
Migrationsforscher Gerald Knaus erklärt, warum die AfD keine Angst vor selbst verursachten Wirtschaftskrisen hat – und die Folgen ihrer völkischen Ideologie verheerend wären.
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Migrationsforscher Gerald Knaus analysiert im Interview den Aufstieg der AfD in Sachsen-Anhalt und deren völkische Netzwerke.
Migrationsforscher Gerald Knaus erklärt, warum die AfD keine Angst vor selbst verursachten Wirtschaftskrisen hat – und die Folgen ihrer völkischen Ideologie verheerend wären.
Berlin. Herr Knaus, die AfD liegt in Sachsen-Anhalt fast uneinholbar vorn. Sie romantisiert eine Vergangenheit, die erst von Diktatur, dann von Massenarbeitslosigkeit geprägt war. Warum ist das Spiel mit der Nostalgie so erfolgreich?
Die AfD bietet heute eine große Erzählung vom Verrat der Eliten, dem drohenden Volkstod und dem notwendigen radikalen Systemwechsel. Rechtsextreme Denker haben in den vergangenen 15 Jahren den Boden dafür bereitet. Identitäre entwickelten Erzählungen, um den „Krieg um die Köpfe“ führen zu können. Der neurechte Herausgeber Götz Kubitschek baute die Infrastruktur für diesen Kulturkampf – und zwar in Schnellroda, Sachsen-Anhalt.
Es ist also kein Zufall, dass die AfD in Sachsen-Anhalt so stark ist?
Wir haben es in Sachsen-Anhalt mit einem Kraftzentrum völkischer Ideen zu tun – mit dem Antaios-Verlag, der Zeitschrift Sezession, dem Institut für Staatspolitik und engen Anknüpfungspunkten für die Identitäre Bewegung. Die demokratische Mitte hat dieses rechtsextreme Netzwerk, das vom Osten aus Deutschland erobern will, lange unterschätzt.
Wie geht dieses Netzwerk vor?
Es ging von Anfang an darum, durch neue Sprache, neue Mythen, neue Erzählungen völkische und faschistische Ideen attraktiv zu machen für eine junge Generation. Man übersetzte rechtsextreme französische Texte ins Deutsche, wie die Geschichte vom großen Bevölkerungsaustausch.
Was ist das für eine Erzählung?
Man schuf eine emotionale Untergangserzählung mit klaren Feinden, Helden und einer Utopie der harmonischen Volksgemeinschaft, die etwa deutsche Muslime ausschließt. Es ist ein Projekt, das die Grundlagen der Bundesrepublik seit 1949 infrage stellt. Dafür muss man rechtsextreme Ideen wie „Remigration“ in den Mainstream tragen. Und das gelang auch, und zwar erstaunlich erfolgreich.
Wie erklären Sie sich das?
Alles, was passiert, wird in das Weltbild vom Eliten-Verrat eingefügt. Seien es die syrische Fluchtmigration und der Krieg Putins gegen die Ukraine, seien es der Aufstieg Donald Trumps, die Krise der Autoindustrie und jeder Terroranschlag. Der technokratischen Vision von „Reformen“ oder „Entbürokratisierung“ wird eine packende, tatsächlich verrückte Geschichte von der Auflösung des Volkes entgegengestellt. Und diese dann über Jahre wiederholt. So agierte auch der ehemalige serbische Präsident Slobodan Milošević, ebenso Wladimir Putin.
Die AfD zieht nun mit dem Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund in den Wahlkampf, der kumpelhaft daherkommt. Mäßigt die Partei sich nun doch, um an die Macht zu kommen?
Nein. Die AfD spielt in Sachsen-Anhalt virtuos mit einer doppelten Botschaft. Siegmund ist freundlich, lächelt, geht auf Menschen zu. Gleichzeitig sitzt er in Dessau auf einer Bühne, während ein Kabarettist Witze über die Ermordung von Friedrich Merz und Angela Merkel macht. Neben ihm zieht ein Mann wie Hans-Thomas Tillschneider die Fäden, der nie einen Zweifel daran ließ, dass er sich Putin näher fühlt als europäischen Demokraten. Siegmund nimmt Leuten die Angst vor der AfD, mit ihm kann man ein Bier trinken. Gleichzeitig wiederholt er das radikale Versprechen, dass nichts so bleibt, wie es ist, wenn die AfD erst einmal in Berlin regiert.
