es ist warm, der Tag war lang, mehr als ein Dutzend Male ist er in den vierten Stock gestiegen, um Flyer zu verteilen. Doch Banaszak läuft los, um auch diese Halberstädter zu erreichen. Vielleicht sind sie ja zwei von den 23 Wählern, die am 6. September nicht fehlen dürfen.
AI outlook — possibilities, not facts
Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September.
Very likely · Within weeks

SPD-Chef Lars Klingbeil hat Pläne für eine Zuckersteuer auf zuckerfreie Getränke abgelehnt. Zuvor war ein internes Papier aus seinem Ministerium bekannt geworden, das eine Ausweitung der Steuer auf Zero-Getränke und andere Ersatzprodukte vorschlug.

Die ungarische Regierung unter Ministerpräsident Peter Magyar hat Russland offiziell als Bedrohung eingestuft. In einem UN-Dokument bekennt sich Budapest zur Souveränität der Ukraine und bricht damit mit der Moskau-freundlichen Linie der Ära Orban.

Die Bundesregierung tagt in Schloss Neuhardenberg zur Wettbewerbsfähigkeit, Klimafolgen und Sicherheitsfragen. Kanzler Merz kündigte Konsequenzen nach dem Drohnenvorfall in Leipzig an. Zudem gibt es Debatten über eine mögliche Zuckersteuer und Finanzlücken in der Pflege.

Vier Wochen nach dem Eindringen von über 70.000 Migranten in die spanische Exklave Ceuta zeigt sich, dass die Krise an der Grenze zu Marokko keineswegs gelöst ist, entgegen der optimistischen Darstellung von Verkehrsminister Óscar Puente.

Die Bundesregierung berät bei einer zweitägigen Klausur in Neuhardenberg über anstehende Reformen in den Bereichen Rente, Pflege und Gesundheit. Kanzleramtschefin Nina Warken betont trotz parteiinterner Widerstände den Willen zur Umsetzung.

Israel führt trotz US-Widerstands Militäroperationen in Syrien durch und bezeichnet die Türkei als Feind. Benjamin Netanyahu rechtfertigt die Angriffe als Abwehr von Bedrohungen, was Beobachter auch in den Kontext seines Wahlkampfs stellen.