„Was in Deutschland geschieht, ist für mich als Überlebenden des Holocaust unheimlich schmerzlich“
Leon Weintraub hat Konzentrationslager überlebt und erlebte den Terror am 7. Oktober in Israel. Im WELT-Interview spricht der 100-Jährige über die Parallelen zur Geschichte, den Aufstieg der AfD und die Gefahr durch radikale Linke.
Quick Look
- Holocaust-Überlebender Leon Weintraub warnt im Interview vor dem Erstarken von Rechtsextremismus in Deutschland und dem Antisemitismus der radikalen Linken.
- Er fordert die Prüfung eines AfD-Verbots und zeigt sich dennoch optimistisch.
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Why It Matters
Leon Weintraub ist ein 100-jähriger Holocaust-Überlebender, der Konzentrationslager überlebte und am 7. Oktober 2023 den Hamas-Überfall in Tel Aviv miterlebte.
Leon Weintraub wurde 1926 im polnischen Lodz geboren und später mit seiner Familie von den Nationalsozialisten verschleppt. Er hat mehrere Konzentrationslager überlebt, darunter Auschwitz-Birkenau, Groß-Rosen und Flossenbürg. Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte er in Göttingen Medizin, lebte bis 1969 in Polen und zog dann nach Schweden in die Nähe von Stockholm. Weintraub ist heute 100 Jahre alt und als Zeitzeuge und Redner immer noch aktiv.
WELT: Herr Weintraub, es heißt immer, Geschichte wiederholt sich nicht. Sie haben den Holocaust überlebt. Sie waren am 7. Oktober 2023 in Tel Aviv, als Israel überfallen wurde und rund 1200 Menschen ermordet wurden. Jetzt frage ich Sie wieder, auch angesichts der Entwicklungen in Deutschland: Fürchten Sie, dass sich Geschichte wiederholt?
Leon Weintraub: Ich bin nicht überzeugt von Wiederholung. Es ist ja nie identisch. Aber diese Wellen von gewissen Ereignissen, Haltungen, die kommen wieder und immer wieder. An diesem 7. Oktober 2023, an diesem verhängnisvollen Tag, war ich mit meiner Frau Evamaria in Tel Aviv zu Besuch bei Verwandten und Freunden. Wir wurden um halb sieben morgens geweckt – und zwar durch das Geheul der Sirenen. Aber es war keine Feuerwehr, es war keine Ambulanz. Es war ein ganz anderer Ton. Und zu meinem Erschrecken war ich wieder im September 1939. Ich habe wieder gefühlt: Ich bin im Krieg.
Das war ein sehr furchtbares Aufwachen. Und dann haben wir nach ein paar Stunden erfahren, was geschehen ist. Dass eine Gruppe Terroristen unter dem Namen von Hamas eingedrungen ist in Israel – und Zivilisten, Alte, Jung, Kinder, Frauen, Männer auf eine unfassbar unmenschliche Weise ermordet hat.
WELT: War das Massaker etwas, das Sie überhaupt für möglich gehalten haben?
Weintraub: Es war unfassbar, dass Menschen so viel Hass entwickeln und andere auf so bestialische Art und Weise abgeschlachtet haben. Ich kriege das nicht von meiner Netzhaut runter, dieses Bild: Dieser Terrorist, der eine junge Frau an den Beinen gepackt hat, sie vergewaltigt und dann den entblößten, blutenden Körper anderen vorführt. Und dann schießt er ihr in den Hinterkopf, ermordet sie. Wie kann ein menschliches Wesen zu so etwas fähig sein? Das ist unfassbar für mich.
Das sind ja keine Menschen. Aber auch Tiere würden so etwas nicht machen. Tiere töten, um zu essen, weil sie Hunger haben. Diese Leute haben Babys in brennende Häuser geworfen. Und alles wurde gefilmt, auf Video festgehalten. Das ist noch klarer dokumentiert als die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs – und die wurden wie kein anderes Ereignis der Weltgeschichte aufgearbeitet. In Wort und Bild von den Überlebenden, von den Befreiern – und nicht zuletzt von den Tätern selbst.
Und dennoch gibt es heute Menschen, die trotz dieser Millionen und Abermillionen Toten im Zweiten Weltkrieg die Dinge leugnen. Und auch leugnen, was in Israel vor drei Jahren passiert ist.
WELT: Blicken wir auf die aktuelle politische Situation in Deutschland. Es gibt Parteien, namentlich die AfD, die dafür wirbt, die Erinnerungskultur in Deutschland neu zu denken. Das muss Sie persönlich schmerzen.