Der „Spiegel“-Titel war unglücklich. Die Inszenierung Siegmunds auf dem Coverbild war irreführend. Gefährlich ist nicht er, sondern das völkische Netzwerk in seiner Partei. Die AfD ist heute die gefährlichste Partei in der EU; sie verfolgt eine für Demokratie und Wohlstand extrem gefährliche Agenda. Der Bundesvorstand besteht zur Hälfte aus identitär Denkenden der aufgelösten Jungen Alternative und dem ehemaligen Flügel rund um den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke, vor dem einst auch die Parteivorsitzende Alice Weidel kapitulierte.
Bundeskanzler Friedrich Merz warnt, internationale Unternehmen würden unter einem AfD-Ministerpräsidenten nicht mehr in Sachsen-Anhalt investieren. Verfängt dieses Argument in der Schlussphase des Wahlkampfs?
Wir müssen grundsätzlicher argumentieren. Die völkische Rechte hat keine Angst vor wirtschaftlichen Krisen. Im Gegenteil. Die AfD sieht jede Erschütterung als Chance, ein verhasstes System zu zerstören. Kubitschek sagte bei einem Treffen mit führenden AfD-Politikern 2024, Deutschland brauche ein „Kältebad“. Eine tiefe Krise, die Menschen aus ihrer Bequemlichkeit rüttelt und den Systemwechsel ermöglicht.
Wie sieht dieser Systemwechsel aus?
Es geht um die Zerstörung des Europas von Konrad Adenauer und Helmut Kohl. Der Austritt aus dem Euro wird offen gefordert. Das erfordert aber, dass Deutschland auch die EU verlässt. Das hätte auch für ein exportabhängiges Bundesland wie Sachsen-Anhalt dramatische Folgen. Damit greift die AfD die wirtschaftliche Grundlage des Landes an. Aber ökonomische Variablen wie die Zukunft des EU‑Binnenmarkts für Handel und Investitionen interessieren die AfD nicht.
Was interessiert sie dann?
Höcke spricht seit Jahren lieber von der „Kernschmelze der Deutschen“ und davon, dass es darum gehe, den „Volkstod“ zu verhindern. Eine so extrem ideologische Politik gab es in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten nicht. Darum wird sie, wie in den USA Donald Trumps Agenda, in ihrer Gefährlichkeit unterschätzt.
Viele Menschen wählen die AfD wegen wirtschaftlicher Sorgen. Wie passt das zusammen?
Es passt nicht zusammen. Sachsen-Anhalt schrumpft demografisch. 1990 wurden dort 36.000 Kinder geboren, zuletzt waren es 12.000. Wer sich um Infrastruktur, Sozialsysteme, ländliche Räume und die Chemieindustrie sorgt, müsste an stabilen europäischen Märkten und geordneter Zuwanderung interessiert sein. Deutschland exportiert 2026 mehr nach Polen, Tschechien, Ungarn und Rumänien als in die USA und nach China zusammen. Die AfD aber will die Annäherung an Russland und einen Zaun rund um das Land. Das ist kein überzeugendes Wirtschaftsprogramm.
Was überzeugt also die Wähler daran?
Die Geschichte Siegmunds lautet: Ein Ende der deutschen Ukrainehilfe oder der Beiträge an die EU brächte das Geld für Wachstum. Das ist schlicht absurd, so wie einst die Versprechen des Brexits. Aber von AfD-Gegnern und auch Medien wird die große Geschichte der Partei zu selten systematisch zerlegt.
Ihr Vorwurf lautet also, die demokratische Mitte vermeide die harte, inhaltliche Konfrontation?
