
Bischof Wilmer äußert sich zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, der Haltung der Kirche zur AfD, dem Reformprojekt Synodaler Weg und Fragen der nuklearen Abschreckung.
Im F.A.Z.-Interview spricht Bischof Wilmer über die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die Positionierung der katholischen Kirche gegenüber der AfD, den Synodalen Weg, Kirchenaustritte und Fragen der atomaren Abschreckung.
AI-generated summary
Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt äußert sich Bischof Wilmer im Interview zu politischen und kirchlichen Themen.
Herr Bischof Wilmer, am Sonntag ist Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die AfD dürfte dort die stärkste Kraft werden. Dürfen Katholiken diese Partei wählen?
Die Zeiten sind vorbei, in denen jemand sagt: Du kannst nur das oder das tun. Wir leben in einer mündigen Gesellschaft. Ich appelliere an die Mündigkeit der Wählerinnen und Wähler in Sachsen-Anhalt, ihr Gewissen zu schärfen. Migranten stören nicht. Als Christinnen und Christen stehen wir insbesondere für Nächstenliebe und die unverhandelbare Würde jedes Menschen, gerade auch der Schwächsten in unserer Gesellschaft. Dazu gibt es keine Alternative, weder in Deutschland noch anderswo. Die AfD attackiert diese Grundwerte und hintergeht unsere demokratische Staatsform als solche. Ihre Alternative für Deutschland ist eine Gesellschaft, in der Freiheit, Menschenwürde und Demokratie eingeschränkt werden.
Die Bischöfe haben ungewöhnlich deutlich dazu aufgerufen, die AfD nicht zu wählen. Umfragen zeigen jedoch, dass ihr Stimmenanteil selbst unter regelmäßigen Gottesdienstbesuchern nicht oder kaum geringer ist als im Durchschnitt. Wie erklären Sie sich das?
Viele Menschen, auch Christen, haben das Gefühl, dass Politiker der etablierten Parteien ihre Sorgen nicht ernst nehmen. Gerade im ländlichen Raum fühlen sich viele abgehängt. Zur Wahrheit gehört aber auch: Wir stehen vor enormen Herausforderungen: Kriege, Klimakatastrophe, wirtschaftliche Transformation, internationale Verwerfungen. Das kann sehr leicht überfordern. Und da sind einfache Antworten, mit denen das Blaue vom Himmel versprochen wird, verlockend. Sie sind aber keine Lösung, sondern es braucht, auch in der Politik, Differenzierung und Ehrlichkeit.
Die Kirchen ziehen sich ja auch aus dem ländlichen Raum zurück. Trägt die katholische Kirche auch eine Mitschuld am Aufstieg der AfD?
Als Kirche dürfen wir uns auf keinen Fall aus dem ländlichen Raum zurückziehen und tun das auch nicht. Wir brauchen Zentren, wir brauchen Kreativität und müssen Antworten darauf finden, wie wir damit umgehen, dass die Zahl der Gläubigen und der Priester geringer wird. Zugleich erlebe ich auf dem Land und in der Stadt nach wie vor sehr viel Engagement von Christen. Wir brauchen neue Möglichkeiten der Verantwortung, wo wir als Getaufte noch stärker zusammenarbeiten. Und vielleicht brauchen wir doch wieder eine Hinwendung zu einer uralten Praxis: dass wir bestimmte Zentren bilden, an denen Kirche besonders präsent ist. Also konkret: In einem Dorf oder Stadtteil ist es die Pfarrei, in einem andern die katholische Kindertagesstätte oder das Krankenhaus. Unser Ansatz darf nicht zentralistisch sein.
AfD-Politiker versuchen, ihre Partei als wahre Hüterin christlicher Werte darzustellen, die von Unionsparteien und den Kirchen nicht mehr vertreten würden. Sie haben die Vorschläge der Rentenkommission begrüßt. In der Debatte über die Leihmutterschaft haben Sie geschwiegen. Hat die Kirche dazu nichts zu sagen?
Das Gegenteil ist der Fall. Wir haben nicht geschwiegen. Die Texte zur Leihmutterschaft, auf die wir verwiesen haben, stammen aus dem Jahr 2024 und sind damit älter als unsere Stellungnahme zur Rente. Unsere Position ist sonnenklar. Wir lehnen die Leihmutterschaft ab. Das wissen die Leute auch. Ich finde es ermüdend, wenn sich die Kirche alle drei bis vier Wochen zu denselben Themen äußert.
Ermüdend finden viele Verfechter des Reformprojekts „Synodaler Weg“ den Streit über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. Der Vatikan hat deutlich gemacht, dass die deutsche „Handreichung“ dafür gegen Kirchenrecht verstößt, unternommen hat er bisher nichts. Bleibt es dabei?
Mein Eindruck ist – und Papst Leo hat es auch klar gesagt –, dass über diese Frage die katholische Kirche doch nicht zerbrechen möge. Ich glaube, dass es auch aus römischer Sicht darum geht, wie wir Menschen gut pastoral begleiten können. Gleichzeitig haben wir dabei auch unterschiedliche kulturelle Gegebenheiten und Gepflogenheiten zu respektieren. And dann haben wir die Bistümer vor Ort mit Verantwortlichen. Ich bin der festen Überzeugung, dass auch Rom den jeweils Verantwortlichen vertraut und ihnen zutraut, mit Blick auf die Situation vor Ort und auf die Weltkirche richtige Entscheidungen zu treffen.
Sie lassen solche Segensfeiern für homosexuelle Paare also in Ihrem Bistum zu, wollen aber nicht weiter darüber reden.
Ich bin dafür, dass wir das Evangelium verkünden, mit Freude, mit Zuwendung und mit Herz.
Viele deutsche Katholiken warten schon lange darauf, dass sich die Weltkirche bewegt. Kann das Prinzip „Der Langsamste gibt das Tempo vor“ dauerhaft funktionieren?
Mit den Vokabeln „funktionieren“ und „Prinzip“ kommen wir in eine Beamtenmentalität, und ich frage mich, ob wir hier der Dynamik des Evangeliums entsprechen. Im Übrigen halte ich die Perspektive für schwierig: Wer definiert denn, was schnell und langsam ist. Wir dürfen hier nicht nur aus der deutschen Perspektive schauen, sondern müssen die Unterschiedlichkeit kultureller Prägungen ernst nehmen.