Weintraub: Es gibt heute wieder sehr viele Menschen in diesem Land, die von einem Großdeutschland träumen. Von einem „reinen“ Deutschland – ohne darüber nachzudenken, was geschehen würde, wenn von einem Tag auf den anderen alle nicht hier Geborenen, alle nicht arischen Deutschen, das Land verlassen würden. Das Land würde ja zusammenbrechen. All die Menschen, die hier arbeiten, wären plötzlich weg. Unfassbar! Und was für ein Verstoß gegen jegliche Menschenrechte wäre das? Was jetzt in Deutschland geschieht, das ist für mich als Überlebenden des Holocaust, als Menschen, der in Deutschland nach dem Krieg Medizin studiert hat und dem Land sehr verbunden ist, unheimlich schmerzlich.
WELT: Sind Sie der Meinung, dass ein Verbotsverfahren gegen die AfD angestrengt werden sollte? Oder ist diese Partei etwas, das eine Demokratie aushalten muss?
Weintraub: Ich bin überzeugt, dass die Demokratie sogar verpflichtet ist, ein Verbot zu prüfen! Denn wie kann eine Demokratie es dulden, dass eine Partei öffentlich finanziert wird, die die Abschaffung der Demokratie anstrebt? Das ist doch ein Paradox!
Eine Partei, die sagt: Nicht alle, die SS-Uniformen anhatten, waren Kriminelle. Und dass Hitler nicht nur böse war, sondern dass er auch gute Taten vollbracht hat. Was sind das für Menschen, die so etwas sagen? Was haben die für Wurzeln? Was haben sie vor?
Und ich kann nur wiederholen, dass man diese rechten Radikalen wirklich ernst nehmen muss. Nicht wie in den 30er-Jahren. Hitler hat es damals geschafft, an die Macht zu kommen.
Aber ich habe nicht nur Sorge, was die Rechtsextremen angeht. Das gilt genauso für die radikale Linke, von deren Mitgliedern ich eigentlich gedacht hatte, dass sie gebildet, dass sie Intellektuelle sind. Beide gehen in die gleiche Richtung. Das ist für mich eine große Enttäuschung.
WELT: Wo sehen Sie die größere Gefahr? Ist das der rechte Rand mit der AfD? Oder ist das der linke Rand – der Linkspartei wird ja vorgeworfen, offen antisemitisch aufzutreten.
Weintraub: Ich glaube, der rechte Teil ist bedrohlich durch tatsächliche Gewaltanwendung. Es gibt dort Leute, die auch handgreiflich werden. Die radikale Linke ist raffinierter. Die versucht, Gedanken zu vergiften – und richtet so einen großen Schaden an. Sie verfälscht die Realität und versucht, sie entgegen den Fakten darzustellen. Durch ihr Gutmenschentun verdreht sie die Wirklichkeit. Die Angegriffenen, der Staat Israel, sind auf einmal der Böse. Und die Angreifer, Hamas und ihre Befürworter, ihre Anhänger, sind auf einmal die Opfer. Dieser rhetorische Einfluss ist unheimlich schädlich.
WELT: Wenn Sie die Entwicklung in Deutschland und Europa sehen, haben Sie den Eindruck, dass die Bundesregierung hier, aber auch andere demokratisch gewählte Regierungen europaweit überhaupt in der Lage sind, diesen Extremismus links und rechts effektiv zu bekämpfen?
Weintraub: Es gibt ja in Deutschland genug Beispiele, dass es gelungen ist, gewisse Gruppen zu verbieten. Wie die KPD seinerzeit, die FDJ und die NPD, die ja ebenfalls rechtsradikal war. Ich glaube, ein starker Staat wie Deutschland, der es geschafft hat, nach dem Krieg durch große Anstrengungen – von Adenauer an – zu einem Rechtsstaat zu werden, der hat auch jetzt die Kraft, Freiheit und Demokratie durchzusetzen.
Ich bin ja ein unheilbarer Optimist. Wenn man sieht, dass bei den Wahlen in Sachsen-Anhalt die AfD 43 Prozent holt, dann bedeutet das, dass 57 Prozent anders gewählt haben. Ich sehe immer das Positive. Und ich bin mir voll bewusst über das Gewicht meiner Aussage, wenn ich formuliere: Deutschland ist nicht nur eine Demokratie, sondern muss auch die Feinde der Demokratie identifizieren und sie entsprechend behandeln.
Open Questions
- Wie wird die deutsche Politik auf Weintraubs Forderung nach einem AfD-Verbot reagieren?
- Welche konkreten Konsequenzen zieht die Bundesregierung aus dem wachsenden Antisemitismus?