Ja. In Sachsen-Anhalt wurde lange ein technokratischer Wahlkampf geführt, fast wie bei einer Bürgermeisterwahl. Natürlich sind demokratische Parteien wie die CDU gegen die AfD. Aber sie benennen die existenzielle Gefahr, die von der AfD ausgeht, nicht deutlich genug. Dass es um unsere Grundfesten, um Europa, Frieden, Recht und das Modell von Wohlstand seit 1948, geht. Und um Sicherheit in Zeiten einer hochangespannten Lage in einer Konfrontation mit Russland.
Nutzt Russland die AfD als Waffe im Kampf gegen die Bundesrepublik?
Die Führung Russlands freut sich offen auf den Tag, an dem die AfD an die Macht kommt. Kirill Dmitriev, einer der mächtigsten Männer im Kreml, tweetet seine Unterstützung: Die AfD sei die Zukunft Deutschlands. In St. Petersburg beim Wirtschaftsforum wurden AfD‑Politiker von Putins Elite wie Vertreter eines mächtigen Verbündeten willkommen geheißen. Dahinter steckt ein gemeinsames Weltbild: Großstaaten machen, was sie wollen, und verschaffen sich wie Raubtiere ihre Einflusssphären. Für Putin ist dieses Denken normal. Für Deutschland wäre es der Bruch mit allem, was durch die europäische Versöhnungspolitik nach dem Zweiten Weltkrieg erreicht wurde.
Wächst bei unseren Nachbarn die Sorge vor einem nationalistischen Deutschland?
Noch richtet sich der Blick auf Russland. Hier sehen Dänen, Finnen, Schweden und die baltischen Staaten Gefahren klarer als wir. Dänemark hat die Wehrpflicht für alle Männer und Frauen eingeführt. Junge Menschen in den baltischen Staaten üben in der Schule mit Drohnen oder neben dem Beruf in der Territorialverteidigung. Dabei wissen alle: Deutschland ist heute der wichtigste Stützpfeiler des demokratischen Europas. Wenn Berlin die Ukraine nicht mehr unterstützt, steigt die Chance eines russischen Sieges enorm.
Welche Auswirkungen hätte das?
Das würde Europas Sicherheit zerstören und dazu neue große Fluchtbewegungen auslösen. Ausgerechnet die AfD, die behauptet, Migration bekämpfen zu wollen, unterstützt mit Putin den größten Verursacher von Flucht in Europa.
Bundeskanzler Friedrich Merz sagt, Migration spiele in den Wahlkämpfen keine Rolle mehr. Hat er recht?
Nein. Das ist ein großer strategischer Fehler. Die wichtigste Erzählung der AfD lautet, Europas Eliten wollten die Bevölkerung durch Massenmigration austauschen. Alle Probleme – Kriminalität, die Krise der Sozialsysteme, Wohnungsnot – werden auf diesen angeblich geplanten Austausch zurückgeführt. Stoppen aber könne man ihn nur, indem Gerichte, europäische Standards, das Grundgesetz und Menschenwürde außer Kraft gesetzt werden, um Millionen zur Ausreise zu drängen.
Was erhofft sich die AfD tatsächlich davon?
Die Partei spielt hier mit einer doppelten Botschaft. Nach außen bedeutet etwa „Remigration“ nur die Abschiebung ausreisepflichtiger Menschen. Gleichzeitig fragen AfD-Politiker offen, was aus den Moscheen wird, wenn keine Muslime mehr in Deutschland leben. Man muss nur zuhören: Das ist das Versprechen ethnischer Säuberung.
Das ist ein massiver Vorwurf. Die AfD verweist darauf, dass es eine klare Mehrheit für eine harte Migrationspolitik gibt.
Ein demokratischer Staat muss irreguläre Migration kontrollieren und ausreisepflichtige Personen zurückführen. Die Grenze ist aber dort überschritten, wo Menschen nicht mehr als Träger gleicher Rechte behandelt werden, sondern Zugehörigkeit aufgrund von Herkunft oder Religion bestritten wird. Wer etwa deutsche Muslime aus dem Land drängen will, redet nicht über Vollzug des Asylrechts, sondern über eine ethnische Neuordnung Deutschlands.