Anlass für den „Synodalen Weg“ war die Missbrauchskrise. In den vergangenen Jahren haben gut ein Dutzend Bistümer Studien dazu in Auftrag gegeben. Die sind so unterschiedlich angelegt, dass sich die Ergebnisse kaum vergleichen lassen. Wäre eine Studie für alle Bistümer besser gewesen?
Aus heutiger Sicht wäre es für die Kirche in Deutschland besser gewesen, nach der MHG-Studie eine zweite Studie für alle Bistümer in Auftrag gegeben zu haben. Sicher sind die Studien unterschiedlich, aber die Ergebnisse zeigen doch grundsätzliche Erkenntnisse, die uns in der Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels gut weiterbringen.
Der Missbrauchsskandal hat viel dazu beigetragen, dass die katholische Kirche stark an Vertrauen verloren hat. Wie wollen Sie verhindern, dass sie zur Sekte wird?
Wird die Kirche denn kleiner?
Ja.
Woran machen Sie das fest?
An den Austrittszahlen zum Beispiel.
Wenn Sie das als Kriterium anlegen, dann stimmt das zum einen nur für einige Länder. Für den anderen möchte ich dann jetzt doch eine Kritik an der Kritik der religionssoziologischen Analyse vorsichtig anbringen. Was sind unsere Kriterien, wie messen wir? Die Maßstäbe werden festgelegt durch Forscher, die vor allem religionssoziologisch arbeiten. Das kann und muss man auch machen. Ich möchte nur sagen: Die Messung ist nicht hinreichend. Mir fehlt der Maßstab Jesu, des Evangeliums. Es gibt noch eine andere Definition von Kirche.
Und die wäre?
Es wäre vermessen, Kirchenzugehörigkeit nur daran zu messen, wie die deutsche Institution verfasst ist. Es geht nicht nur um die Frage, wer sonntags zur Kirche geht, wer sich taufen und kirchlich trauen lässt. Es ist richtig, das alles zu fragen. Zusätzlich möchte ich dazu einladen, auch zu messen, wer und wie viele Menschen in Deutschland Hungrigen zu essen geben, die sich nach Brot, aber auch nach Sinn und Erfüllung sehnen. Wer besucht Kranke? Wie viele kümmern sich um Obdachlose?
Vereinnahmen Sie damit nicht Menschen, die gar nichts mit der Kirche zu tun haben wollen?
Nein. Wir erklären sie ja nicht zu Kirchenmitgliedern. Wir zollen ihnen Respekt für ein Tun, das unseren christlichen Werten entspricht.
Die Kirche wird demnach keine Sekte?
Es kann nicht sein, dass unsere Kirche zu einer Sekte verkommt. Unsere Kirche muss eine offene sein. Es geht um Herkunft ohne Überheblichkeit, Zugehörigkeit ohne Ausgrenzung und Offenheit ohne Selbstverlust.
Sie haben in Ihrer ersten Ansprache nach Ihrer Wahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz im Februar einen Satz gesagt, der aufhorchen ließ: Kirche sei attraktiv. Wie meinen Sie das?
Ich halte unsere Kirche für hochattraktiv, ohne irgendetwas schönreden zu wollen. Sie ist attraktiv, weil sich Menschen nach Gemeinschaft sehnen, während die Fragmentierung der Gesellschaft zunimmt, weil wir die Frage nach unserer Identität nicht den Identitären überlassen dürfen. Wir sehnen uns nach einem Dach über der Seele, nach Begeisterung, nach Feuer. Wunderbare Orte für junge Menschen sind etwa die Kindertagesstätten und andere kirchliche Einrichtungen für Familien. Unsere Erziehungs- und Bildungseinrichtungen sind Bestseller.
Warum trennen sich dann manche Bistümer von Schulen?
Wir müssen unbedingt bei jungen Menschen bleiben. Es geht darum, dass wir junge Menschen begleiten durch die Fluten des Lebens vorbei an den Klippen. Nicht umsonst sind Odysseus und Homer so populär. Der Film von Christopher Nolan hat da ins Schwarze getroffen. Das ist auch eine Botschaft für die Kirche. Wir sehnen uns doch alle irgendwie nach Ithaka.
Ein besonders attraktiver kirchlicher Ort ist auch der Kölner Dom. Haben Sie Verständnis dafür, dass nun gerade dort Eintritt verlangt wird?
Ich habe Respekt vor Entscheidungen der lokalen Kirchen. Auch in Spanien, in den Vereinigten Staaten und anderen Ländern wird für Kirchen Eintritt erhoben. Deshalb bricht die Kirche nicht zusammen.
Die deutschen Bischöfe haben die „Zeitenwende“ vergleichsweise schnell vollzogen. Nur in der Frage, ob auch eine atomare Abschreckung vertretbar ist, sind sie einer Antwort ausgewichen.
Wir haben uns in keiner Weise davon verabschiedet, dass ein gerechter Friede für uns ein sehr hohes Gut ist. Und zur atomaren Abschreckung haben die Päpste eine klare Position formuliert. Schon der Besitz von Atomwaffen ist demnach verwerflich, weil durch diese Waffen so viel Schaden und Katastrophen angerichtet werden, dass der Einsatz von Atomwaffen unter keinen Umständen zu rechtfertigen ist. Uns als katholischer Kirche ist wichtig, dass wir mit Blick auf die Ukraine jetzt schon im Krieg unbedingt den Frieden vorbereiten müssen. Wir müssen uns fragen, wie eine Friedensordnung für Europa und die Welt aussehen kann.
Wenn nun aber deutsche Politiker zu dem Ergebnis kämen, dass für eine solche Friedensordnung eine atomare Abschreckung unerlässlich ist, weil auf die USA kein Verlass mehr ist?
Die katholische Lehre sagt: Wenn ich als Einzelperson angegriffen werde, habe ich das Recht, mich zu verteidigen. Ich muss es nicht, ich kann auch noch die linke Wange hinhalten, aber ich habe das Recht dazu. Sobald ich aber Verantwortung für andere Menschen trage, habe ich die Pflicht, mich vor die Großgruppe zu stellen und sie zu verteidigen. Dabei müssen aber die Mittel verhältnismäßig bleiben. Atomwaffen dürfen dabei kein reguläres Element einer Verteidigungsstrategie sein. Die Politik muss darauf ausgerichtet sein, Abschreckungsstrategien zu entwickeln, die ohne diese Massenvernichtungswaffen auskommen. Mir ist klar: Das geht nicht von jetzt auf gleich. Aber es ist die Richtung, die eingeschlagen und verfolgt werden muss. Es darf keine Gewöhnung an Nuklearwaffen geben.

Russland schließt als Vergeltung für deutsche Strafmaßnahmen nach dem Drohnenzwischenfall am Flughafen Leipzig/Halle die Standorte des Goethe-Instituts. Außenminister Lawrow verkündete den Schritt, während Berlin Moskau für den Angriff verantwortlich macht.

Der traditionelle Gillamoos in Abensberg bietet Parteien wie CSU, AfD, Freien Wählern, Grünen und SPD eine Bühne zur Einordnung der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Im Fokus stehen Reden prominenter Politiker und die bayerische Landespolitik.

Vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt warnen katholische Bischöfe vor der AfD und betonen, Nächstenliebe sei mit völkischem Nationalismus unvereinbar. Unterdessen bestreiten die Parteispitzen die letzten Tage des intensiven Wahlkampfs.

Das US-Verteidigungsministerium steht inmitten des Irankriegs wegen personeller Umwälzungen und des umstrittenen Führungsstils von Minister Pete Hegseth unter Druck. Nach zahlreichen Entlassungen von Generälen hat nun Heeres-Staatssekretär Daniel Driscoll seinen Rücktritt eingereicht.
Anlässlich von Landtagswahlen beleuchtet eine Podcast-Folge die vermeintliche Nähe zu Russland in Ostdeutschland, die Rolle von Parteien wie AfD und BSW sowie historische Wurzeln seit der Sowjetzeit.

Nach Sabotageakten an Energieanlagen in Brandenburg und NRW sieht das Bundesinnenministerium die kritische Infrastruktur stark gefährdet. Politiker fordern bessere Schutzkonzepte, während Verbände mehr Rechte für Betreiber verlangen.