Was sollte die Antwort der Mitte sein?
Die Mitte braucht klare Werte und starke Bilder. Sie muss und kann Kontrollverlust an den Außengrenzen stoppen. Die Bilder des Ansturms auf die spanische Enklave Ceuta haben gezeigt, wie schnell ganz Europa in Panik gerät, auch wenn noch niemand das europäische Festland erreicht hat. Demokratische Politik muss klar zeigen, dass ein Ende der irregulären Migration möglich ist, ohne Asylrecht, Menschenwürde und europäische Menschenrechtsstandards zu opfern.
Wie stark hat Migration zum Aufstieg der AfD beigetragen?
Angela Merkel war Kanzlerin, als 2015 und Anfang 2016 etwa eine Million Menschen nach Deutschland kamen. Die Umfragewerte der AfD stiegen auf bis zu 15 Prozent. Doch dann hat eine kluge Politik die Zuzugszahl stark reduziert. 2019 lag die Zahl der Asylanträge bei einem Fünftel des Niveaus von 2016. Das EU-Türkei-Abkommen vom März 2016 war dafür entscheidend. Migration verlor damals an Bedeutung, Klimapolitik wurde das große Thema, und die AfD fiel bei der Bundestagswahl 2021 auf zehn Prozent.
Und nun: mehr als 40 Prozent in Sachsen-Anhalt.
Ja, weil Migration erneut zu einer der größten Sorgen wurde. Nach dem Zusammenbruch der EU-Türkei-Erklärung 2020 fehlte eine neue Strategie. In den Jahren 2022 bis 2024 gab es wieder 850.000 Asylanträge, vor allem von Syrern und Afghanen. Dazu kamen mehr als eine Million Menschen aus der Ukraine. Da verschwand viel Vertrauen. Und die AfD stieg von zehn auf etwa 20 Prozent.
Was haben die demokratischen Parteien falsch gemacht?
Die Ampel hat es nicht geschafft, nach dem Ende des EU-Türkei-Abkommens eine neue Strategie zu entwickeln. Und in der Union gaben viele Angela Merkel die Schuld, obwohl es pro Kopf mehr Asylanträge in Österreich unter Kanzler Sebastian Kurz gab. Denn die zentralen Fluchtursachen waren für Berlin wie für Wien Putins Kriege in Syrien und der Ukraine.
Inzwischen heißt es oft: Die Brandmauer zur AfD war ein Fehler, sie hat die Partei nicht geschwächt. Man müsse sie einbinden, damit sie sich entweder mäßigt oder entzaubert. Was meinen Sie?
Wir müssen uns die Ziele der AfD vergegenwärtigen. Die von Höcke geprägte völkische AfD will keine pragmatische Reformregierung bilden. Sie interessiert sich nicht dafür, mit Koalitionspartnern die Sozialsysteme besser zu finanzieren. Höcke spricht offen davon, dass Deutschlands Identität seit den Bombenangriffen auf Dresden 1945 und dem Aufbau der Bundesrepublik unter alliierter Aufsicht angeblich systematisch zerstört worden sei. Die Höcke-AfD will keinen Politikwechsel, keine Koalitionen, sondern den Systembruch. Eine radikale Partei probeweise regieren zu lassen, wäre kein verantwortungsvolles Experiment. Das lehrt auch die deutsche Geschichte.
Das Ergebnis der Brandmauer ist jedoch, dass die AfD sich als einzig wahre Oppositionskraft profilieren kann und damit nach der absoluten Mehrheit in Sachsen-Anhalt greift. Liegt es da nicht nahe, die Brandmauer infrage zu stellen?
Die Politik der Brandmauer ist nicht schlüssig konzipiert. Wenn andere Parteien sagen, die AfD sei eine gefährliche Partei, wenn sie diese AfD aus Ausschüssen und parlamentarischen Positionen heraushalten, aber dann kein Verbotsverfahren anstreben, entsteht ein Widerspruch.

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